Steffen Bach zur Diskussion um die Ferkelkastration

Armutszeugnis

Seit zehn Jahren diskutieren wir über die Ferkelkastration. Der Gesellschaft jetzt den „Vierten Weg“ als alternativlos anzupreisen, ist die schlechteste Idee der Fleischbranche seit der Verfütterung von Tiermehl an Wiederkäuer.

Am 29. September 2008 verständigten sich der Deutsche Bauernverband, der Verband der Fleischwirtschaft und der Hauptverband des Deutschen Einzelhandels in der „Düsseldorfer Erklärung“ auf die Ferkelkastration „baldmöglichst“ verzichten zu wollen. Dass es den drei Partnern aus Primärproduktion, Verarbeitung und Verkauf in zehn Jahren nicht gelungen ist, diesem Ziel auch nur einen Schritt näher zukommen, sollte allen Beteiligten die Schamesröte ins Gesicht steigen lassen.

Es gehört schon einige Chuzpe dazu, jetzt der Politik mit dem Kollaps der Sauenhaltung in Deutschland zu drohen, um eine Fristverlängerung von weiteren fünf Jahren zu erzwingen. Wer das unwürdige Schauspiel der vergangenen Jahre, bei dem die Verantwortung innerhalb der Wertschöpfungskette hin- und hergeschoben wurde, verfolgte, fragt sich, was eigentlich bis 2024 passieren soll.

Es ist schlicht falsch, dass es keine Alternativen zur bisherigen Kastrationspraxis gibt. In Spanien, einem Land, das in den vergangenen Jahren die Schweineproduktion massiv ausgedehnt hat, werden 80 Prozent der männlichen Mastschweine unkastriert geschlachtet. Ein kleiner Teil wird geimpft, darunter im Übrigen auch weibliche Schweine für die Herstellung des besonders hochwertigen und teuren Iberico-Schinkens. Nur 20 Prozent werden ohne Betäubung chirurgisch kastriert. Dennoch ist die spanische Fleischbranche in der Lage ihre Produkte weltweit zu vermarkten, auch in sensiblen Ländern wie Deutschland und Japan. Andere Erzeuger wie in Belgien und Australien praktizieren die Eberimpfung. Und schließlich besteht die Möglichkeit, die Tiere zu betäuben, zum Beispiel mit Isofluran. Ein lohnendes Ziel der Lobbyarbeit wäre es gewesen, Isofluran offiziell für die Kastration von Ferkeln zuzulassen, denn bisher kann das Anästhetikum nur mit Ausnahmegenehmigungen eingesetzt werden.

Erstaunlich ist, dass sich keiner der Unterzeichner der Düsseldorfer Erklärung offen für die Eberimpfung ausspricht. Begründet wird die Ablehnung mit Vorbehalten des Verbrauchers. Als Grundlage für diese Einschätzung dient eine von der QS-Gesellschaft in Auftrag gegebene Untersuchung bei der 34 (sic!) Konsumenten befragt wurden. Der Bauernverband betont gerne, dass sich Probleme nur durch Innovationen lösen lassen. Vizepräsident Werner Schwarz spricht bei geimpften Ebern wider besseren Wissens von „hormonbehandeltem Fleisch“ und das alles nur, damit seine Mitglieder einfach so weiter machen können wie bisher.

Der Gesellschaft den „Vierten Weg“ als alternativlos anzupreisen, ist die schlechteste Idee der Fleischbranche seit der Verfütterung von Tiermehl an Wiederkäuer. Einerseits mokieren sich die deutschen Schweinhalter hinter vorgehaltener Hand über ihre niederländischen Kollegen, in deren Ställen die Geräte für die CO2-Narkose angeblich ungenutzt verstauben. Andererseits fordern sie für sich ein Verfahren, dass ebenso viel Potential für Betrügereien bietet. Man kann nur hoffen, dass die Politik sich nicht verrückt machen lässt und eine Fristverlängerung ablehnt. So wie man dem Alkoholkranken keinen Gefallen tut, indem man ihm kurz vor dem Entzug erlaubt, sich noch mit der einen, aber ganz bestimmt allerletzten Flasche Korn zu betrinken, so wäre es das falsche Signal, die bisherige Kastrationspraxis weitere fünf Jahre zu ermöglichen.

 

Die Kommentare für diesen Artikel sind geschlossen.

  1. maximilian
    Erstellt 6. September 2018 21:37 | Permanent-Link

    Lieber Herr Bach,
    Sie haben absolut Recht.
    Die Bundesratsinitiative der Bayerischen Staatsregierung ist dem Wahlkampf geschuldet.

  2. Dr. Manfred Stein
    Erstellt 12. September 2018 17:35 | Permanent-Link

    Den Nagel auf den Punkt getroffen. Beim 4. Weg gibt es erhebliche Probleme, die verschwiegen oder nicht erkannt werden:
    http://www.animal-health-online.de/gross/2017/10/22/ferkelkastration-der-4-weg-ein-irrweg-risiken-und-nebenwirkungen/32589/

  3. maximilian
    Erstellt 13. September 2018 10:16 | Permanent-Link

    Ist es ab 01.01.2019 unlauterer Wettbewerb, Ferkel einzuführen, die kastriert wurden unter einer Lokalanästhesie, die bei uns nicht zugelassen ist? Ist es Irreführung des Verbrauchers, wenn am Fleisch von Schweinen, die so kastriert wurden dahingehende Informationen fehlen?

  4. K. Bothe-Heinemann
    Erstellt 13. September 2018 13:17 | Permanent-Link

    Ebermast: Unerwünschte Verhaltensweisen, wie etwa ausgeprägtere Kämpfe, Aufreiten auf Buchtengefährten sowie das sogenannte Penisbeißen führen zu Verletzungen der Tiere (Versuch der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft) - Tierschutz?
    Isofluran: Es kommt bei dem Verfahren zu Todesfällen. Studien belegen, dass die Ferkel oft nicht ausreichend betäubt sind - Tierschutz? Von Arbeitsschutz und Umweltschutz bei dem Gas will ich gar nicht sprechen.
    Improvac: männliche Tiere müssen bis zu dreimal gespritzt werden. Herr Bach, Sie sind herzlich eingeladen, in einer Bucht mit 10 erwachsenen Ebern das mal zu versuchen. Und der Ebergeruch kann außerdem trotzdem auftreten.
    Wer nach 10 Jahren an überholten Verfahren festhält, der hat andere Beweggründe, aber nicht unbedingt einen fachlich fundierten, wissenschaftlich abgesicherten Tierschutz in der Kastration umzusetzen.

  5. maximilian
    Erstellt 13. September 2018 14:45 | Permanent-Link

    Ebermast: Die unerwünschten Verhaltensweisen gehen auf Platzmangel zurück. Es gibt
    Betriebe in denen funktioniert es, in anderen nicht. Die LfL ist kein Maßstab, weil sie eine abhängige, weisungsgebundene Unterbehörde des Bayerischen Landwirtschaftsministeriums ist.
    In der Schweiz sterben 15 von 100 Ferkeln bei Isoflurannarkose durch Fehlbedienungen der Landwirte, die dort die Isoflurannarkose selbst durchführen dürfen. Bei modernen Geräten wird das Gas aus Gründen des Arbeitschutzes aufgefangen.
    Bei der Immunokastration genügt die zweimalige Impfung für die Schlachtung in dem bisher auch üblichen Alter. Erwachsene Eber brauchen nicht geimpft zu werden. Die 1. Injektion erfolgt mit 12 bis 14 Wochen. Die zweite Injektion erfolgt 4 Wochen später. In diesem Alter lassen sich die Schweine sehr gut handhaben. Man braucht wie stets im Umgang mit Tieren Geduld und Einfühlungsvermögen. Die Methode wird in Australien, Belgien, Brasilien und anderen Staaten seit vielen Jahren erfolgreich praktiziert.
    Für kleine bäuerliche Betriebe empfiehlt sich die Injektionsnarkose gemeinsam mit dem Hoftierarzt. Mehrkosten gegenüber der brutalen, betäubungslosen Kastration sind durch die Direktzahlungen gedeckt.
    Für den vierten Weg gibt es weder einen wissenschaftlichen Ansatz, noch einen Wirkstoff, geschweige denn ein in Deutschland für lebensmittelliefernde Tiere, bzw. die Indikation Ferkelkastration zugelassenes Arzneimittel, das eine Schmerzausschaltung bewirkt. Unser TierSchG verlangt eine Schmerzausschaltung! Dass weder Procainhydrochlorid noch Lidocainhydrochlorid diesen gesetzlichen Anspruch erfüllen, ist wissenschaftlich fundiert nachgewiesen.

  6. Steffen Bach (Korrespondent der agrarzeitung in Niedersachsen und Westfalen)
    Erstellt 14. September 2018 10:59 | Permanent-Link

    Sehr geehrte Frau Bothe-Heinemann,
    Ich finde Ihre Argumente alle nachvollziehbar, sehe in der Art, wie Sie argumentieren, aber auch eine der Ursachen dafür, dass die Unterzeichner der Düsseldorfer Erklärung beim Thema Kastration auf der Stelle treten: Im Prinzip sind sich alle einig, dass sich etwas ändern muss. Gleichzeitig ist aber niemand bereit, in seinem Verantwortungsbereich Veränderungen zuzulassen. Wenn man das Thema Tierschutz unberücksichtigt lässt, haben alle Alterativen gegenüber der bisherigen Praxis ihre Nachteile und daran wird sich auch in fünf Jahren nichts geändert haben.

    Ich bin davon überzeugt, dass auf die Kastration zum 1. Januar 2019 verzichtet werden könnte, wenn die Jungebermast (mit Schlachtgewichten von 80 kg) und die Eberimpfung eingesetzt würden. Für spezielle Fleischprogramme könnte man zudem die Isofluran-Narkose einsetzten, die dann aber von Tierärzten vorgenommen werden sollte. Natürlich müssten dann die Mastbetriebe ihre Arbeitsweise ändern und auch die Fleischverarbeiter lernen, mit den anderen Qualitäten umzugehen. Dass der Verbraucher die Eberimpfung ablehnt, halte ich für eine Legende. Ich glaube, dass man der Gesellschaft das Verfahren vermitteln kann.

    Und noch eine abschließende Bemerkung zum 4. Weg: Wieder einmal sollen die Probleme auf die Ferkelerzeuger abgewälzt werden. Aufgrund des großen wirtschaftlichen Drucks und weil nach meinen in Gesprächen gewonnenen Eindrücken die meisten Ferkelerzeuger das Verfahren als unsinnig ansehen, wird die Versuchung groß sein, die Tiere weiter ohne Schmerzausschaltung zu kastrieren. Das erzeugt zwei Probleme. Zum einen verschaffen sich Betriebe, die weiter betäubungslos kastrieren, einen Wettbewerbsvorteil gegenüber den Berufskollegen, die sich korrekt verhalten. Zum anderen wird man nicht verhindern können, dass ein Teil der Verstöße doch publik wird (zum Beispiel, weil sich Mitarbeiter an die Öffentlichkeit wenden). Diese „schwarzen Schafe“ werden die ganze Branche diskreditieren und ein Klima des Misstrauens schaffen. Wenn man das Potential für Skandale vergleicht, ist der 4. Weg mit Sicherheit das schlechteste aller Verfahren.

  7. maximilian
    Erstellt 14. September 2018 13:39 | Permanent-Link

    Sehr geehrter Herr Bach, ich stimme Ihnen zu.
    Ich möchte aber noch zwei Punkte ergänzen:
    1. Die betäubungslose Kastration ist nach dem 1.1.2019 eine Straftat nach § 17 Nr. 2 TierSchG, die am Schlachthof durch Nachforschungen sehr leicht aufgedeckt werden wird, ca ab der 2. Hälfte des Jahres 2019.
    2. Der Verbraucher kauft nach Treu und Glauben Schweinefleisch von Tieren, von denen er annehmen kann, dass sie rechtskonform und im Einklang mit unseren Tierschutznormen gehalten wurden. Wenn dem Verbraucher nicht mitgeteilt wird, dass das Fleisch, das er konkret kauft von Tieren stammt, die rechtswidrig betäubungslos kastriert wurden, dann ist dieses Fleisch wegen Irreführung des Verbrauchers nicht verkehrsfähig. Der Händler muss dieses Fleisch unverzüglich aus den Regalen nehmen. Der rechtswidrige Ferkelkastrator ist dann regresspflichtig.

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