Stefanie Pionke zur Kommunikation von Landwirt und Gesellschaft

Paartherapie gefällig?!

Er sieht sich „im Fadenkreuz“. Er wähnt sich pauschal in allem was er tut von ihr abgelehnt. Nichts kann er ihr recht machen, ständig nörgelt sie an ihm herum. Die Rede ist nicht etwa von einem alten Ehepaar, das in einem destruktiven Reiz-Reaktionsschema gefangen ist. Die Rede ist vom Landwirt und der Gesellschaft.

Und die Beziehung beider zueinander ist bisweilen so dysfunktional wie die mancher Ehepartner mit dringendem Therapie-Bedarf. Die Ratlosigkeit bei ihm, dem generalisierten Landwirt, ist mit Händen zu greifen. Wie neulich bei einem Diskussionsabend im Speckgürtel einer durchaus wohlhabenden deutschen Großstadt.

Ein Junglandwirt referierte da über die Glyphosat-Debatte. Welche Bevölkerungsschichten sich nicht alles in die Debatte einschalteten!, stellte einer seiner älteren Berufskollegen fest. Das hätte man vor Jahrzehnten nicht zu träumen gewagt! „Die Gesellschaft“ gucke dem Landwirt auf Schritt und Tritt auf die Finger und sehe alles, was er mache, negativ.

Man sollte es mit Glyphosat nicht übertreiben, besonders bei der Vorerntebehandlung, so die Meinung des Junglandwirts. Denn mittlerweile wisse jeder, was gelbe Stoppelfelder zu bedeuten hätten. Auf toter Masse werde Glyphosat nicht abgebaut. So erklärten sich Schlagzeilen über Rückstände in der Muttermilch oder eben des Deutschen Nationalgetränk, dem Bier.

Konfliktvermeidungsstrategien bringen nicht weiter

Das mag im ersten Moment einsichtig daherkommen, klingt aber weniger nach Aufarbeitung von Konflikten und Aufeinanderzugehen, als nach Konfliktvermeidungsstrategie. Und die bringt bekanntlich nicht weiter, sondern allenfalls den Lieben Frieden für den Moment.

Das weiß besagter Junglandwirt dann doch. Man müsse den Schlepper anhalten und das Gespräch mit dem kritischen Spaziergänger am Feldrand suchen. Den Kindergarten in den Stall einladen, an den Sitzungen der örtlichen Naturschützer-Gruppe teilnehmen. Nur so könne man die Gesellschaft über sein Tun aufklären und auf seine Seite ziehen. Das waren durchaus wohlklingende Töne in einer Diskussion, in der zwischendurch immer wieder die alte Leier des unwissenden Bürgers gedreht wurde, der von nichts Ahnung, aber zu allem eine Meinung habe. Ein Paartherapeut würde wohl anmerken, dass man aus dem Schmollwinkel heraus keinen Konflikt löst.

Außerdem: Wer nur denjenigen eine Meinung zu einem Sachverhalt zugesteht, der Expertenwissen besitzt, macht von vornherein jedweden gesellschaftlichen Diskurs mundtot. Denn die wenigsten Leute, die beispielsweise eine starke Meinung zu „der Politik“ in ihren unterschiedlichsten Ausprägungen haben, durchdringen die politischen Prozesse bis ins letzte Detail. Und wer sagt überhaupt, dass Landwirte die einzige Berufsgruppe sind, die sich häufiger und womöglich auch unsachgemäßer Kritik ausgesetzt sehen? Neben erwähnten Politikern werden etwa „die Medien“ oft kritisiert. Und gehören nicht Lehrer, Erzieher, Ärzte oder Servicekräfte in Hotel und Supermarkt auch zu jenen Berufsgruppen, über die sich Unwissende in schöner regelmäßiger Unverfrorenheit eine Meinung bilden?

„Wir müssen besser werden“

Bemerkenswert war daher auf besagter Diskussionsveranstaltung die Wortmeldung eines Landwirts, der seinen 80. Geburtstag bereits gefeiert haben dürfte: „Bei allen Skandalen der Vergangenheit waren wir auch immer irgendwie beteiligt“, gab er seinen zumeist jüngeren Berufskollegen zu bedenken. „Wir müssen deshalb auch besser werden“, hallte sein Appell in den Saal.

Nach und nach gewannen dann auch die positiven Töne die Oberhand. Von der guten Beziehung zur Lokalpresse etwa, die bei der alljährlichen Erdbeerpressekonferenz gepflegt werde. Oder von den Vorschulkindern, die mit leuchtenden Augen auf dem Schlepper saßen. Wäre dabei nur nicht der Nachsatz gefallen, „obwohl Mama ausschließlich bei Alnatura kauft.“ Denn zur wechselseitigen Akzeptanz gehört eben auch, die „SUV fahrende, Nachhaltigkeit fordernde mal Aldi mal Bio“-Käuferin zu akzeptieren. Umso mehr, wenn sie die Kasse des Hofcafés oder Bauernladen klingeln lässt.

Dem Schweinchen als Bratwurst wiederbegegnen

Genau wie die bio und nachhaltige SUV-Fahrerin akzeptieren lernen muss, dass es in Ordnung ist, wenn das gleiche niedliche Schweinchen, was Sohn und Tochter gerade noch beim Offenen-Hof-Tag streicheln durften (merke: vor der Hochzeit der ASP-Problematik!) ihnen beim nächsten Kindergarten-Fest wieder begegnet: als Bratwurst.

Ein Versuch, der Landwirtschaft ein positives Image zu verleihen, ist die Messe „Land & Genuss“, die nun schon seit einigen Jahren in Frankfurt am Main stattfindet. Erzeugermarkt-Feeling durchdringt die Messehallen, während draußen Schweinemobil, Galloway-Rinder und moderne wie nostalgische Schlepper darauf warten, Kinderaugen zum Leuchten zu bringen. Sicher, moderne Landwirtschaft wird so nicht kommuniziert. Aber wenn der Kunde sich wohlfühlt und der Milchviehhalter, der im Zuge der jüngsten Preiskrise auf Bio umgestellt hat, eine Gelegenheit bekommt, seinen Absatz anzukurbeln, kann das doch so schlecht nicht sein.

Er und sie müssen sich mehr aufeinander zubewegen. Offen und unvoreingenommen und zur Änderung bereit. Und zwar alle beide.

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