Steffen Bach zur Veggie-Debatte

Clemens, Gerhard und die Wurst

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Eine Kantine bei VW sorgt für Aufregung. Clemens Tönnies überrascht mit einem Bekenntnis. Wieder einmal geht es um die Frage: tierisch oder pflanzlich.

Zwei Sätze aus der Nachrichtenflut sind mir in dieser Woche im Gedächtnis geblieben. Der erste von Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder: „Wenn ich noch im Aufsichtsrat von VW säße, hätte es so etwas nicht gegeben.“ Der zweite von Maximilian Tönnies: „Das schmeckt jetzt sogar meinem Vater.“ In beiden Fällen geht es um das gleiche Thema.

Gerhard Schröder empört sich bei LinkeIn darüber, dass VW die Currywurst vom Speiseplan der Werkskantine gestrichen hat.
LinkeIn
Gerhard Schröder empört sich bei LinkeIn darüber, dass VW die Currywurst vom Speiseplan der Werkskantine gestrichen hat.

Im ersten Satz beteiligt sich Gerhard Schröder, der sich zu seiner Zeit als aktiver Politiker gerne volksnah gab (Hol mir mal ne Flasche Bier, sonst streik ich hier!), am Shitstorm gegen Volkswagen. Der Konzern hatte die aus Schröders Sicht aberwitzige Idee, eine (!) der rund zwei Dutzend Kantinen im Wolfsburger Werk auf fleischfreie Gerichte umzustellen. In der landwirtschaftlichen Filterblase der Sozialen Medien schwankten die Reaktionen zwischen Fassungslosigkeit und Empörung. So drohte der Bauernverband Schleswig-Holstein auf Facebook: „Sicher geht es auch ohne Currywurst - so wie es eben auch ohne einen Volkswagen geht." Vielfach wurde der Eindruck erweckt, dass alle VW-Beschäftigten zwangsveganisiert würden – obwohl das offenkundig unzutreffend war. Wie auf Facebook & Co in solchen Fällen üblich, wurde dazu aufgerufen, nun keine VWs mehr zu kaufen. Und natürlich durfte der Hinweis nicht fehlen, dass der größte Förderer bei der Unternehmensgründung auch ein Vegetarier war.

Im zweiten Satz wirbt Maximilian Tönnies für die neuen fleischfreien Produkte des Unternehmens, das gerade eine Transformation vom reinen Fleischkonzern zum breiter aufgestellten Lebensmittelproduzenten durchlebt. Mit einer ganzen Reihe von neuen Produkten wird nun die Veggie-Sparte ausgebaut, die in wenigen Jahren schon einen dreistelligen Beitrag zum Umsatz beitragen soll. Ein besseres Testimonial als Clemens Tönnies kann man sich kaum wünschen, denn wenn sogar er zugibt, dass er die vegetarischen Varianten von Chicken Nuggets oder Hähnchenschnitzel mit Genuss verspeist, wer will da widerstehen?

Beide Ereignisse zeigen einmal mehr, dass bei der Produktion und dem Konsum von Lebensmitteln einiges in Bewegung geraten ist. Vielen Landwirten machen diese Entwicklungen offenbar so große Angst, dass sie auf jede neue Nachricht, die den Trend hin zu einem geringeren Fleischkonsum bestätigt, beinahe hysterisch reagieren. Ein wenig mehr Gelassenheit und Toleranz wären da ratsam. Werner Schwarz, Präsident des Bauernverbandes in Schleswig-Holstein, sagte kürzlich in einem Interview: „Es ist ganz wichtig, dass wir auch als Bauernverbände abrüsten." Bei allen Mitarbeitern der Geschäftsstelle in Rendsburg scheint diese Botschaft noch nicht angekommen zu sein. Vielleicht sollten sie einmal zusammen nach Wolfsburg fahren und in die vegetarische Kantine essen gehen. Dann könnten sie sich am eigenen Leibe überzeugen, dass es Schlimmeres gibt, als sich hin und wieder fleischfrei zu ernähren. Vielleicht kommen sie sogar - wie Clemens Tönnies - auf den Geschmack?
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