Steffen Bach über die Zukunft der Ernährung

Systemfrage


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Zwei Nachrichten aus dieser Woche machten einmal mehr deutlich, in welchem Wandel sich die Lebensmittelproduktion befindet und welche Konsequenzen sich daraus für die gesellschaftliche Debatte über die richtige Ernährung ergeben. In den Niederlanden gab der Fleischkonzern Vion bekannt, die Rinderschlachtung in Leeuwarden aufzugeben. Die Hallen des erst vor eineinhalb Jahren eröffneten Betriebes sollen in Zukunft für die Produktion von pflanzlichen Fleischersatzprodukten genutzt werden.

Eine zweite Meldung kam aus den USA. Dort startete das Center of Consumer Freedom (CCF) eine Kampagne, mit der die Verbraucher über die in den veganen Alternativen enthaltenen Zusatzstoffe aufgeklärt werden. Die Botschaft dabei ist klar: Veggie-Burger sind hochverarbeitete Lebensmittel, die viele Zutaten enthalten - und deshalb nicht besser und gesünder als konventionelles Fleisch. Das CCF ist zwar eine NGO, die auch von Spenden aus der Fleischindustrie lebt. Doch mit ihrer Kritik stehen die Lobbyisten nicht alleine. Auch das Magazin Ökotest kam bei Analysen zu Ergebnissen, die den Appetit auf vegane Fleischimitate schwinden lassen.

Kulturkampf verschärft sich

Beim Thema Fleisch droht sich der Kulturkampf zu verschärfen. Schon heute machen viele Menschen die Frage nach Carnivorer, Vegetarier und Veganer zum Gewissenstest. Interessant ist dabei, dass die einstigen Frontlinien verschwimmen. Wer weiter Fleisch isst, kann sich damit rechtfertigen, ein natürliches Produkt zu verzehren und auf die Geschichte des Menschen verweisen, der schon immer ein Omnivorer war. Fans der Veggie-Burger fühlen sich moralisch überlegen, weil für ihren Genuss kein Tier getötet werden muss.

Die Mehrheit der Wissenschaftler ist sich sicher, wer diesen Kulturkampf langfristig gewinnen wird: die Produzenten von alternativen Lebensmitteln, die ohne die klassische Tierproduktion auskommen. Welche Verfahren sich dabei am Ende durchsetzen werden, ist offen. Derzeit werden auf dem Markt ausschließlich Produkte angeboten, bei denen aus pflanzlichen Rohstoffen - teilweise auch mit Milch und Eiern - fleisch- und wurstähnliche Produkte erzeugt werden. Andere Verfahren wie die Vermehrung von tierischen Zellen oder die biochemische Erzeugung von Proteinen stehen kurz vor der Markteinführung.

Zwischen Traditionalismus und Designer-Food

Traditionalisten werden auch in Zukunft echtes Fleisch auf den Grill legen wollen, wahrscheinlich aber stärker darauf achten, wie die Tiere gehalten und gefüttert wurden. Bei preisbewussten Konsumenten werden sich langfristig eher die alternativen Produkte durchsetzen. Davon ist die Mehrheit der Zukunftsforscher überzeugt, denn alternative Produkte werden auf Dauer zu geringeren Kosten produziert. Ein wachsendes Gesundheitsbewusstsein könnte langfristig ebenfalls den industriell gefertigten Alternativen in die Hände spielen. Denn im Designer-Food lassen sich die Gehalte und Qualitäten von Fett und Eiweiß viel besser justieren, als in einem natürlich gewachsenen Stück Fleisch.

Wie die verschiedenen Anbieter mit dem Verbraucher kommunizieren werden, lässt sich schon heute absehen. Auf der einen Seite die modernen Alternativen, die eine gesunde, ressourcenschonende Ernährung ermöglichen, für die keine Tiere leiden müssen. Und auf der anderen Seite die traditionelle, ursprüngliche und natürliche Ernährung mit Fleisch, Milch und Eiern.

 

Unternehmen müssen radikal umdenken

Viele Unternehmen aus der Fleisch- und Milchbranche haben die Gefahr erkannt und investieren auch in die Produktion von Fleischersatzprodukten und Laborfleisch. Um langfristig zu verhindern, dass die Alternativen das klassische Fleisch vom Markt verdrängen, muss die Branche jedoch radikal umdenken. Spätestens wenn das erste bezahlbare In-Vitro-Fleisch auf den Markt kommt, wird die Debatte um die Haltungsbedingungen der Nutztiere an weiterer Schärfe gewinnen und der Anpassungsdruck auf die Fleischfans steigen.

Die Tierhalter werden dann nicht mehr argumentieren können, dass Verbesserungen der Haltungsbedingungen machbar und ökonomisch vertretbar sein müssen, denn zur Sicherung der Ernährung wird man die Schweine- und Hühnermast nicht mehr benötigen. „Die Gefahr für das ´System Tier´ ist nicht der Erfolg neuer Alternativen, sondern das System selbst“, warnt deshalb der FootTech-Experte Fabio Ziemßen.

1 Kommentar

  1. Gerhard Fischer
    Erstellt 3. November 2019 17:04 | Permanent-Link

    Jeder Change wird begleitet von einem "Kampf", das ist nun mal nichts Neues. Dass immer mehr in der industrialisierten Tierverarbeitungsbranche darüber nachgedacht wird, die Fronten zu wechseln oder zumindest in den "Alternativen Fleischmarkt" einzusteigen, ist eben die Konsequenz des wirtschaftlichen Denkens.
    Dass die Herstellungsverfahren in der Fleischbranche gleichermassen auch für Alternativen genutzt werden, sogar die Zutaten, mag ja nicht überraschen, denn nicht das Fleisch macht die Wurst, sondern eben die Zutaten.
    Diese nun alternativen industrialisierten Alternativen mögen ja durchaus bei Omnivoren den Umstieg erleichtern, möchte allerdings darauf hinweisen, dass die eher kleinen und von Beginn an auf fleischlose, vegane Zutaten ausgerichteten Betriebe sehr wohl mit nur wenigen Zutaten ausgezeichnete Produkte geschaffen haben, die ich jederzeit der nun langsam aufkeimenden Massenindustrie für alternative tierproduktfreie Lebensmittel vorziehe.
    Die Fahrt ist aufgenommen und auch nicht mehr zu stoppen. Gut beraten sind die Betriebe, die umstellen, gleiches gilt auch für die Landwirte. Auch die kleinen Bauernbetriebe könnten den Change hin zu bio-vegane Erzeugnisse überleben, wenn die EU-Politik endlich nachzieht und die Förderung der Fleisch- und Milchindustrie reduziert, abbaut und umdirigiert.
    Klar ist doch, das Mehr an pflanzlichen Nahrungsmittel sollte weiter von den Höfen kommen. Diese kleinbäuerliche Struktur darf nicht zerstört werden, sie ist ein Rückrat heimischer Wirtschaft.

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