Stefanie Pionke zum Agrarhandel

Experimentierfreude trifft neue Allianzen

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Die Baywa erreicht überraschend doch noch einen Meilenstein in ihrer Exportstrategie. RWZ und Raiffeisen Waren nehmen einen neuen Anlauf für ihre Allianz, während im deutschen Agrarhandel die Bäume nicht mehr in den Himmel wachsen. 

Die Baywa ist immer wieder für eine Überraschung gut. Mancher Marktteilnehmer mag die Investition in den Hafen von Mukran für einen Fehlgriff gehalten haben. Denn die Vision der Abfertigung von Panamax-Schiffen, mit der die Münchner große Würfe im Exportgeschäft verbanden, schien sich als Luftschloss zu entpuppen. Die Fahrrinne wurde Jahr um Jahr nicht erweitert. Doch jetzt soll die Hafenzufahrt ausgebaggert werden, und die Pläne der Baywa werden sich, wenn alles nach Plan läuft, nun doch erfüllen. Das ist deutlich später als das einst als Zielmarke ins Auge gefasste Jahr 2017, aber besser spät als nie.

Der Einstieg in das Projektgeschäft mit erneuerbaren Energien der Baywa vor mehr als zehn Jahren ist ein weiteres Unterfangen der Münchner, das bei einigen Marktbegleitern aus dem Agrarhandel zunächst Kopfschütteln auslöste. Aber seit Jahren schon ist die Tochter Baywa r.e. dem Konzern eine zuverlässige Cashcow, die unlängst auch noch Investorengelder in dreistelliger Millionenhöhe einsammelte. Sicher: Am Diversifizierungs- und Internationalisierungskurs von Konzernchef Klaus Josef Lutz scheiden sich weiterhin die Geister. Auch die dünne Eigenkapitaldecke der „grünen AG“ lässt sich schlecht wegargumentieren. Aber eines muss man dem Baywa-CEO lassen: Dass im deutschen Agrarhandelsgeschäft die Bäume nicht mehr in den Himmel wachsen, hat er womöglich früher erkannt als manch einer seiner Wegbegleiter.

Die Internationalisierungsstrategie scheidet die Geister

Während die Baywa mit der Expansion in den Obsthandel und demnächst der Erzeugung von regenerativem Strom in Sachen Experimentierfreude unter den Agrarhändlern eine Sonderrolle einnimmt, stellen sich auch andere Unternehmen neu auf. So wollen RWZ und Raiffeisen Waren offenbar ihre unterschiedlichen Stärken und Strategien künftig im Verbund ausspielen. Die Kasseler setzen in der geplanten Allianz auf eine Ausweitung des Einzelhandelsgeschäfts mit den Landwirten, indem sie Standorte der Kölner vorwiegend im Osten übernehmen. Die RWZ will ihre Großhandelsrolle stärken, indem sie in dem geplanten Joint Venture zur Getreide- und Ölsaatenvermarktung mit der Raiffeisen Waren dem Vernehmen nach eine maßgebliche Rolle spielen möchte. Das erscheint deshalb sinnvoll, weil die RWZ ihren regionalen Schwerpunkt nahe großer Verarbeiter an Rhein und Ruhr hat.

Bereits eine schlagkräftige Union geformt haben die beiden privaten Händler Beiselen und ATR, die unter dem Dach der BAT Agrar nahezu den gesamten deutschen Markt abdecken. Auch hier spielt jeder Partner seine besonderen Stärken aus: Beiselen im Großhandel und ATR im Landwirte-Geschäft.

Optimierte Logistik und schlagkräftigere Standorte

Darüber hinaus optimieren nahezu alle Agrarhändler, die im privaten und genossenschaftlichen Spektrum Rang und Namen haben, ihre Strukturen. Das heißt: optimierte Logistik und Prozesse und weniger – dafür aber größere und schlagkräftigere – Standorte. Parallel vollzieht sich die entsprechende Entwicklung in der Unternehmenslandschaft: Die Spieler am Markt werden mittel- bis langfristig weniger werden, aber dafür größer und schlagkräftiger.

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