Stefanie Pionke zu Clemens Tönnies

Fallhöhe und Absturz


Stefanie Pionke (39) ist weitere Chefredakteurin der agrarzeitung.
Foto: Privat
Stefanie Pionke (39) ist weitere Chefredakteurin der agrarzeitung.

Clemens Tönnies hat es weit gebracht. Jetzt wenden sich viele aus der High Society von Wirtschaft und Politik von ihm ab. Auf Sigmar Gabriel aber ist Verlass.

Schalke sei „kein Schlachthof“. Unter diesem Motto protestierten Fans Medienberichten zufolge unlängst gegen die Ägide Tönnies und stellten sich „gegen die Zerlegung ihres Vereins.“ Dann räumte Clemens Tönnies den Posten des Aufsichtsrats des Fußballvereins, der ihm - wie so viele – derzeit den Rückhalt versagen.

Der ostwestfälische Metzgerssohn ist tief gefallen, seitdem nach mehr als 1.500 Corona-Fällen in Stammwerk seines Konzerns eine ganze Region wieder in den Lockdown geschickt wurde. Die Liste all derer, die auf größtmöglichen Abstand zu dem kantigen Unternehmer gehen, ist lang. Sei es der Landrat, dessen selbstgezogene Gurken Medienberichten zufolge noch unlängst im Werkverkauf bei Tönnies beworben wurden, oder der nordrhein-westfälische Landesvater Armin Laschet (CDU), der Sozialminister in NRW, Karl-Josef Laumann (CDU) sowieso und der SPD-Bundesarbeitsminister Hubertus Heil. Selbst Bundesagrarministerin Julia Klöckner (CDU), die sonst nicht zu voreilig dabei ist, der Agrarwirtschaft feste Vorgaben aufzudrücken und sich bei ihren Kritikern als „Miss Freiwilligkeit“ einen Namen gemacht hat, spricht sich für eine Tierwohlabgabe aus.

Und jetzt wird auch noch bekannt, dass der ehemalige SPD-Vizekanzler Sigmar Gabriel noch bis Mai einen lukrativen Beratervertrag bei Tönnies hatte, um das Unternehmen in nicht näher spezifizierten Exportfragen zu beraten. Der sozialdemokratische Landesfürst Stephan Weil in Niedersachsen nennt dieses Engagement laut tagesschau.de „befremdlich und peinlich“ und beklagt gar Schaden für die SPD, weil Tönnies wie kaum ein anderes Unternehmen für „unhaltbare Zustände in der Fleischindustrie“ stehe.

Das wiederum kann ein Sigmar Gabriel nicht auf sich sitzen lassen. Im Spiegel verteidigt er sein Engagement für 10.000 € im Monat beim Primus unter den Schweineschlachtern: „Ich kann an dem Beratungsverhältnis mit einem großen Arbeitgeber nichts Problematisches erkennen“, so Gabriel, Tönnies mache „nichts Verbotenes“.  Zu seinem Honorar sagte er dem Nachrichtenmagazin:  „Für normale Menschen sind 10.000 Euro viel Geld. Aber in der Branche ist das kein besonders hoher Betrag. Ich bin kein Politiker mehr."

Mit Gabriel hat Clemens Tönnies womöglich einen Bruder im Geiste gefunden, der auf den gerade vorherrschenden, guten Ton bisweilen wenig Wert legt. Und einen, der in schweren Zeiten zu ihm steht. In Zeiten, in denen womöglich so schnell kein Politiker mehr eine Werkführung in Rheda-Wiedenbrück zusagen würde, geschweige denn eine Einladung zum runden Geburtstag, auf denen dem Boulevard zufolge schon Howard Carpendale oder Helene Fischer Geburtstagsständchen trällerten.

Der Milliardär Tönnies mit Putin-Connection polarisiert gerne und hat es weit gebracht. Das beides in Kombination verleiht ihm eine besondere Fallhöhe – und einen umso härteren Absturz. In der Politik, in der High Society der Wirtschaft, gibt es keine Freunde. Dafür gibt es wahre Freundschaft unter Männern, wie man(n) so schön sagt – siehe Gabriel. Gab es eigentlich schon eine Solidaritätsbekundung von Wladimir Putin?

Die Kommentare für diesen Artikel sind geschlossen.

  1. Andreas H.
    Erstellt 3. Juli 2020 15:31 | Permanent-Link

    Ich finde es befremdlich, dass eine "agrar"zeitung den lachhaften "Lockdown" zulasten reisewilliger Wohlstandsstädter hervorhebt, die existentielle Krise der Schweinebranche aber nicht mal erwähnt wird.
    Wichtig ist jetzt nur, dass alle Beteiligten incl. Toennies das alles überstehen und bald der Lockdown in den Ställen vorbei ist.
    Der Zeitpunkt ist hoch dramatisch, weil jetzt besonders Ferkelerzeuger vor wahnsinnigen Herausforderungen stehen und den Anschluss an andere Mitbewerber aus dem Ausland verlieren könnten....
    Die Politik hat den Schuss nicht gehört und man wird sich später fragen: "Wo sind die Bauern geblieben..." Gabriel und Toennies privat sind nicht das Thema.

  2. Adam Aretin
    Erstellt 12. Juli 2020 21:00 | Permanent-Link

    Die Corona Fälle bei Toennies sind bedenklich. Aber man hat nie was davon gehört, dass das zuständige Gesundheitsamt die neu angekommenen (Mit-) Arbeiter vor Arbeitsbeginn auf Corona geprüft hat. Wenn man weiss, dass gerade im Ausland diese Krankheit oft viel häufiger vorkommt als in Deutschland, so sollte der Arbeitgeber vom zuständigen Gesundheitsamt gezwungen werden, seine neu angekommenen Arbeiter kontrollieren zu lassen. Dann wäre der Schaden auch ausserhalb der Fabrik sicher kleiner gewesen. Für die Arbeitsbedingungenn im Werk ist m.A. immer der Arbeitgeber, als Toennies, zuständig und verantwortlich.

  3. Ahrend Höper
    Erstellt 13. Juli 2020 00:20 | Permanent-Link

    Sehr geehrte Frau Stefanie Pionke .
    Ihr Artikel ist es wirklich nicht wert in der "AGRARZEITUNG" gedruckt zu werden.
    Sie haben nicht nur das Thema verfehlt, sondern auch den Ernst der politischen Lage und das Drama der Landwirte nicht begriffen!
    Sicher würden die Leser der Bildzeitung oder Frau im Spiegel Gefallen an Ihren Zeilen finden!

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