Katja Bongardt

Überflüssig

az

Katja Bongardt über Killer-Keime aus dem Stall

Mehr Strategien zur Eindämmung von Antibiotika-Resistenzen sind nötig. Den Tierhaltern den Schwarzen Peter zuzuschieben, ist dabei überflüssig. 

Es gibt sie immer noch zuhauf: Sendungen mit dem reißerischen Titel "Killer-Keime aus dem Stall" (ZDF), Proteste gegen den Einsatz von Antibiotika in der Tierhaltung (vor allem NGOs) oder Ärzte, die der Tiermast den Schwarzen Peter für das Dilemma mit den Antibiotikaresistenzen zuschieben (Martin Eikenberg, Hygienemediziner im Klinikum Bremen).
Schade eigentlich. Dabei ist man in Deutschland doch schon weiter. Der One-Health-Ansatz oder das Antibiotika-Symposium aus der vergangenen Woche in Vechta zeigen, wie man konstruktiv versucht, die Zusammenarbeit zwischen Human- und Veterinärmedizin zu optimieren, um die Zunahme antibiotikaresistenter Bakterien zu bekämpfen. 

Tiere haben ein Recht auf Behandlung

Wer nur Fleisch von Tieren fordert, die nie mit Antibiotika behandelt worden sind, unterschlägt, dass auch Tiere einmal krank werden können. Wer weiter argumentiert, dass eine tiergerechte Haltung den Veterinär überflüssig macht, hat ein Brett vor dem Kopf. Die meisten Menschen würden ihre Lebensweise wohl als artgerecht bezeichnen. Dennoch müssen sie auf Antibiotika zurückgreifen.
By the way - und auf die Gefahr hin, dass auch hier Ställe und Krankenhäuser gegeneinander ausgespielt werden: Man muss zur Kenntnis nehmen, dass etwa 95 Prozent der resistenten Keime die sogenannten Krankenhauskeime sind - und damit hausgemacht.

Mehr resistente Bakterien aus der Nutztierhaltung

Aber natürlich drohen auch aus dem Stall Gefahren. Und sie nehmen zu. Das zeigen Zahlen aus dem Forschungsprojekt MedVet-Staph. In Regionen mit vielen Ställen ist der Anteil von resistenten Bakterienstämmen, die aus der Nutztierhaltung stammen (LA-MRSA), zwischen 2004 und 2011 deutlich angestiegen. Zwischen zwei und fünf Prozent beträgt im Durchschnitt der Anteil von LA-MRSA bei humanen Infektionen. In intensiven Nutztierregionen ist die Zahl zweistellig.
Doch Gefahren drohen noch aus einer ganz anderen Richtung. Die Weltorganisation für Tiergesundheit (OIE) hat mindestens 34 Staaten identifiziert, in denen Antibiotika immer noch als Leistungsförderer in der Tiermast erlaubt sind. Das kommt einer Resistenz-Zucht gleich. In Deutschland - wie auch im Rest der EU - dürfen Antibiotika nur noch zur Therapie verabreicht werden. Aber auch in der EU sind Antibiotika als Mast-Beschleuniger erst seit rund 10 Jahren verboten. Die Strategien zur Eindämmung von Resistenzen stecken immer noch in den Kinderschuhen.
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