Systemrelevanz

Balsam für die Seele

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Nun ist es endlich offiziell. Die Landwirtschaft zählt zur kritischen Infrastruktur, ist also, wie man so schön sagt, „systemrelevant“. Landwirten selber war das schon lange klar; in der breiten Bevölkerung, könnte man jetzt böse formulieren, brauchte es für diese Einsicht erst die Coronakrise.

Neben Klopapier hamstert der deutsche Verbraucher nämlich in der Pandemie auch Mehl, Nudeln und H-Milch. Alles Produkte, die es ohne Landwirte, Mühlen, Molkereien und sonstige Unternehmen in den vor- und nachgelagerten Bereichen der Agrarwirtschaft nicht gebe. Nun könnte man an dieser Stelle darüber philosophieren, warum Deutsche in der Krise Klopapier, Mehl, Nudeln und H-Milch hamstern und ihre französischen Nachbarn diversen Berichten zufolge vor allem Präservative und Rotwein. Aber das sei an dieser Stelle nur eine Randnotiz.

Oft fühlen sich Landwirte, vor allem die konventionell wirtschaftenden, als Prügelknaben der Nation. Zunehmend kritischer wurde in den vergangenen Jahren die – je nach ideologischen Vorlieben – „moderne Tierhaltung“, beziehungsweise „Massentierhaltung“, diskutiert. Dazu kam die Kritik am Insektensterben durch „Pestizide“ auf den Äckern, und zuletzt, die aufgeheizte Debatte über die Düngeverordnung. Hegte manch ein Bauernverbandsfunktionär noch die Hoffnung, diese kritische Stimmung würde schon „weggehen“ und bald eine „neue Sau durchs Dorf getrieben“, wurde er eines besseren belehrt. Bei den Landwirten lief das gemütsmäßige Fass dann bekanntlich im vergangenen Herbst über: „Land schafft Verbindung“ formierte sich in sozialen Netzwerken, Mahnfeuer brannten, Traktorenlawinen rollten durchs Land; Zentralläger von Edeka, Aldi und Co. wurden blockiert, wenn diese allzu schamlos mit billigen Lebensmittelpreisen warben. Die wütenden Bauern erweckten auch Sympathien; die Kanzlerin machte den Dialog mit der Gesellschaft zur Chefsache.

Und dann nahm die Coronakrise an Fahrt auf. Die Mehlregale in den Supermärkten wurden leergefegt; auch besagte H-Milch suchte man mancherorts vergebens. Und ein Getreidemakler spottete am Telefon, er habe im Supermarkt einen Verbraucher gesehen, der seinen Wagen randvoll mit Toastbrot beladen hatte („Der muss aber eine große Tiefkühltruhe zuhause haben.“). Die Bundesregierung erklärte die Landwirtschaft als systemrelevant und versprach: „Die Versorgung mit Lebensmitteln ist sicher.“ (...und dieses Versprechen dürfte belastbarer sein als bei der Rente, die ja auch schon an prominenter Stelle als „sicher“ erklärt wurde…).

In den Medien wird derzeit viel über Landwirte berichtet – allerdings nicht im Kontext von Insektenschwund oder Überdüngung, sondern im Zusammenhang mit den vielen ausländischen Saisonarbeitern, die nun bei der Spargel-, Erdbeer- oder Hopfenernte fehlen oder bei der Zerlegung von Schlachtkörpern. Bei letzteren ist dann auch nicht mehr so wichtig, wie es dem „Fleischlieferanten“, vordringlich dem Schwein, zu Lebzeiten so ergangen ist. Und auf den Spargel- und Erdbeerfeldern wollen nun zehntausende Bürger, die aufgrund der Corona-bedingten Kontaktsperren nicht in der Gastronomie kellnern oder in der Uni büffeln können, helfen.

Die Coronakrise hat also das hinbekommen, was unzähligen Imagekampagnen aus der Branche bislang nicht gelungen ist. Sie hat es geschafft, eine „positive Emotionalität“ für die Landwirtschaft zu kreieren, wie es PR-Profis gerne bezeichnen. Für Landwirte ist die aktuelle Wertschätzung - ähnlich wie für Alten- und Krankenpfleger, Polizisten oder Supermarktverkäufer – sicher Balsam auf der Seele – auch wenn es traurig ist, dass es dafür erst einer Pandemie mit tausenden Toten weltweit bedarf. Zu hoffen bleibt für all diese Berufsgruppen, das von der Anerkennung etwas übrig bleibt, wenn die Krise hoffentlich gut überstanden ist. Möge der vielzitierte „Applaus von den Balkonen“ nicht zu schnell verhallen!  

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