Stefanie Pionke zur Bio-Schelte von Veganern

Krieg der Weltverbesserer?!


-
-

Veganer sind auf dem Weg in den Mainstream - und Avantgarde zugleich. Für ihre Ernährungsweise sterben keine Tiere und ihr CO2-Fußabdruck kann sich sehen lassen. Soweit das Selbstverständnis. Damit haben nicht nur konventionelle Landwirte ein Problem. 

Neulich habe ich eine Kolumne geschrieben. Aus Anlass des Starts der Öko-Leitmesse „Biofach“ habe ich die – zugegebener Maßen dramatisch überspitzte – These aufgestellt, dass die Veganer heute das sind, was „Bio“ früher einmal: als hochideologische, Jutebeutel, Lederersatzschuhe und sperrige-Doppelnamen-Träger*innen jenseits des Mainstream – und dadurch für gewisse gesellschaftliche Gruppen durchaus auch schillernd und attraktiv. Bio als Ernährungsweise hat spätestens seit der Listung von Bioland-Produkten durch Lidl eindeutig den Einzug in den Mainstream geschafft. Die Veganer sind zwar noch die deutlich kleinere Nische, aber auch auf dem Weg zur dunklen Seite der Macht, listet auch jeder Supermarkt und Discounter, der etwas auf sich hält, vegane Burger-Patties und andere vegane Produkte.

Aber dennoch: Die Avantgarde gehört den Veganern – und auf der Biofach trugen rund 3.500 Produkte das Label vegan. Und prompt verkünden Veganer, etwa von der Organisation ProVeg, dass sie die besseren Menschen seien: Denn auch Biolandwirte würden, wie die konventionellen auch, tierische Produkte wie Fleisch, Milch und Käse herstellen; und die sind bekanntlich ethisch und unter Nachhaltigkeitsgesichtspunkten fragwürdig.

Jetzt mal ehrlich: Behandelt man so einen Gastgeber – im Fall der Biofach ist, wie der Name schon sagt, Bio der/die Herr*in im Haus! Freuen sich Veganer-Verbände auf der einen Seite über die wachsende Beliebtheit veganer Erzeugnisse auch bei Herstellern von Bioprodukten, kritisieren aber die Ökos gleichzeitig als ethisch fragwürdige Umweltverschmutzer, ist das fast ein bisschen so als würde man bei einer Essenseinladung dem Gastgeber auf den Tisch spucken.

Um den Bogen zum Anfang zu schlagen: Auf meine Kolumne mit der These, Vegan sei heute Avantgarde und nicht mehr Bio, meldete sich ein kritischer Biolandwirt, durchaus „not amused“. Mit der Vermischung von Bio und Vegan kann der Erzeuger, der nach den Vorgaben des Demeter-Verbandes wirtschaftet, so gar nichts anfangen. „Vegan ist eine ungesunde Ernährungsweise“, so seine Kritik. Nur unter Zugabe von Nahrungsergänzungsmitteln sei eine vegane Ernährung als gesund zu betrachten. Und vegane Fleischersatzprodukte wie eben Beyond-Burger und dergleichen schmeckten nur, weil es hochverarbeitete Produkte mit vielen künstlichen Aromastoffen seien.

Womit haben wir es hier zu tun? Mit einem „Krieg der Weltverbesserer“? Gehört dem Veganer in den durch und durch dem Selbstoptimierungswahn verfallenen, wohlhabenden westlichen Gesellschaften die Zukunft – und nicht mehr dem Biolandwirt, weil dieser (Pfui!!!) auch Tiere hält, um diese dem Schlachter anzudienen?

Tatsächlich gibt es Untersuchungen, denen zufolge Konsumenten des Typs „Meatlover“, weniger vornehm ausgedrückt „Fleischfresser“, den höchsten CO2-Fußabdruck haben und Veganer den niedrigsten. Vom Discounter-Mainstream werden beide Konsumentengruppen gleichermaßen bedient. Im Kampf um enge Margen entlang der Wertschöpfungskette Lebensmittel hat keiner etwas zu verschenken. Kein Wunder, dass man unter konventionellen Tierhaltern mit gemischten Gefühlen beobachtet, wenn „Fleischriesen“ wie Wiesenhof komplett die vegane Produktpalette bedienen!

Vielleicht sind es am Ende nicht die Bauernproteste und der damit verbundene Richtungsstreit um die Agrarpolitik, die zu dem Schulterschluss zwischen konventionellen und biologischen Landwirten führen, sondern Veganer. Frei nach dem Motto: Nichts schweißt so sehr zusammen wie ein gemeinsamer Feind. Auch das ist übrigens eine aus dramaturgischen Gründen zugespitzte These.

 

Die Kommentare für diesen Artikel sind geschlossen.

  1. EU-Bauer Klaus1618
    Erstellt 14. Februar 2020 12:11 | Permanent-Link

    (Achtung, Satire!)

    ...Ja wirklich, im Verlaufe der Hominisation ist die Menschheit sehr hochnäsig geworden. Hätte man durchgängig vegan gelebt, wäre das stetige Wachstum unseres größten Energieverbrauchers wahrscheinlich kaum möglich gewesen. Forever? - Diese Frage hat glücklicherweise die Evolution zu unseren Gunsten eindeutig gelöst. Warum dennoch eine Abkehr? Vorzugsweise doch lieber die überdimensionierten Füße, ohne aufrechten Gang, mit größerem,weitaus langsamerem Verdauungstrakt? - Auch nicht ganz problemfrei im Hier und Heute: Wer mehr Rohfasern zu sich nimmt, hinterlässt mittlerweile auch mehr Endprodukte; diese überfordern derzeit unter berechtigt umweltkritischen Aspekten unsere Kommunen landauf, landab, bei weitem. In gängigen, für jedermann verständlichen Wertmaßstäben ausgedrückt: Knapp 1.000 Euronen pro Tonne bei 700 Liter (Ab)Wasseranteil!

    Ächz-stöhn, nun, die Unterdrückung einer Fortentwicklung unseres menschlichen Hirns würde uns alle heute wohl tatsächlich auch weit weniger peinigen...

    Freuen täte ich mich jedenfalls darüber, wenn unsere forsch die gesellschaftliche Meinungsvorherrschaft übernehmenden grünen Weltverbesserer mir, einem kleinen konventionellen Bäuerlein -ich wage mich aus der Deckung, bin aber sowieso schon immer durchaus aufgeschlossen, aufnahmefähig in jeder Diskussion- mit nachvollziehbaren Argumenten ein in sich rundes Konzept im Hinblick auf Okologie im Einklang mit einer unverzichtbaren Ökonomie auf den deutschen Höfen für die Nutzung unseres überaus schützenswerten Dauergrünlandes liefern könnten. Immerhin handelt es sich hierbei um ein Drittel der Flächen in Deutschland. Vielleicht begegnet mir der eine oder andere heißhungrige „Blümchenpflücker“ (lieb und nett gemeint von einem allenthalben weitaus unschöner abqualifizierten Umwelt- und Brunnenvergifter in verstetigten Artenvielfaltsvernichtungsabsichten), wo man unter freiem Himmelszelt zum fairen Meinungsaustausch zurückfinden könnte!?

    Eine gegenseitig befruchtende Kommunikation wird auf die Wiesen und Felder zurückverlagert beim ohnedies forthin verlängerten Nahrungsaufnahmeprozess. Entfällt künftig eine Veredelung über den Tiermagen, muss sich das Umprogrammieren der Monogastriden allerdings erst bewähren, ...ob das gelingen wird? Eventuell vorübergehend massive Verdauungsbeschwerden verhindern dabei bisweilen vielleicht sogar wieder den aufrechten Gang! - In vielerlei Hinsicht also: Back to the roots!? ;-)

  2. Andreas H.
    Erstellt 17. Februar 2020 08:39 | Permanent-Link

    Vielen Dank für die klaren Worte! Kommentare von Menschen die noch mit beiden Beinen auf dem Boden stehen, sind in dieser verrückten Zeit (oder Zeit der Verrückten) immer wichtiger.
    Wenn Veganer wegen einer schlechten Ernährung schon mit 23 in die Wechseljahre kommen, wird sich dieses kleine Veganerproblem von selbst erledigen. Das Thema Bio-Landwirtschaft bereitet schon mehr Probleme, weil es viel Steuergeld frisst, und klimaschädlich ist Bio-Landwirtschaft allemal. Das Veganeressen, das mit Mineraldünger groß gezogen wird, ist noch klimaschädlicher...
    Wir können den Trend mit guten Argumenten nicht umkehren und müssen einfach zusehen, wie das Schiff Richtung Eisberg fährt. Es muss erst richtig schlimm werden bis es wieder besser wird. Wichtig ist, dass wir jungen Bauern Mut und Geduld zusprechen. Im Wiederaufbau ist viel Geld zu verdienen und man wird dann in Ruhe gute Arbeit machen können...

  3. Michael Schneider
    Erstellt 17. Februar 2020 09:33 | Permanent-Link

    Viel Dank an meine Vorschreiber, in der grünen Biomasse liegt Heil, für die Tierhalter, auch die die Monegaster haben. Denn grüne Biomasse kann Soja ersetzen, werde von der Agrarforschung nachgeahmt, aber mit unwirtschaftlichen Ansätzen. Aber wär es nicht glaubt, sollte in der Bibel nachlesen 1.Buch Mose Abs. 11, in Japan nennt man dies Uji Matcha, so wie Uji Sencha und wird auch dort religiös Verehrt.
    Nur unser 68er Agrarfütterungsprofessur stolpern über das nachhaltigste Agrarfütterungssystem sinnlos und schöpferlos hinweg. Zudem sollten wir uns Landwirte auch einer veräderte vergane Lebensweise annehmen. Habe mich auf der BioFach mit dem Oberhäuptling des veganen Netzwerkes getroffen, wir dürfen diese Leute nicht vernachlässigen, den die haben einen hervorragenden Ansatz zu einer erweiterten regenerativen Landwirtschaft, die der konv. Landw. nur wenig nachsteht.
    Gute Nacht Agrardeutschland

  4. M. Looks
    Erstellt 18. Februar 2020 10:37 | Permanent-Link

    Meine Fresse - in den 70er Jahren meiner Jugend hatten wir Sex, Drugs und Rock'n Roll!
    Und heute? Veganismus, Laktose-Intoleranz und Helene Fischer....
    Die Kids heute tun mir Leid!!

  5. ChE
    Erstellt 5. März 2020 13:21 | Permanent-Link

    Na klar sind die Veganer die Ökos von heute. Allerdings mit einem Unterschied, sie sind in ihrer Nische durch Start Up’s Social Media und Influencer bereits wirtschaftlich erfolgreich - digitaler, kleinstrukturierter „Guerilla Kapitalismus“!
    Übrigens, dies abfeiern von Start Up’s - wie schnell und innovativ sie sind, wie unkompliziert sie arbeiten usw., ich zweifle, ob diese Atributte immer von Vorteil sind, insbesondere wenn es um Ernährung geht? Beständig und wertvoll wäre mir für Nahrungsmittel fast lieber. Schnell muss es doch evtl. nur gehen, um die Themen, welche die Social Networks „durchs Dorf treiben“, auch bedienen zu können, bevor man das nicht mehr abschöpfen kann!?
    Aber da die großen Marken, Institutionen und auch die Politik der XY Generationen nicht mehr funktionieren sind die Kommunikationsinhalte von Start Up’s, Influencer & Co. vielleicht doch ganz brauchbar!? Bis alles in einem besseren Kontext wieder zusammenfindet *träum* oder das mit dem Essen, zumindest das mit dem Herstellen, tatsächlich etwas von der Ökonomie in den Focus der Ökologie rückt …

stats