Dr. Jürgen Struck zur Weihnachtsgans

Von Gänsen und Spitzen

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Die Saison für Gänsefleisch erreicht ihren Höhepunkt. Etwa 60 Prozent aller in Deutschland jährlich „verbrauchten“ Gänse gelangen an den Weihnachtsfeiertagen auf die Tische der Konsumenten. Nahezu der gesamte Rest in der Vorweihnachtszeit. Stromerzeuger sprechen von einer Weihnachtsgansspitze.

Die Tradition des prächtigen Gänsebratens hält sich in Deutschland nach wie vor, trotz kleinerer Familien, einer zunehmenden Zahl von Single-Haushalten  und demographischer Veränderungen (alternde Gesellschaft). Inwieweit es sich bei den Braten dabei um „ganze Gänse“ handelt, lässt sich schwer beurteilen. Denn auch im Markt für Gänsefleisch werden sicher vorzugsweise wertvolle Teilstücke nachgefragt und zubereitet, eine Keule gelingt auch durchschnittlichen aber ambitionierten Hobbyköchen, eine Gans mit einem Schlachtgewicht von vier bis sechs Kilogramm zuzubereiten, ist da schon eine ganz andere Herausforderung.  Hier zählt tradierte Erfahrung.

Rund 400 g Gänsefleisch verzehrte jeder Bundesbürger im Jahr 2016, in den Jahren zuvor waren es 100 g weniger. Insgesamt 37.000 t Gänsefleisch gelangten 2016 in Deutschland in die Bratröhren, gut 26.000 t waren es im Vorjahr. Zeichnet sich hier gar ein neuer Trend ab? Wenn ja, so haben zumindest die deutschen Gänsefleisch-Erzeuger davon nicht viel. Denn der Selbstversorgunggrad nimmt kontinuierlich ab. Er lag 2016 bei nur noch knapp 14 Prozent, im Jahr zuvor bei 19. Der Hauptanteil wird importiert, sonst wäre die alljährliche „Gänsespitze“ nicht zu bewältigen.

Dabei fällt auf, dass die deutschen Gänsehalter bislang ganz offenbar keiner Kritik von Tierschutz- oder sonstigen Aktivisten ausgesetzt sind, ja sogar eher das Gegenteil ist der Fall. In hohen Tönen werden sie gelobt. Deutsche Gänse leben länger, haben Auslauf auf der Wiese und werden insgesamt schonend behandelt. Das Verfahren der „Stopfleber“ ist streng untersagt, den Gänsen hierzulande geht es gut.

Doch dies kostet eben auch Geld. Die Preise für Gänsefrischware  
aus Deutschland bewegen sich zwischen 10 bis 15 Euro pro kg, die der aus dem Ausland importierten gefrorenen liegen bei unter 5 Euro pro kg. Nach Ansicht von Marktfachleuten können derartige Preise nur über die Quersubventionierung, beispielsweise über Höchstpreise für Produkte aus Stopflebern, ermöglicht werden.

Dessen ungeachtet, wird der Verbraucher schwach und denkt zunächst an sich selbst. Trotz ausgeprägten Missfallens halten sich die Tierschutzaktivisten mit Kritik an den Produktionsbedingungen außerhalb Deutschlands sehr zurück. Nur leise wird hier und da darauf hingewiesen, jedoch nicht in reißerischen Fernsehberichten. Die vorweihnachtliche Stimmung soll wohl nicht gestört werden, zum Moralisieren besteht genügend Zeit im Rest des Jahres. Und spätestens zur Internationalen Grünen Woche im Januar heißt es dann wieder „Feuer frei“ gegen heimische Erzeuger, wenn auch nicht Gänsehalter.

Eine weitere „Gänsespitze“ findet unterdessen heute nur noch wenig Aufmerksamkeit, der Stromverbrauch an den Weihnachtsfeiertagen. So hat der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) ermittelt, dass sich der durchschnittliche Stromverbrauch eines Haushalts am ersten Weihnachtstag wegen der Zubereitung der vielen Weihnachtsgänse um rund ein Drittel erhöht.  Bei 40 Millionen Haushalten entspricht dies einem  kurzfristigen Anstieg der Nachfrage von 120 Mio. Kilowattstunden. Unter Energieversorgern ist dieses Phänomen als „Weihnachtsgansspitze“ seit Jahrzehnten bekannt. Also müssen Vorkehrungen getroffen werden, damit „der Ofen nicht ausgeht“. Dies ist heute kein Problem mehr. 

Aber wer weiß, wie sich diese „Weihnachtsgansspitze“
 in der Zukunft auswirkt. In Zeiten einer fortschreitenden Energiewende könnte nach langen und windstillen Nächten die beliebte Weihnachtsgans vielleicht sogar einen flächendeckenden  „Blackout“ auslösen.  Doch sollte dies niemanden vom Genuss seiner Weihnachtsgans abhalten, am besten einer aus Deutschland.

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