Stefanie Pionke zur agrarpolitischen Debatte

Sportsgeist und guter Wille

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Die az-Chefredakteurin zieht eine Bilanz des Zukunftsdialogs Agrar & Ernährung, der zeigte, dass Nachhaltigkeit Engagement über ideologische Gräben hinweg erfordert.

Die Dynamik der nachhaltigen Transformation ist nicht mehr zu stoppen. In der Agrarwirtschaft und auch in den konservativeren Lagern der Agrarpolitik sind längst nicht mehr die Kräfte meinungsbildend, die Forderungen nach mehr Umwelt- und Klimaschutz in der landwirtschaftlichen Produktion schlicht ausbremsen wollen. Der gesellschaftliche Wunsch nach nachhaltigeren Wirtschaftsweisen generell, und somit auch in der Agrarbranche, verfestigt sich; die Anforderungen des Klimawandels erhöhen den Druck auf Politiker. Das zeigt sich in den jüngsten Weichenstellungen: In der künftigen EU-Agrarpolitik (GAP) stehen dafür sinnbildlich die Eco-Schemes, oder auch Öko-Regelungen. Für diese Umweltprogramme wird ein Teil des Budgets der Direktzahlungen aus der 1. Säule der GAP reserviert; die Flächenprämie schrumpft also zugunsten der Förderung nachhaltiger Produktion.
 
Doch das hat der Zukunftsdialog Agrar & Ernährung 2021 diese Woche klar gezeigt, die landwirtschaftliche Basis – auch die konventionelle – greift diesen Ball mit Sportsgeist auf: Carsten Stegelmann, der Geschäftsführer eines Großbetriebs, berichtete davon, wie seine Berufskolleginnen und -kollegen und er gemeinsam mit Vertretern von Wissenschaft und kommunaler Verwaltung verschiedene Modelle der Pflanzenschutzreduktion erproben. Die Basis ist also bereits zur Tat geschritten. Und: Mit Zielsetzungen je nach Kultur zwischen 30 und 60 Prozent Einsparung von chemischem Pflanzenschutz müssen Stegelmann und seine Kollegen sich vor den Forderungen in der Farm-to-Fork-Strategie nicht verstecken. Die Landwirtschaft tüftelt also an Alternativen und stößt dabei vielleicht auch auf den einen oder anderen Widerstand: So können mechanische Techniken des Pflanzenschutzes bisweilen dem Artenschutz zuwiderlaufen, indem etwa Gelege von Wildvögeln zerstört werden. Da müssen diejenigen, die in der Debatte um die nachhaltige Transformation der Landwirtschaft chemischen Pflanzenschutz rundheraus ablehnen, sicher noch Kompromissbereitschaft zeigen.

Dass es keine einfachen Wahrheiten gibt, verdeutlichte auch die Diskussion um ausgewogenere Kräfteverhältnisse entlang der Wertschöpfungskette Lebensmittel. Gerne fordern Politiker jeder Couleur, die Werbung von Fleisch zu Dumping-Preisen im Lebensmitteleinzelhandel (LEH) zu verbieten. Ja, es ist moralisch fragwürdig, Fleisch zu Tiefpreisen zu verschleudern: Wenn der LEH aber gar keine Werbung machen würde und dadurch die Nachfrage zurückginge, litten darunter auch die Tierhalter, gab Dirk Andresen, Sprecher von Land schafft Verbindung und selbst Schweinehalter, zu bedenken. Hier sind differenzierte Lösungen statt plakativer Forderungen gefragt.

Sicher: Bei der Reform der EU-Agrarpolitik muss noch einige Detailarbeit erfolgen, um beispielsweise die Akzeptanz und breite Durchdringung der Eco-Schemes zu gewährleisten. In Sachen Wissenschafts- und Innovationsfreundlichkeit der agrarpolitischen Debatte sieht manch einer ebenfalls noch viel Luft nach oben. Aber trotz aller Hürden: Der Wille, gemeinsam Landwirtschaft neu zu gestalten, wird über die gesamte Wertschöpfungskette und über alle politischen Lager hinweg immer deutlicher erkennbar.
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