Stefanie Pionke zu Klöckner in der GroKo-Krise

Ist der Ruf erst ruiniert

Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert. Man könnte den Eindruck gewinnen, dass dies der Leitsatz ist, unter den Bundesagrarministerin Julia Klöckner (CDU) ihre Öffentlichkeitsarbeit stellt, seit die Abgesänge auf die Große Koalition lauter werden.

Damit erweist Klöckner, die nicht nur Bundesagrarministerin, sondern auch stellvertretende Parteivorsitzende der CDU ist, ihrer Partei einen Bärendienst. Die Union will ein Platzen der ungeliebten GroKo tunlichst vermeiden, und sendet Treueschwüre auf allen Kanälen, seit SPD-Frontfrau Andrea Nahles mit ihrem Abtritt am Sonntag das Bündnis zum Wackeln brachte. Denn der Union ist eines völlig klar: Von Neuwahlen würden CDU, CSU und SPD keinesfalls profitieren. Klare Gewinner hingegen dürften aktuellen Prognosen zufolge die Grünen sein.

Die Grünen haben die deutlichen Zugewinne bei der Europawahl vor allem ihrer klima- und agrarpolitischen Agenda zu verdanken. Während die Grünen mit ihrer Forderung nach einer Agrarwende deutlich Position beziehen, setzen CDU und CSU vor allem auf ein "Weiter So": Klar muss die EU-Agrarpolitik nachhaltiger werden und Anreize für Umweltschutz schaffen. Aber dafür das System der Direktzahlungen deutlich überarbeiten, dem wissenschaftliche Berater des Bundeslandwirtschaftsministeriums schon mehrfach schlechte Zeugnisse ausstellten – ach, was!

Statt mit einer eigenen, mutigen Agenda zu Agrar- und Umweltpolitik Akzente zu setzen, lässt Klöckner lieber den Nestlé-Deutschland-Chef auf dem offiziellen Twitter-Kanal ihres Ressorts über die hauseigene Reduktionsstrategie bei Salz, Fetten und Zucker schwärmen – flankiert von der Ministerin als Cheerleader. Zugegeben, innerhalb von wenigen Tagen lassen sich mehr als ein Jahr Versäumnis in Sachen agrarpolitischer Profilschärfung nicht nachholen. Aber musste dieser peinliche Twitter-Auftritt sein? Alle, die Klöckner und ihrem Ministerium Liebdienerei gegenüber der Wirtschaft vorwerfen, können gar nicht anders, als sich bestätigt sehen. Oder, um es mit Youtuber Rezo zu sagen: Vor so einen Post gehört der #Werbung.

Und damit nicht genug: Im Morning Briefing von Gabor Steingart nannte Klöckner den Klimaschutz mehr oder weniger in einem Atemzug mit der „Hysterie“ um die Flüchtlingskrise und damit einhergehende Schlagzeilen über Terroranschläge. Zwar mag Klöckners Argument, nicht blind allen Trends hinterherzurennen, sondern zuerst eine Basis aus Fakten zu schaffen, teilweise Berechtigung haben. Aber ungeschickt war es allemal.

Argumente, der CDU wegen ihrer profilierten Agrar- und Ernährungspolitik bei etwaigen Neuwahlen die Stimme zu geben, hat Klöckner seit Eskalation der Groko-Krise jedenfalls keine geliefert. Man könnte glatt den Eindruck gewinnen, sie wolle alles daran setzen, bloß nicht noch einmal das Agrarministerium übernehmen zu müssen.

Die Kommentare für diesen Artikel sind geschlossen.

  1. EU-Bauer Klaus1618
    Erstellt 7. Juni 2019 08:15 | Permanent-Link

    Der Kotau vor Nestlé für eine Zukunft?

  2. Helmut Gahse
    Erstellt 10. Juni 2019 14:43 | Permanent-Link

    Sehr geehrte Frau Pionke,

    wenn Ihr Kollege Hermannsen diesen Artikel geschrieben hätte, wäre ihm zurecht Frauenfeindlichkeit vorgeworfen worden. Vor einigen Wochen hat Herr Minister Müller in einem längerem Radiointerview Lidl sehr gelobt, weil der Discounter fair gehandelte Bananen in sein Sortiment aufnimmt und dadurch die Bananenbauern etliche Cent mehr für Ihr Produkt bekommen. Darüber hat sich niemand wegen Schleichwerbung aufgeregt. Jetzt, da Frau Klöckner sich mit einem Globalplayer zeigt, der in der Zuckerreduktionskampagne mitmacht und die Möglichkeit hat, halbe Zuckerfabriken überflüssig zu machen, bricht ein Shitstorm über die Ministerin herein. Was soll die arme Frau Klöckner Ihrer Meinung nach machen? Soll Sie Sich mit einem Handwerksbäcker zeigen, der soviel Zucker im Jahr braucht wie ich als Rübenanbauer auf einem Viertelhektar Zuckerrüben ernte. Cheerleader! Schade, dass es auch bei Ihnen als angeblichem Fachmagazin nur noch um Äußerlichkeiten geht.

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