Steffen Bach zur Tierwohldebatte

Aldi macht ernst


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In der Debatte um die Zukunft der Tierhaltung hat Aldi einen mächtigen Pflock eingeschlagen. Politik und Verbände machen dagegen keine gute Figur.

Der Discounter schließt sich als erster großer deutscher Lebensmitteleinzelhändler der Europäischen Masthuhn-Initiative an. Ab dem Jahr 2026 sollen beim Frischfleisch von Hühnern die deutlich über den gesetzlichen Vorgaben liegenden Kriterien eingehalten werden. Die von mehreren Tierschutzorganisationen entwickelten Regeln sehen unter anderem vor, dass die Tiere mehr Platz, Sitzstangen und Pickmöglichkeiten erhalten.
 
Aldi tut damit etwas, was Landwirte bisher vergeblich von der Politik fordern: Planungssicherheit schaffen. Als großer Kunde auf dem Geflügelfleischmarkt sichert der Discounter einen verlässlichen Absatzweg für Fleisch mit mehr Tierwohl. Die Konkurrenz steht nun unter Druck, nachzuziehen. Bei einer entsprechenden Marktdurchdringung ist es dann nur noch eine Frage der Zeit, bis die Kriterien der Masthuhn-Initiative Standard sind.

Während in der Wertschöpfungskette Tatsachen geschaffen werden, debattieren Verbände, Parteien und Wissenschaft in einer kaum noch überschaubaren Anzahl von Gremien. In dieser Woche tagte wieder einmal die Zukunftskommission Landwirtschaft, in der es offenbar nicht gelingt, die Vielzahl der Meinungen unter einen Hut zu bringen. Für den Parlamentarismus war schon die Berufung der Kommission ein Armutszeugnis. Der Reformstau in der Landwirtschaft und der Tierhaltung ist seit Jahren bekannt. Volksvertreter werden dafür gewählt und bezahlt, Probleme zu lösen. Stattdessen delegiert man die Verantwortung lieber an Gremien, in denen Lobbyisten ihre Partikularinteressen vertreten.

Es drängt sich der Eindruck auf, dass die eigentlichen entscheidenden Akteure - Regierung und Parlament - kaum noch gewillt und in der Lage sind, vernünftige Kompromisse auszuhandeln. Ein Grund ist ganz sicher die sehr erfolgreiche Lobbyarbeit der Verbände von Landwirten, Umwelt- und Tierschützern. Die Folge sind ermüdende Grabenkämpfe zwischen Agrar- und Umweltressort, zwischen Roten, Grünen und Schwarzen. Immer mehr Unternehmen scheinen des Stillstands überdrüssig zu sein und gehen mit strategischen Entscheidungen voran. Dahinter steckt ganz sicher nicht der naive Glaube, so alle Probleme dieser Welt lösen zu können, sondern eher die Erkenntnis, sich für die Zukunft wappnen zu müssen. Denn wer sich den Megatrends verweigert, entzieht seinem Geschäftsmodell auf Dauer die Basis.

In der Landwirtschaft gibt man sich unterdessen weiter der Illusion hin, mit Hinweis auf die Alternativlosigkeit des eigenen Handels Veränderungen ausbremsen zu können. Ein Blick in die Vergangenheit zeigt, dass sich einige Hunderttausend Bäuerinnen und Bauern auf Dauer dem Druck von 80 Millionen Verbrauchern beugen müssen. Das war bei den Käfigen für Legehennen so, beim Kastrieren der Ferkel und dem Kastenstand für Sauen. Auch die Schlachten um das Kükentöten, die Anbindehaltung der Kühe und das Kupieren der Schweineschwänze wird man früher oder später verlieren. Vielleicht wissen das auch die Funktionäre der berufsständischen Organisationen und insgeheim ist man froh, dass ein Discounter, den man sonst gerne an den Pranger stellt, neue Perspektiven eröffnet.

2 Kommentare

  1. Lydia Wallerer
    Erstellt 13. November 2020 09:17 | Permanent-Link

    In Deutschland gibt 83 Mio. Landwirte und einige die eine Ausbildung dafür haben. Es gibt 4.000 Bundesgesetze in der Landwirtschaft. Keiner der Akteure in der Wertschöpfungskette betreibt sein Geschäft aus Idealismus. Allein die Formulierung … über den gesetzlichen Vorgaben liegenden Kriterien … sollte stutzig machen: entweder die gesetzlichen Vorgaben genügen nicht oder erzielen einen höheren Preis. Im Ringen um Details wird nicht wahrgenommen, dass es um mehr geht. Auch Chickenuggets lassen sich in der Petrischale produzieren. Die Fragen sind: Was wollen wir in Zukunft essen, wer soll es produzieren, wie soll produziert werden, wer soll produzieren... naturnah oder naturfern?
    Die Bundesregierung verfügt über 260.000 Mitarbeiter und jedes Fachressort über eigene Fachbehörden - externe Gremien?

  2. Berg B.
    Erstellt 13. November 2020 14:40 | Permanent-Link

    Leider erst ab 2026! Bis dahin wohl weiterhin Überzüchtung, zu hohe Besatzdichte und Antibiotika Missbrauch!

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