Stefanie Pionke zu Warenkrediten und reißenden Lieferketten

Systemrelevanz schützt nur bedingt

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Die Agrarwirtschaft ist zwar systemrelevant und nicht unmittelbar im Lockdown. Doch mittelbare Ängste über versiegende Betriebsmittelquellen kommen dennoch auf. 

„Wir werden in ein paar Monaten einander wahrscheinlich viel verzeihen müssen.“ Dieses Zitat stammt von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn. Der CDU-Politiker wollte seinerzeit im Frühjahr 2020 ein Bewusstsein dafür schaffen, dass es keine Patentrezepte im Umgang mit der Pandemie gibt – und folglich auch Irrtümer, falsche Einschätzungen und schlechte Entscheidungen in der Gesellschaft und der Politik.

Und im jetzigen Lockdown zeigt sich erneut, dass nicht jede gesellschaftliche oder wirtschaftliche Gruppe zu ihrem vermeintlichen Recht kommt. Während Friseure ab der kommenden Woche wieder Haare schneiden dürfen, bleiben Cafés, Restaurants und Kneipen, Konzertsäle, Kinos und Fußballstadien sowie Hotels für nicht dienstlich Reisende geschlossen. Schulen und Kindergärten gehen in den eingeschränkten Betrieb; für berufstätige Eltern wird das Jonglieren zwischen Arbeit und Kinderbetreuung zum Dauersport.

Schaden trotz Bedeutsamkeit

Und auch die vermeintlich krisensichere, weil systemrelevante Agrar- und Ernährungswirtschaft kommt nicht ohne Kratzer durch die Krise. Kartoffelbauern, die vermehrt an Pommes-Frites-Hersteller liefern, spüren die Flaute in den Restaurants. Wer Braugerste handelt oder anbaut, leidet unter fehlendem Bierdurst. Und Molkereien mit Absatzschwerpunkt im Gastgewerbe haben das Nachsehen gegenüber Kollegen, die vorwiegend mit dem Lebensmitteleinzelhandel im Geschäft sind.

Ein Stück weit unter dem Radar der öffentlichen Wahrnehmung droht Ungemach von Seiten der Warenkreditversicherer. Es ist gängige Praxis für Unternehmen, ihre Warenlieferungen gegen Zahlungsausfälle abzusichern. Und außerhalb der Pandemie schien dieser Mechanismus auch immer gut zu funktionieren. Doch die Versicherer wittern angesichts der Corona und Lockdown bedingten, wirtschaftlichen Schieflage Ungemach. Was, wenn der Gastwirt Insolvenz anmeldet und der Brauer auf dem Geld für seine Bierlieferung sitzenbleibt? Drohungen, Unternehmen bestimmter Branchen die Limits, bis zu denen der Ausfallschutz greift, zu kürzen oder die Warenkreditversicherung ganz zu entziehen, treibt Vertretern der Agrarwirtschaft die Sorgenfalten auf die Stirn. Lieferketten könnten unterbrochen werden. Denn manch ein Lieferant könnte sich zwei Mal überlegen, einem klammen Kunden Ware zu liefern, für die am Ende des Tages vielleicht gar kein Geld fließt.

Schutzschirm mit begrenztem Risiko

Denkt man in Worst Cases, bekommen Landwirte künftig nur noch Pflanzenschutz gegen Vorkasse – statt in Verrechnung für Getreidelieferungen, die zum Teil erst Monate später erfolgen. Und manch eine Brauerei – und die Brauereiverbände wurden in den letzten Wochen und Monaten bekanntlich nicht müde, auf die Existenzbedrohung dieses Wirtschaftszweiges hinzuweisen – womöglich kein Braugetreide mehr.

Bis zum 30. Juni 2021 ist diese Gefahr gebannt. Der Staat springt gemäß der Schutzschirm-Logik ein und nimmt den Warenkreditversicherern Ausfallzahlungen bis zu 30 Mrd. € ab. Doch was ist danach? Für Unternehmer ist jetzt die Zeit gekommen, Schreckensbilder reißender Lieferketten zu zeichnen, um die Politik wachzurütteln. Denn so funktionieren die Verhandlungen auf dem Marktplatz der Coronahilfen. Und in der Tat würde der Schutzschirm dafür sorgen, dass der Wirtschaftsmotor nicht ins Stottern gerät. Das Risiko der massenhaften Zahlungsausfälle scheint dabei aller Lockdowns zum Trotz begrenzt.

Und der Lieferant in der Agrarwirtschaft bekommt vor der Drohkulisse ausfallender Leistungen womöglich eine ganz andere Wertschätzung durch seine Kunden. So sehr manch ein Landwirt auch auf die Preispolitik oder Trägheit der Händler schimpfen mag: Auf den Service, Betriebsmittel zu kaufen, ohne dass dafür unmittelbar Cash fließen muss, mag wohl keiner gerne verzichten.

 

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