Stefanie Pionke zum Agrarhandel

Keine Zeit für Scharmützel

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Landwirte, private und genossenschaftliche Landhändler sowie die Agrarindustrie mögen zwar unterschiedliche Verhandlungsmacht in Geschäften miteinander haben.

Doch sitzen sie im selben Boot, wenn es um künftig strengere Vorgaben bei der Ausbringung von Pflanzenschutz oder Dünger, die digitale Transformation oder das Meistern des Strukturwandels geht. Der Dialog zwischen den unterschiedlichen Wertschöpfungsstufen und selbst unter Wettbewerbern wird daher zunehmend konstruktiv: Unnötige Scharmützel kann sich vor der Kulisse der gegenwärtigen Herausforderungen keiner der Beteiligten leisten. Das wurde in den Diskussionen auf dem digitalen Forum agrarzeitung deutlich.

Verständnis für Konsolidierungsschritte

So übten Landwirte und Händler den Schulterschluss gegenüber der Industrie, indem sie von Bayer, Syngenta, BASF und Co Innovationen im Pflanzenschutz einfordern, um Reduktionsziele, wie sie etwa das EU-Nachhaltigkeitsprogramm Green Deal fordert, erfüllen zu können. Manch ein Industrievertreter weist darauf hin, auf den Landhändler als Sparringspartner in der Beratung angewiesen zu sein. Und auch wenn Erzeuger einräumen, dass sie künftig weitere Wege haben und daher in eigene Logistikkapazitäten investieren müssen, wenn der Handel sein Standortnetz weiter optimiert und dabei auch die eine oder andere Niederlassung auf den Prüfstand stellt: Ein grundsätzliches Verständnis dafür, dass enge Margen, Überkapazitäten und der harte Wettbewerb den Unternehmen keine andere Wahl lassen, ist da. Außerdem vorhanden ist der Wunsch, den Händlern eine profitable Existenz zu sichern – denn nur so überlebt auch ein zugewandter und leistungsfähiger Kundenservice.

Wie Handel und Industrie den Volumenrückgang im Geschäft mit Dünger und Pflanzenschutz kompensieren wollen, ist an vielen Stellen noch eine unbeantwortete Frage – und gleichzeitig ein Feld, um stufenübergreifend an Lösungen zu arbeiten: bei der Erprobung neuer Ansätze zur Resistenzbekämpfung, bei der Entwicklung neuer Produkte entlang des Bedarfs der Kunden und in der Beratung.

Die Zeiten der Konkurrenzkämpfe und des Muskeln-spielen-Lassens unter den Agrarhändlern sind vorbei. Die Unternehmen sind gefordert, vor der eigenen Haustür zu kehren und ihre Prozesse zu optimieren. Wer wie die Agravis mehrere Tochtergesellschaften in einheitlichen Strukturen zusammenfasst und dabei Konzernstandards in den Prozessen umsetzen will, hat viel Arbeit vor sich und wenig Luft für Nebenkriegsschauplätze. Wer wie die RWZ gemeinsam mit dem Marktbegleiter Raiffeisen Waren GmbH gleich Joint Ventures gründen will, sowieso.

Gemeinsames Experimentierfeld

Auf dem gigantischen Experimentierfeld der Digitalisierung tun sich derweil Möglichkeiten des wirtschaftlichen Miteinanders auf – selbstverständlich immer im Rahmen des kartellrechtlich Zulässigen. Davon zeugt beispielsweise das Engagement vierer privater wie genossenschaftlicher Agrarhändler beim Start-up House of Crops Unamera GmbH, das einen branchenübergreifenden Abwicklungsstandard für den Agrarhandel schaffen will. Und auch bei den beiden genossenschaftlichen Portalinitiativen Raiffeisen Networld und Raiffeisen Portal GmbH werden einzelne Akteure nicht müde, ihren Kooperationswillen zu betonen.
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