Stefanie Pionke zur Baywa-Strategie

Klotz am Bein


az

Für Baywa-Chef Klaus Josef Lutz spielt das deutsche Agrarhandelsgeschäft längst nicht mehr die erste Geige, wahrscheinlich auch nicht einmal mehr die zweite.

Das hat der CEO auf der Telefonkonferenz zum Geschäftsverlauf der ersten neun Monate 2020 mehrfach deutlich gemacht. Die Umsatztreiber der Zukunft heißen Baywa r.e., globaler Obsthandel und internationales Spezialitätengeschäft. Der Agrarhandel in Deutschland hingegen wird zurechtgeschrumpft. Deutschlandweit sollen Standorte schließen; im Osten stehen aktuell große Einschnitte bevor. Im Jahr 2021 will die Baywa 19 Agrarhandelsstandorte vom Netz nehmen und das restliche Geschäft dort in der 100-prozentigen Tochter Baywa Agrarhandel GmbH bündeln.

Für das engmargige und umkämpfte Agrarhandelsgeschäft sind die Zeiten vorbei, in denen noch Ergebnisse vor Zinsen und Steuern im höheren zweistelligen Millionenbereich eingefahren wurden – selbst wenn die Restrukturierungsprogramme im gewünschten Maße Wirkung zeigen. Mit dieser Verheißung skizziert Konzernchef Lutz keinesfalls eine Erfolgsstory. Ganz nüchtern betrachtet mag sich ein Finanzmarktanalyst fragen, warum die Baywa den Klotz am Bein weiter durchschleppen möchte. Die wiederholten Beteuerungen der Konzernleitung, dass der deutsche Handel zur „DNA der grünen AG“ seit ihrer Gründung vor fast 100 Jahren gehöre, wirken da ein wenig gebetsmühlenartig. Und die zunehmenden Stressfaktoren von außen – Stichworte Düngeverordnung, fehlende Wirkstoffzulassungen im Pflanzenschutz oder Green Deal – machen die Lage nicht besser.

Gedankenspiele in der Branche, dass die Baywa ihr Ostdeutschlandgeschäft in der Struktur der 100-prozentigen Tochter Agrarhandel GmbH saniert, um die gertenschlanke Braut dann versilbern zu können, sind vor diesem Hintergrund nachvollziehbar. Wie viel Realitätsanspruch sie haben, steht auf einem anderen Blatt. Zumal die Baywa auch erst einmal ihr ostdeutsches Betongold in Gänze loswerden muss. Von hinreichend selbstbewussten Großlandwirten in der Region ist zu hören, dass für sie nur gut angebundene und moderne Silostandorte interessante Anlageobjekte seien.

So oder so: Dass insbesondere der ostdeutsche Agrarhandelsstandort eine Fastenkur braucht, ist kein Geheimnis. Die Strategie ergibt also Sinn. Auch andere Branchengrößen überprüfen ihre Strukturen im Osten; die Baywa ist also in guter Gesellschaft. Ob die Cashcow Baywa r.e. tatsächlich vor Jahresfrist einen Investor mit millionentiefen Taschen einfangen kann, bleibt abzuwarten. Dieser soll ja bekanntlich schon einmal kurz vor der Tür gestanden haben. Dass die grüne AG ihre Kapitalbasis verbessern will, zeigt auch der Rechtsstreit mit dem Bundeskartellamt: Geht dieser Schachzug nach dem Kalkül der Baywa auf, würde sie mindestens einmal das bereits gezahlte Bußgeld von maximal 68,6 Mio. € zurückbekommen.

3 Kommentare

  1. Helmut Betz
    Erstellt 13. November 2020 18:10 | Permanent-Link

    Wenn Herr Lutz so weiter regiert fährt er das BayWa Auto sicher gegen die Wand.
    Aber vielleicht besinnt er sich mal in einer stillen Stunde verschiedener betriebswirtschaftlicher Grundlagen und beginnt im Agrargeschäft normal zu kalkulieren und Kosten weiter zu geben. Dies wäre für die ganze Branche ein positives Zeichen. Immer wird über die schlechten Spannen lamentiert aber der angebliche Marktführer gönnt den Wettbewerbern nicht mal den Verlust.
    Er macht dann etwas weniger Umsatz, hat aber dann mehr Ertrag. Denn irgendwann ist das Tafelsilber der BayWa weg und dann gehts schnell.
    Warum soll es billiger sein Silos zu verkaufen und dann zurück zu mieten??? Der Investor will seinen Einsatz auch zurück . Es wäre für den ganzen Agrarhandel nicht gut wenn eine BayWa aus dem Markt ausscheiden würde. Dies sage ich bewußt als Landhändler mit 40 Jahren Berufserfahrung.

  2. Ein Lutz'sches Bauern-Hemmklötzchen
    Erstellt 16. November 2020 20:35 | Permanent-Link

    Ein paar betriebswirtschaftliche Grundsätze aus dem Bauernumfeld, werter Herr Betz!

    1. Weniger Bauern = weniger Agrarhandel / Strukturwandel räumt auf beiden Seiten gehörig auf. Großbetriebe machen so manche kostenintensive Mittlerfunktionen vollständig überflüssig.

    2. Bei der aktuellen Markttransparenz scheitern sehr viele narzisstische, überalterte Agrarexperten an cleveren Konzepten. Die Anglizismen von Herrn Honorarprofessor Lutz beeindruckten noch viele Austragsbauern gehörig und schüchterten nicht selten erheblich ein. Die neue Bauerngeneration, großteils bestens ausgebildet, lässt sich von diesem Blendwerk kaum mehr beeindrucken.

    3. Ob eine LW 5.0 -in Anlehnung an 5G- die in die Jahre gekommene BayWa, unsere grüne Super-AG, in dieser Form noch benötigt, muss sich erst unter Beweis stellen lassen, sofern die Uhren dort nicht bald dem modernen Zeitgeist angepasst werden.

    4. Ein Trauerspiel heute ohnegleichen, wie das einstige Bauern-Betongold geradezu großspurig innerhalb kürzester zeitlicher Verläufe verramscht wurde. Nicht wenigen Altbauern, die dafür schufteten, sich mit „ihrem“ BayWa-Standort sprichwörtlich persönlich identifizierten, treibt dies eine Zornesröte geradezu ins Gesicht. Das hat die „GRÜNE AG“ nun wahrlich nicht verdient!!! - Beim Fußballclub FC Bayern wird, wenn‘s an der Zeit ist, das Führungspersonal von heute auf morgen gnadenlos ausgewechselt - ein wahrlich cleverer Spielzug...!

  3. EU-Bauer Klaus1618
    Erstellt 17. November 2020 11:32 | Permanent-Link

    -Der Einäugige ist unter den Blinden der König-

    CEO Prof. Lutz betont kontinuierlich, das Agrargeschäft sei nach wie vor die DNA der BayWa. Strotzt dieser Konzern förmlichst vor Vitalität, dessen Eigenkapitalquote wächst und wächst!?

    Alle Protagonisten im Agrargeschäft glauben fortwährend, wir Bauern könnten unsere Gürtel immer noch enger schnallen; dem ist aber nicht so! Wer meint, für einen unlauteren Wettbewerb -die Strafen des Bundeskartellamtes sind für jedermann einsehbar- noch immer mit einem reichen Geldsegen aus Reihen der Bauern beschenkt zu werden, der irrt gewaltig.

    Kostet z.B. die Tonne Weizen dato um die 150,00 €, wovon die Händler in Mittlerfunktionen beherzt quotale 50,00 € in den eigenen Taschen zu vereinnahmen gedenken, so haben diese tatsächlich ein grandioses Problem. Für diejenigen nämlich, welche selbige Tonne Weizen für nur 150,00 €/t erzeugen sollen, ist es weitaus gesünder, diese eine Tonne erst gar nicht mehr zu produzieren. Ein ähnliches Szenario lässt sich in den anderen Sektoren der LW parallel Eins zu Eins skizzieren.

    Unser Agrarhandel ist todkrank - ökonomisch elitär komplett von jedweden Realitäten in weiten Bereichen abgehoben, dabei unerkannt der Zukunft verzweifelt hinterherhechtend; nicht nur in Reihen der Bauern inszeniert man ein solches fatales Trauerspiel! Kennt man nicht die umfangreichen Forderungskataloge, die die Politik, unsere mehrheitlich äußerst kritische Gesellschaft, an uns undiskutierbar herantragen!?

    Und unsere derzeitige Agrarpolitik „verschlimmbessert“ in schönster Kontinuität - ein solches Schicksal ereilt nicht nur uns Bauern!!!

Ihre E-Mail wird weder veröffentlicht noch weitergegeben. Notwendige Felder haben einen *

Spielregeln

stats