Technik-Talk mit Dieter Dänzer

Agritechnica, quo vadis?

Dieter Dänzer
privat
Dieter Dänzer

Mitmachen oder absagen? – vor dieser Frage stehen viele Unternehmen bei ihren Messeplanungen. Auch die Geschäftszahlen von John Deere und Kubota bieten Gesprächsstoff.

Die Hammermeldung im Technik Talk vom 4. Februar war, dass John Deere an diesem Tag die DLG darüber informiert hatte, dass man nicht an der Agritechnica teilnehmen werde. Diese Absage hat in vielen Unternehmen die Abwägungsprozesse dafür oder dagegen neu entfacht, wurde mir in der Folgezeit von allen Seiten gespiegelt. Das Gegensteuern seitens des Veranstalters, sprich der DLG (Deutsche Landwirtschafts-Gesellschaft), durch eine am selben Tag verbreitete Pressemitteilung mit dem Inhalt, dass man mit mehr als 2.000 Ausstellern aus dem In- und Ausland rechne, scheint die Stimmen der Bedenkenträger wohl eher nicht zum Schweigen gebracht zu haben. Sonst hätte die DLG sicherlich nicht wenige Tage später den Vertragsschluss für die Teilnahme an der Agritechnica von Ende Februar auf Ende Mai 2021 verschoben. Die Begründung: man wolle den Ausstellern mehr Zeit gewähren, um das Impfgeschehen gegen Covid-19 weiter zu beobachten.

Die diesbezüglichen Entwicklungen der letzten Wochen mit täglich neuen Meldungen über das Impfstoff-Chaos lassen jedoch immer weniger hoffen, dass sich die Tore der Messehallen in Hannover für die bislang gewohnten Besucherzahlen – wenn überhaupt – öffnen werden. In meiner Tageszeitung war heute jedenfalls zu lesen, dass es bei dem heutigen deutschlandweiten 7-Tage-Inzidenzwert von 63 Neuinfektionen je 100.000 Einwohnern der letzten sieben Tage aufgrund des aktuell zumindest stagnierenden Abwärtstrends im Extremfall noch Monate dauern könne, bis alle angedachten Öffnungsschritte auch tatsächlich vollzogen sein werden. Wann und für welche Länder sich die Reiserestriktionen lockern werden, vermag überhaupt niemand zu sagen. Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass von Woche zu Woche immer mehr meiner Gesprächspartner ihren Glauben verlieren, dass eine Präsenzmesse in einem für sie akzeptablen Rahmen möglich sein wird. Mit dem Ersatzteil-Grossisten KRAMP hat nun nach JOHN DEERE der zweite namhafte Aussteller für klare Verhältnisse gesorgt. Mit der exakt gleichen Formulierung, nämlich „Die Gesundheit und Sicherheit unserer Kunden, Geschäftspartner und Mitarbeiter hat für uns oberste Priorität“, sagte CEO Eddie Perdok die Teilnahme an der Agritechnica in Hannover, der EIMA in Bologna und anderen Messen in Europa ab. Alternativ wolle man die Kunden über Neuheiten durch digitale Angebote informieren.

Eine gute Überleitung zu der gerade abgeschlossenen Online-Umfrage zum Informationsverhalten, die wir vom New Ideas Think Tank mit Unterstützung der agrarzeitung und landwirt.com durchgeführt haben. Bis die Studie mit ihren wirklich spektakulären Ergebnissen wissenschaftlich aufbereitet ist, wird es zwar noch bis Mitte März dauern. Aber schon ein erster Überblick bestätigt, was ich unisono von Teilnehmern und Ausstellern der „EuroTier und EnergyDecentral digital“ in der zweiten Februarwoche zu hören bekomme: eine virtuelle Messe kann eine Präsenzmesse keinesfalls ersetzen:

  • „Die visuellen und akustischen Reize, die man beim Streifen über eine Messe wahrnimmt, wo man alle paar Meter stehenbleibt, weil man ein neues Produkt entdeckt, auf das in verschiedenster Art und Weise aufmerksam gemacht wird, oder weil man einen Berufskollegen, einen Mitarbeiter des Händlers vor Ort oder einem der Hersteller trifft, den man kennt – all dies kann eine virtuelle Messe doch nicht einmal im Ansatz bieten.“
  • „Die DLG ist nicht gut beraten mit der Titulierung „EuroTier / EnergyDecentral digital“ und „Agritechnica digital“ den Anschein zu erwecken, dass die Präsenzmessen auf den Online-Plattformen adäquat zu ersetzen wären – dies ist doch eine „Mission Impossible“. Auch wenn sich an den vier Veranstaltungstagen der EuroTier über 41.000 Teilnehmer eingewählt haben und die DLG dies als großen Erfolg nach außen verkauft, war meine Wahrnehmung und die von allen Kollegen, mit denen ich gesprochen habe, eine ganz andere! Wer die Teilnehmerliste runtergescrollt ist, dem ist doch nicht verborgen geblieben, dass sich vor allem Mitarbeiter der DLG, Pressevertreter und Marketingleute von anderen Unternehmen registriert hatten: Diejenigen Landwirte, die in unseren Showroom kamen, konnte man an wenigen Händen abzählen.“
  • „Die noch immer schlechte Breitband-Versorgung der ländlichen Räume bereitet den digitalen Formaten der ersten Stunde große Probleme. Dies zog sich wie ein roter Faden durch die vier Digitalen-Messetage. Es kam immer wieder vor, dass Gesprächspartner rausgeflogen sind und den Registrierungsprozess neu starten mussten. Die Tonqualität war häufig nicht zufriedenstellend. Die Video-Übertragung stockte, sprich man sah vom virtuellen Gegenüber nur ein Standbild. Dass die DLG nun für technische Störungen kritisiert wird, die sie selbst gar nicht abstellen kann, ist die eine Seite der Medaille. Die andere Seite ist, dass es auch in absehbarer Zeit nur mit digitalen Formaten möglich sein wird, mit den Kunden und Vertriebspartnern zu kommunizieren. Deshalb wird sich da in den nächsten Monaten und Jahren sicherlich viel tun mit Blick auf neue Angebote und bessere technische Umsetzungen. Die „EuroTier digital“ hat jedenfalls gezeigt, dass da noch jede Menge Luft nach oben ist.“

Ich könnte hier noch diverse weitere Feedbackgespräche und zu deren Untermauerung mir zugeschickte Screenshots der Teilnehmerlisten oder Chatverläufe aufführen. Zwischen dem Anspruch der DLG als der Plattformbetreiber auch im Digitalen und der Wirklichkeit, zwischen dem Eigen- und dem Fremdbild scheinen noch Welten zu liegen.

Viel wichtiger ist es aber mit Fokus auf die Agritechnica nach vorne zu schauen – und da zieht sich wie ein roter Faden durch alle Gespräche, dass die Gesundheitsschutz-Begründungen für die Absage von JOHN DEERE und KRAMP in allen Unternehmen thematisiert werden. Mir wird erzählt, dass vor allem Betriebsräte oder einzelne Mitarbeiter auf die Geschäftsführungen zugehen und diese darauf ansprechen würden, ob man den im eigenen Unternehmen nicht darauf reagieren wolle. Dass für die meisten der bisherigen Aussteller die Teilnahme an der Agritechnica beileibe nicht bereits beschlossene Sache sei – wie dies von der DLG in ihrer Pressemeldung impliziert wird – darauf weist ebenfalls unsere Umfrage hin: nur 28 Prozent der Teilnehmer aus der Gruppe Hersteller und Händler hat angegeben, dass sie dort ausstellen werden. 31 Prozent haben es verneint und 41 Prozent der Befragten wissen es noch nicht. Da rund 50 Prozent der Umfrageteilnehmer aus Unternehmen mit mehr als 500 Mitarbeitern stammen, lässt sich dieses Ergebnis nicht einfach vom Tisch wischen! Seitens der Gruppe Landwirte und Lohnunternehmer – die den Besuch von Präsenzmessen für die Informationsbeschaffung mit 93 Prozent eindeutig priorisiert haben – ist im Übrigen auch nur für jeden zweiten schon klar, dass man die Agritechnica besuchen werde. Für 26 Prozent von ihnen steht dagegen fest, dass sie dies nicht tun werden, die restlichen sind sich noch unsicher. Und bei im Schnitt rund 350 Hektar bewirtschafteter Fläche, hat auch dieses Ergebnis Relevanz!

Was die Agritechnica betrifft, ist indes natürlich noch nichts endgültig entschieden. Ein Branchenkenner hat sogar eine Wette angeboten, dass die Agritechnica als Präsenzmesse stattfinden wird. Im Herbst könne sich längst jeder Teilnehmer und Aussteller durch tägliche Schnelltests sicher vor Ansteckung sein. Es wäre der ganzen Branche zu wünschen, dass er diese Wette gewinnen möge.

John Deere startet fulminant ins neue Geschäftsjahr

Im am 31. Januar zu Ende gegangenen 1. Quartal des aktuellen Geschäftsjahres weist John Deere einen Nettogewinn von 1,22 Mrd. US-$ aus. Im vergleichbaren Vorjahreszeitraum waren es nur 517 Mio. US-$, sprich der Gewinn hat sich mehr als verdoppelt! Die Maschinenumsätze kletterten um 23 Prozent auf zuletzt 8,1 Mrd. US-$.

Und ich weiß nicht, wie es Ihnen geht – ich musste jedenfalls die Vorhersage des Nettogewinns für das Geschäftsjahr 2021 erst einmal sacken lassen: der Konzern hat diesen auf 4,6 bis 5,0 Mrd. US-$ angehoben. Nur zur Erinnerung, im Oktober hatte man für das letzte Geschäftsjahr mit 2,8 Mrd. US-$ Nettogewinn abgeschlossen!

Kubota profitiert in 2020 nicht vom Landtechnik-Hype

Vor kurzem hat nun auch Kubota als letzter der international agierenden Konzerne seinen Geschäftsbericht veröffentlicht: gegenüber dem Vorjahr ist der Umsatz um 630 Millionen US-Dollar, respektive 3,5 Prozent auf 17,6 Milliarden US-Dollar gefallen. Die Landtechnik- und Industriesparte hat dazu einen hohen Anteil von 81,4 Prozent des Umsatzes beigesteuert. Wenn man sich dies verinnerlicht, dann wird einem bewusst, dass sich Kubota mittlerweile mit CNH Industrial im Wettstreit um Rang zwei im weltweiten Landtechnikbusiness befindet und diesen vielleicht sogar schon gewonnen hat. Der operative Gewinn ist um 13,1 Prozent auf 1,66 Milliarden zurückgegangen. Für das laufende Geschäftsjahr prognostiziert Kubota ebenfalls sehr optimistische Zahlen:

  • Der Umsatz soll um 10,6 Prozent auf 19,5 Milliarden US-Dollar steigen.
  • Der Gewinn vor Steuern soll um 21 Prozent auf 2,1 Milliarden US-Dollar steigen.

Sowohl John Deere also auch Kubota sind fest davon überzeugt, dass Covid-19 ihre Geschäftsmodelle nicht torpediert, wie man daraus entnehmen kann. Ihr Wort in Gottes Gehörgang!

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