Stefanie Pionke zum Pflanzenschutzkartell

Irrungen und Wirrungen


Die Begebenheiten rund um das Kartellverfahren im Pflanzenschutz bewegen sich irgendwo zwischen Krimi und absurdem Theater.

Damals, 1998, im alten Jahrtausend, war das wirtschaftliche Modewort „Compliance“ noch nicht in aller Munde. Das kam erst später aus der US-Wirtschaft über den großen Teich nach Europa geschwappt. Da kann man den Pflanzenschutz-Großhändlern doch nicht allen Ernstes vorwerfen, dass sie miteinander Einkaufspreise verglichen, auf dieser Basis Empfehlungslisten erstellt und sich sogar über die Höhe von Rabatten ausgetauscht haben,  die sie ihren Kunden gewähren! Nur besonders fortschrittliche Unternehmen oder deutsche Niederlassungen von US-Konzernen haben sich damals dieser Compli..was?! unterworfen. Zählen Agrargroßhändler zu den besonders progressiven Unternehmen? Na ja. Sind deutsche Niederlassungen von US-Konzernen unter den Kartellanten? Nein.

Es ist also nur folgerichtig, dass die Großhändler sich damals in gutem Glauben, alles richtig zu machen,  abgesprochen haben mit ihren Marktbegleitern? Moment mal. Marktbegleiter. Das ist doch auch eher ein Wirtschaftsbegriff der Gegenwart! Damals, in den späten Neunzigern, sprach man doch noch von der guten, alten Konkurrenz, oder etwa nicht? Und die spricht untereinander gemeinhin nicht über Preise, richtig? Die will besser sein als der Wettbewerber. Also haben sich die Großhändler zu einer Zeit, in der keiner Compli..was?! unfallfrei aussprechen konnte, in der der Konkurrent auch noch als solcher bezeichnet werden durfte, sich wie weichgespülte New Age Marktbegleiter verhalten?

Ach ja, richtig. Da wäre ja noch das genossenschaftliche Förderprinzip. „Einer für alle, alle für einen.“ Friedrich Wilhelm Raiffeisen lässt grüßen. Dann ist ja alles klar, es war ein moralisches, ein ethisches, ein sich aus der Rechtsform ergebenes Gebot, Preise abzusprechen! Könnte man meinen. Blöd nur, dass auch private Großhändler zu den Kartellanten zählen. Und die interessiert der genossenschaftliche Förderauftrag untereinander, miteinander und gegenüber den Mitgliedern einen feuchten Kehricht. Die interessiert der schnöde Mammon. In dem Zusammenhang ist höchstens stimmig, dass es ein Privater war, der als erstes mit dem Kartellamt kooperierte. Der muss jetzt kein Bußgeld zahlen – und ist erleichtert. Dafür erfreut er sich womöglich nicht mehr größter Beliebtheit in der glücklichen Marktbegleiter-Familie. Aber, wie heißt es noch so schön? „Everybody’s darling is everybody’s depp.“

Um es kurz zu machen: Rund um das Pflanzenschutzkartell ranken sich viele Kuriositäten. Dazu zählt sicher auch die Kommunikationsstrategie der Unternehmen. Ausgerechnet am Silvester-Nachmittag schickt die Baywa die Meldung zu ihrem Settlement von maximal 68,6 Mio. € raus. Im Geschäftsbericht 2018 hält die Baywa fest, nicht von einem Bußgeld im Pflanzenschutz-Kartellverfahren auszugehen und daher keine Rücklagen bilden zu müssen. Aber man kann auch Rücklagen bilden, ohne sie als solche zu bezeichnen. Zum Beispiel über, na, richtig!, über Beteiligungsverkäufe. Da hatte die Baywa aber einen Dussel, dass mehrere Portfolio-Bereinigungen zufälliger Weise ins Jahr 2019, also das Bilanzjahr des Settlements, fielen. Es gibt sie halt, die glücklichen Zufälle!

Und weiter, Baywa, Agravis und BSL nehmen saftige Bußgelder in Kauf, die Raiffeisen Waren zumindest ein kleines. Und die ZG legt Einspruch ein gegen ihr Bußgeld. Man habe eine andere Rechtsauffassung als das Bundeskartellamt. Setzen die Karlsruher sich im Feilschen um die Kartellstrafen durch, wo die großen Marktbegleiter den Schwanz eingekniffen haben?! Immerhin zählen sie zu der kleinen Zahl der Kartellanten, die es weiter spannend machen…Wer gehört noch dazu? Nun, zwei Unternehmen feilschen noch mit den Behörden. Ein bisschen Zeit haben sie ja noch, bevor das Kartellverfahren Anfang März verjährt.

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  1. EU-Bauer Klaus1618
    Erstellt 17. Januar 2020 10:43 | Permanent-Link

    Liebe Frau Pionke, Respekt, Ihre Analyse verdient das Prädikat „journalistisch wertvoll“!

    Wer mit dieser doch komplexen Materie nicht vertraut ist, dürfte vielleicht etwas verwirrt sein; denjenigen aber, die berechtigt fürchten, jetzt ein zweites Mal zur Kasse gebeten zu werden, bleibt nach einem kurzzeitig amüsierten, zaghaften Schmuselns angesichts der Vortrefflichkeit Ihres mit britischem Humor gewürzten, unterhaltsamen Situationsberichts das Lächeln aber leider schon wieder förmlichst im Halse stecken.

    Ergänzende Schlussfolgerungen hierzu als Dauerbrenner bauernseits:
    - AN der LW verdient man bestens!
    - Man ist stets bemüht, man will nur des Bauern Bestes! (Anmerkung: Wenn‘s sein muss, auch vielfach!) Und so einige Kartellanten dürfen sich dabei selbstredend NATÜRLICH den sozialen Werten des Genossenschaftswesens, geadelt als immaterielles Weltkulturerbe, verpflichtet sehen, wobei natürlich diesen ideellen Grundsätzen wie Solidarität, Ehrlichkeit, Verantwortung, dabei eine - formulieren wir es vorsichtig - extrem neuzeitlich „moderne“ Prägung widerfährt.

    Von einem Herrn Mundt, Herrscher seines Zeichens im Bundeskartellamt, die hehre Erwartung zu hegen, dass in solchen Kartellrechtsverfahren nicht nur der deutsche Staat abkassieren darf, geht hier natürlich zu weit, Schadenersatz ist schließlich dem Privatrecht zugeordnet.

    Mehr als erstaunlich ist, wie lange ein solches Kartell lückenlos funktionierte (JAHRZEHNTE!), unsere EINE BAUERNSTIMME eine solche Wettbewerbsverhinderung geistig wohl nie so recht durchdringen konnte; ...oder waren diese willfährigen Steigbügelhalter mit den entsprechenden Aufsichtsratspöstchen bedacht, stillgestellt mit sehr trostreichen finanziellen „Schmerzpflästerchen“, dahingehend einfach auch nur perfide handlungsunfähig!?

    Selbst unsere aufgeweckt eloquente Bundesagrarministerin Julia Klöckner betont bis zum heutigen Tage salbungsvoll, dass der Bauernverband ihre erste Ansprechadresse ist und bleibt, wenn es um das Wohl und Wehe der deutschen Bauern gehe!!! - Hoppala, hochverehrte Frau Klöckner...?!

    Hoffentlich thematisieren auch solche Missstände unsere Bauern auf den Straßen, ansonsten realisieren diese Vorkommnisse allenfalls Insider innerhalb eines Fachpublikums; den Bauern selbst bleiben ohnedies vornehmlich absolut die Hände gebunden angesichts derer fatal weitreichenden Abhängigkeiten und schlussendlich auch infolge eines desaströsen Politikversagens unserer Entscheidungsträger über mehrere Dekaden hinweg, die sich in versteckt aussitzendem Wegschauen noch heute üben.

    Ich vegaß: Wie steht‘s um die Entwicklung unserer Ernährungsindustriegiganten!? - Etwa 233 Mrd. Umsatz in 2019 erst jüngst publiziert, und immer noch wird gejammert und selbstredend gefordert. Da hört die Politik hin!

    Unsere Bauernerzeugnisse sind billig - werden immer billiger - sind dennoch aber noch nicht billig genug!

    Wer verteidigt mit Zähnen und Klauen durchgängig eine Ausschließlichkeit der Nahrungsmittelproduktion auf unseren Äckern!? - Der eigentlichen Bauernmisere schlechthin. Weil wir darauf reduziert sind, führte genau das in eine Sackgasse der exzessiven Produktionen. Nicht einmal eine thermische Verwertung unserer Bauernerzeugnisse ist erlaubt; NEIN, dies ist bis dato regelrecht verboten! Welche Absatzwege hat man hier filigran hinterhältig rigoros abgedichtet!? ...etc.pp.! Eine vollständige Aufzählung sprengte leider wahrlich absolut den Rahmen.

    Von heute auf morgen könnten die Bauern unter Geiselhaft der „Einheitsbedingungen des Deutschen Getreidehandels“ stehend, darauf gut und gerne verzichten. - Daran aber wagen ein Herr Mundt und seinesgleichen sicherlich nicht Hand anzulegen. Warum!? Mittlerweile mutet dieses Pamphlet unter den aktuellen unvermeidbaren Voraussetzungen schon nahezu als sittenwidrig an in seiner unerkennbaren Einseitigkeit von Rechten und Pflichten, die hieraus abgeleitet werden dürfen.

    Unsere Bundesagrarministerin daselbst aber stimmt die deutschen Bauern zu Beginn der Grünen Woche allenthalben darauf ein, dass sie auch fernerhin Geld von unseren Konten abholen lässt, Euronen, die dort nicht zur Verfügung stehen. - Wie auch!?



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