Nach der Corona-Krise

Neustart der alten Debatte


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Die Corona-Krise verordnet vielen Menschen in Deutschland eine Zwangspause, die sie aus ihrem gewohnten Alltag herausreißt. Millionen Deutsche dürfen weder arbeiten, noch grundlos das Haus verlassen. Die Zeit der Ruhe nutzen offenbar viele Menschen auch dazu, über ihr bisheriges Leben nachzudenken und Entscheidungen darüber zu treffen, wie es privat und beruflich nach dem Lockdown weitergehen soll.

In Frankfurt sorgte ein Gastronom in der vergangenen Woche für Aufsehen. Sam Kamram, einer der bekanntesten Wirte der Bankenmetropole, verkündete, dass er in seinen drei Gaststätten kein Fleisch mehr anbieten wird. Dass im Café Hauptwache, in der Pizzeria Montana und im Fletchers Better Burger in Zukunft nur noch vegane und vegetarische Gerichte auf der Karte stehen sollen, begründete der Wirt mit teilweise abenteuerlichen Argumenten.

„Es werden so viel Antibiotika in die Tiere gepumpt. Es ist doch klar, dass sich irgendwelche Viren entwickeln“, zitiert ihn die Frankfurter Lokalpresse. Kamram sieht offenbar einen direkten Zusammenhang zwischen dem Antibiotikaeinsatz in der Fleischproduktion und dem aktuellen Ausbruch des neuartigen Coronavirus. Dass mit Antibiotika Bakterien bekämpft werden und das neue Virus sehr wahrscheinlich von Fledermäusen auf den Menschen übertragen wurde, weiß er vielleicht nicht, vielleicht ist es ihm auch egal.


Man kann diese Anekdote als ein weiteres Beispiel dafür abtun, dass viele Menschen außerhalb der Landwirtschaft wenig darüber wissen, wie Bauern auf dem Feld und im Stall arbeiten. Man kann sie aber auch als ein Warnsignal verstehen. Der Frankfurter Wirt nennt weitere Argumente für seine Entscheidung: das „Tierleid“ sei der wichtigste Grund gewesen. Die Art, wie Nutztiere behandelt werden, nennt er „asozial“. Sein größter Irrtum sei gewesen, „dass Fleisch gesund ist“. Beeinflusst habe ihn der Film „The Game Changers“, in dem Stars wie Arnold Schwarzenegger die Vorteile einer pflanzlichen Ernährung rühmen.

Die Landwirtschaft ist eine der Branchen, die von der Corona-Krise am wenigsten betroffen ist. Der Satz „Gegessen wird immer.“ war nie so richtig wie heute. Als systemrelevanter Teil der Volkswirtschaft fühlen sich die Bäuerinnen und Bauern wertgeschätzt. In den sozialen Medien und auch in den Aussagen von Verbandsvertretern wird die Hoffnung geäußert, dass die Krise dazu beitragen könnte, manche Debatten über die Landwirtschaft nach einer überstandenen Corona-Krise in neue Bahnen zu lenken.

Sicher werden Aspekte wie die Ernährungssicherung, kürzere Lieferketten und regionale Erzeugung in Zukunft intensiver diskutiert werden. Wer aber glaubt, dass man bei Themen wie Tierwohl, Grundwasser, Artenvielfalt oder Klimaschutz mit Verweis auf die Systemrelevanz den Status Quo verteidigen oder gar das Rad zurückdrehen kann, unterliegt einem fatalen Irrtum. Der gesellschaftliche Druck wird nach der Krise eher größer als kleiner sein.

Neue Konzepte sind insbesondere in der Tierhaltung gefragt. Auch wenn das Virus im jüngsten Fall von einem Wildtier stammt, bleiben die in Tieren vorhandenen Viren und die in der Nutztierhaltung entstehenden multiresistenten Keime eine Gefahr für die Menschheit. Die aktuellen Erfahrungen mit dem Corona-Virus haben uns allen deutlich gemacht, welch verheerende Auswirkung die Übertragung von Krankheiten vom Tier auf den Menschen haben kann. An der Erschließung neuer Proteinquellen, die ohne die klassische Tierhaltung auskommen, wird deshalb in Zukunft noch intensiver geforscht werden. Wie weit diese Arbeiten bereits fortgeschritten sind, darüber berichtet agrarzeitung.de im Report Ernährungstrends

Ein „Weiter so!“ wird es für die Landwirtschaft nach Corona nicht geben. Das in den vergangenen Wochen gestiegene Ansehen der Bauern ist eine gute Grundlage für einen Neustart in der gesellschaftlichen Debatte. Anschließend werden aber wohl eher die 250.000 deutschen Landwirte ihre bisherige Haltung hinterfragen müssen als die 80 Millionen Konsumenten.

Die Kommentare für diesen Artikel sind geschlossen.

  1. Helmut Gahse
    Erstellt 23. April 2020 22:43 | Permanent-Link

    Wahrscheinlich sind die meisten Landwirte hier viel weiter als Sie Herr Bach. Oder warum hören wohl sonst so viele Tierhalter auf? Und warum wird aktuell nur das Notwendigste in die Ställe investiert? Sie haben sicher leider Recht, wenn Sie sagen dass die Konsumenten ihre Haltung (meistens die Geiz ist geil Haltung) nicht hinterfragen müssen. Denn Aldi, Lidl und Co versorgen die Bevölkerung, wenn nicht aus Deutschland dann eben aus dem Ausland.

  2. Albert Weersmann
    Erstellt 25. April 2020 12:45 | Permanent-Link

    Herr Bach und Herr Gahse, da kann man ihnen beiden leider nur zustimmen...
    Den Schlüssel zur Lösung des Problems habe ich leider auch noch nicht gefunden, allerdings kann ich Ihnen sagen, dass wir es, wenn wir denn die LANDWIRTSCHAFT als weiterhin systemrelevant einstufen wollen und diese dafür zu produzieren hat, dass wir immer und überall genügend (zumindest in der 1.+2. Welt), gesunde u. qualitativ hochwertige Nahrungsmittel vorfinden bzw. zu erschwinglichen Preisen kaufen können, dann muss diese systemrelevante Branche in unseren Breiten ausserordentlich (auch nach aussen) geschützt werden. Und das geht nun mal leider nur mit einer verlässlichen (Ver-) Ordnungspolitik , alles andere wäre nur ein Lippenbekenntnis und hilft uns hier nicht weiter. Also liebe Politik ich erwarte - ein jetzt erst Recht für unsere heimische Landwirtschaft - und das sofort und nicht erst lange Zeit nach Corona, wenn s vielleicht schon zu spät ist !

  3. Albert Weersmann
    Erstellt 25. April 2020 12:49 | Permanent-Link

    Herr Bach und Herr Gahse, da kann man ihnen beiden leider nur zustimmen...
    Den Schlüssel zur Lösung des Problems habe ich leider auch noch nicht gefunden, allerdings kann ich Ihnen sagen, dass wir es, wenn wir denn die LANDWIRTSCHAFT als weiterhin systemrelevant einstufen wollen und diese dafür zu produzieren hat, dass wir immer und überall genügend (zumindest in der 1.+2. Welt), gesunde u. qualitativ hochwertige Nahrungsmittel vorfinden bzw. zu erschwinglichen Preisen kaufen können, dann muss diese systemrelevante Branche in unseren Breiten ausserordentlich (auch nach aussen) geschützt werden. Und das geht nun mal leider nur mit einer verlässlichen (Ver-) Ordnungspolitik , alles andere wäre nur ein Lippenbekenntnis und hilft uns hier nicht weiter. Also liebe Politik ich erwarte - ein jetzt erst Recht für unsere heimische Landwirtschaft - und das sofort und nicht erst lange Zeit nach Corona, wenn s vielleicht schon zu spät ist !

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