Steffen Robens zum Shitstorm gegen das Miniatur Wunderland

Social-Media-Skandal um Knuffingen


Eine Touristenattraktion in Hamburg will den Verbraucher zu verantwortungsvollerem Konsum erziehen. Der Bauernverband Schleswig-Holstein reagiert angefasst und löst einen Shitstorm aus.

Es gibt Ärger in der weltberühmten Kleinstadt Knuffingen. Dort sind Plakate aufgetaucht, die ungewöhnliche Szenen zeigen: Nackte Frauen, die an Melkautomaten angeschlossen sind. Auf einem anderen rutschen Babys frisch aus dem Mutterleib über Förderbänder in einen Schredder. Auf einem dritten werden adipöse Menschen gemästet und auf einem vierten stehen eng an eng gedrängt viele nackte Menschen auf der Ladefläche eines LKW. Die Bilder sind anstößig, unangenehm und beklemmend. Menschen kamen bei der Produktion dieser Bilder nicht zu schaden, denn Knuffingen liegt im Landkreis Miniatur Wunderland im Bundesland Hamburg. Die Modelleisenbahn-Landschaft ist eines von Hamburgs berühmtesten Touristenzielen.

Die Bilder stammen von den Vätern der Modellwelt, Frederik und Gerrit Braun. Sie störte der Hang des Verbrauchers, stets zum billigeren konventionellen Fleisch als zur Bionahrung zu greifen, was sie selbst im hauseigenen Restaurant seit Jahren beobachteten. Ihren Gästen nur noch Bioschnitzel anzubieten, davon halten sie nichts. Ihr Credo: Wer den Verbraucher ändern wolle, müsse seine Haltung ändern. Mit diesem Gedanken wurden die Szenen gebastelt und auf Facebook veröffentlicht.

Während ein Großteil der angesprochenen Verbraucher – rund 20.700 – in Facebook positiv auf den moralischen Zeigefinger reagierten, kommt Kritik aus für die Brauns unerwarteter Richtung: Der Bauernverband Schleswig-Holstein echauffierte sich, wie „abartig und menschenverachtend“ die Bilder seien, zeterte von „Täterideologie und Tierrechtlern“. Und trat damit einen kleinen Shitstorm los. Viele Landwirte fühlen sich diffamiert und falsch dargestellt.

Die Brauns konkretisierten rasch, dass sich ihre Aktion gar nicht gegen die Bauern, sondern an den Verbraucher richte – doch da war es schon zu spät. Die bäuerliche Gemeinschaft auf Facebook schüttete ihre angestaute Frustration über dem Miniatur Wunderland aus, die Veganer und Tierschutzaktivisten eilten zur Verteidigung, gemeinsam tippten sich alle Beteiligten übers Wochenende die Finger blutig. Insgesamt reagierten 22.500 Verbraucher auf den Beitrag, rund 7.140mal wurde er geteilt und 5.270 Mal kommentiert.

Kunst darf das

Man kann es durchaus abartig finden, wenn Menschen wie Vieh behandelt werden. Mensch und Tier in der Tierhaltung die Plätze tauschen zu lassen, das obliegt der künstlerischen Freiheit. Kunst kann und darf unangenehm sein und aufrütteln. Das muss eine gesellschaftlich relevante Branche wie die Landwirtschaft aushalten!

Nur schade, dass der Bauernverband mit samt seinen Followern beleidigt reagiert und gegen das von der Öffentlichkeit geliebte Miniatur Wunderland wettert, statt freundlich und sachlich das Gespräch zu suchen und sich unaufgeregt von dem Bild zu distanzieren. Damit hat der Bauernverband den Landwirten eher einen Bärendienst erwiesen und macht die mühsame Arbeit jedes engagierten und um gute Öffentlichkeitswirkung bemühten Landwirts nachhaltig zunichte.

Dass es auch anders geht, zeigt Thomas Andresen vom Hof Barslund. Er ist einer dieser auf Facebook sehr aktiven Landwirte. Der Bauer aus Schleswig-Holstein war ebenso wenig erfreut über die Bilder aus dem Miniatur Wunderland und forderte „die Städter“ auf, ihre Komfortzone zu verlassen. Gerrit Braun von Miniatur Wunderland ging darauf ein und kontaktierte Andresen. Der Landwirt und der Ingenieur hatten nach eigener Aussage ein gutes, respektvolles Gespräch, aus dem nicht nur ein Video entstand, sondern auch eine Idee: Die Brauns planen fünf Miniatur-Bauernhöfe, die unterschiedliche Tierwohlstandards von Non-EU bis Demeter im Miniatur Wunderland darstellen sollen. Der Plan soll bis September umgesetzt werden und wäre nichts anderes als unbezahlte PR für die Landwirtschaft. Die Brauns haben ihren Besuch bei Andresen in einem langen Video festgehalten und es auf Facebook veröffentlicht.

Auf diese Art und Weise lässt sich ein Shitstorm in Wohlgefallen auflösen. Da könnte sich manch einer eine Scheibe abschneiden – auch der Bauernverband.

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  1. Zaristo
    Erstellt 11. Juli 2019 21:01 | Permanent-Link

    Ich finde es gut was der BV gemacht hat. Der Shitstorm hat den Modellbauer erst zum Nachdenken gebracht, was er mit den menschlichen Melkmaschinen angerichtet hat. Ich fand es sehr beleidigend für unseren Berufstand. Das der Vegan-Mob ihm zur Seite springt, ist nichts Neues. Ihnen geht es nur um die Abschaffung der Tierhaltung, und da ist jedes Mittel recht. Hier sieht man ganz deutlich, was mit Zusammenhalt zu erreichen ist.

  2. Andreas H.
    Erstellt 11. Juli 2019 22:09 | Permanent-Link

    Ja, den Bauern, die sich so einer Diskussion stellen wie oben geschildert, gebührt Respekt und Hochachtung. Am heutigen Donnerstag lief gerade eine Sendung im WDR „Ihre Meinung“, wo auch Bauern versucht haben, was zu retten an Realität. Auch hier Spitzenleistung der Landwirte und besonders von einem Achtzigjährigen, der den Veganern die Frage gestellt hat, was man mit den Abfall und Nebenprodukten machen soll, die von Tieren gefressen werden. Er nannte die Zahl 85% Abfall/Nebenprodukte und 15% Futterbau. Sojaschrot ist ja auch ein Nebenprodukt der Ölindustrie… .
    Ich persönlich glaube nicht mehr daran, dass bei dem hohen Wohlstandsniveau hierzulande die Diskussion zu einem versöhnlichen Ende kommen kann. Bauern haben keine Planungssicherheit und werfen die Flinte ins Korn. Im WDR auch schön zu sehen, dass man nach Abschaffung der Legekäfighaltung nun die Bodenhaltung attackiert. So wird es in der Schweinehaltung auch laufen. Wer das Abenteuer eingeht und Sauen acht Quadratmeter Abferkelbucht zur Verfügung stellt, wird in 10 Jahren wieder auf der Abschussliste stehen, noch bevor die Schulden bezahlt sind.
    Die Schlacht ist verloren!

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