Stefanie Pionke zu den Preisdebatten

Qualität ist der Hebel

az

Mit dem herrschenden Primat der austauschbaren Massenware wird es kaum gelingen, echten Wettbewerb der Supermarktketten untereinander zu schaffen.

Die Koordinationszentrale ist nicht die erste Verbände-Initiative mit dem Ziel, für faire Geschäftsbeziehungen entlang der Lieferkette Lebensmittel zu sorgen. Bereits 2013 ist die „Nationale Dialogplattform Lebensmittellieferkette“ mit einem ähnlichen Versprechen angetreten. Auf EU-Ebene startete seinerzeit die von Dachverbänden der Lebensmittelbranche getragene Supply Chain Initiative (SCI). Der Blick zurück erzeugt ein Déjà-vu: Mit der Koordinationszentrale machen sich heute zum Teil die gleichen Akteure, namentlich Bauernverband und Handelsverband Deutschland, erneut auf den Weg, die Lieferkette zu optimieren. Im Sinne einer Veränderung der herrschenden Verhältnisse bleibt zu hoffen, dass die Koordinationszentrale eine durchschlagendere Wirkung erzeugt. Denn um Dialogplattform oder SCI ist es in den vergangenen Jahren still geworden.
 
Dabei wächst der Druck auf den Lebensmitteleinzelhandel (LEH): Der Gesetzgeber will die Supermarktbetreiber mit der nationalen Umsetzung der EU-Richtlinie gegen unlautere Handelspraktiken an die Kandare nehmen. Eine Bundesratsinitiative fordert weitreichendere Vorgaben: Sie dringt zum Beispiel darauf, den Einkauf von Lebensmitteln unter Produktionskosten zu untersagen. Zudem machten Landwirte rund um die Initiative „Land schafft Verbindung“ (LsV) in den vergangenen Monaten vielfach mobil und blockierten mit Traktoren Zentralläger der Supermarktketten. Diese Proteste bewegten immerhin den Discounter Lidl dazu, zumindest zeitweise die Preise für Schweinefleisch zu erhöhen, während Aldi ankündigte, Frischmilch künftig komplett aus Deutschland beziehen zu wollen.
„Arbeitskreise alleine bringen keinen Wandel“
Stefanie Pionke, 

Der DBV steht da unter Zugzwang, sich bei der landwirtschaftlichen Basis zu profilieren. Seine Trumpfkarten gegenüber dem agilen, aber losen Bündnis LsV: ein solides politisches Netzwerk sowie gute Kontakte zu anderen, etablierten Branchenverbänden. LsV und der Handelsverband BVLH setzen derweil ihren Agrardialog mit den Supermarktbetreibern fort. Die Koordinationszentrale wiederum will die Ergebnisse des Agrardialogs „anschlussfähig“ machen. In der Tat ist es aus Sicht der Landwirte geboten, dass LsV und Deutscher Bauernverband an einem Strang ziehen. Denn sonst bleiben die Marktverhältnisse, in denen der LEH bequem am längeren Hebel sitzt, erst recht zementiert.
 
Eine Wirtschaftsinitiative genau zu der Zeit, in der auf politischer Ebene um die nationale Umsetzung der UTP-Richtlinie gerungen wird, ist derweil vor allem aus Sicht des Handels ein kluger Schachzug. Nimmt die Branche sich nun selbst der Fairness entlang der Wertschöpfungskette an, könnte dies den einen oder anderen Politiker besänftigen, der einer strengeren UTP-Umsetzung zuneigt, als es der Entwurf des Bundesagrarministeriums vorsieht.
 
Die Kräfteverhältnisse innerhalb der Lieferkette sind – davon einmal abgesehen – nicht mal eben so im Rahmen von Arbeitskreisen ins Gleichgewicht zu bringen. Dafür müssen die Grundvoraussetzungen für einen echten Wettbewerb der Supermarktketten untereinander geschaffen werden. Mit dem herrschenden Primat der austauschbaren Massenware wird das kaum gelingen. Denn will der eine Lieferant zu den geforderten Konditionen nicht ins Geschäft kommen, macht es ein anderer oder im Zweifel der Konkurrent im EU-Nachbarstaat. Der LEH wird in dem Szenario immer den für seine Zwecke günstigen Geschäftspartner finden. Entsteht Wettbewerb nicht über den Preis, sondern über Qualitätsstandards, sind Lieferanten nicht mehr austauschbar. Spezielle Produktlinien zur Nachhaltigkeit brauchen Erzeuger, die nachweislich die geforderte Qualität liefern. Diese hätten in dem Szenario ihrerseits eine Hand am Hebel in Preisverhandlungen mit dem LEH.
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