Steffen Bach zur Fleischproduktion

Mehr Romantik wagen

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Clemens Tönnies fordert weniger Romantik und spricht damit vielen Tierhaltern, Schlachtern und Händlern aus dem Herzen. Doch so einfach sollte man das Thema nicht abtun.

Clemens Tönnies fordert mit Blick auf die Debatte um die Zukunft der Tierhaltung: „Diese Romantik muss einfach aufhören!“. Damit spricht er vielen Menschen, die in der Wertschöpfungskette Fleisch tätig sind, aus dem Herzen: Dem Ferkelerzeuger, der die Schwänze der Tiere kupiert, um dem Kannibalismus vorzubeugen. Dem Mäster, der in seinen Ställen Filteranlagen installiert, um Ammoniakemissionen zu senken. Dem Chef eines Schlachthofes, der weiß, dass die Stückkosten sinken, wenn jede Woche statt mehrerer Hundert, mehrere Zehntausend Tiere an den Haken kommen. Und nicht zuletzt dem Lebensmittelhändler, der große Mengen genormter Produkte möglichst flexibel einkaufen möchte.

Die Fleischerzeugung ist in den vergangenen Jahrzehnten konsequent auf eine höhere Produktivität getrimmt worden, um eine wachsende Weltbevölkerung mit Protein zu versorgen. Aus Sicht von immer mehr Konsumenten in Deutschland blieben dabei aber Fragen des Tier-, Umwelt- und Klimaschutzes auf der Strecke. Auch wenn die Fleischproduzenten auf den gesellschaftlichen Druck reagieren, hält man in der Branche das vorhandene System im Prinzip für alternativlos. Denn nur so könnten sich auch Menschen mit geringem Einkommen den Fleischkonsum leisten, lautet die Argumentation.

Im Moment ist die Verteidigung der kostengünstigen Produktion als soziale Wohltat noch nachvollziehbar. In einigen Jahren könnte sich die Protein-Welt aber dramatisch gewandelt haben. Sollten eines Tages Produkte aus Zellkulturen zu einem niedrigeren Preis angeboten werden als konventionelles Fleisch, ließen sich die in der Kritik stehenden Praktiken kaum noch rechtfertigen. Zudem würden Verbraucher, die vor allem das Preisschild im Blick haben, wohl ohne lange nachzudenken zur Ware aus dem Bioreaktor greifen.


Fleisch würde dann sicher nicht zu Auslaufmodell, wie manche Experten aus der Veganerszene hoffen. Die Gründe, zum echten Schinken, Steak oder Braten zu greifen, wären aber völlig andere als heute: Genuss, Tradition, Natürlichkeit, Authentizität, Regionalität. In einer nicht allzu fernen Zukunft könnten so die Romantiker die treuesten Kunden der konventionellen Fleischproduzenten sein.

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