Stefanie Pionke zur US-Studie über Rapsöl

Vorsicht Ölspur


az

Rehabilitiert wurde er erst kürzlich. War Kaffee lange Zeit als Blutdrucktreiber diskreditiert, gilt er nun als gesund. „Trinkt mehr Kaffee!“ oder „3 Tassen Kaffee am Tag verlängern das Leben“, tönen die Schlagzeilen. Und der verwunderte Verbraucher kratzt sich ratlos am Kinn: To drink, or not to drink – wer soll da noch durchblicken? Nach rotem Fleisch (wahrscheinlich krebserregend) oder Zucker (führt zu Übergewicht) hat es nun das nie auch nur im Ansatz verdächtige Rapsöl erwischt. US-Wissenschaftler wollen in einem Versuch mit Labormäusen herausgefunden haben, dass das bislang unbescholtene Produkt Alzheimer-Symptome verstärken kann.

Heutzutage könnte man meinen, dass es kaum ein verminteres Terrain gibt als die Nahrungsaufnahme. Überall in den Supermarktregalen, am Obststand und im heimischen Kühlschrank lauern Gesundheitsgefahren. Dass populäre Warnungen nicht notwendigerweise über jeden Zweifel erhaben sind, zeigt das Beispiel Kaffee, der quasi über Nacht eine spektakuläre Wandlung vom Krankmacher zum Lebensverlängerer vollzogen hat.

Wer Rapsöl in die Pfanne schüttete oder in den Brei seines Babys rührte, war bislang der Überzeugung, nichts, aber auch wirklich gar nichts, falsch gemacht zu haben. Das Öl gilt aufgrund seiner vorteilhaften Fettsäurenstruktur als gesund –  sein Verzehr wird von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung empfohlen, ausdrücklich auch als Beikost für Säuglinge. Und letztere, oder besser gesagt, ihre Eltern, zumindest, wenn sie aus bildungsbürgerlich-hipsteresken Schichten der Gesellschaft stammen, gelten als besonders kritische Kunden.

Und nun wollen Forscher aus den USA bei Fütterungsversuchen mit Labormäusen herausgefunden haben, dass Rapsöl Alzheimer-Symptome verschärfen kann! Eine Analyse mit Sprengkraft, die dazu angetan ist, Slow-Food- und Krabbelgruppen von Schwabing bis zum Prenzlauer Berg in Aufruhr zu versetzen.

Doch bevor der maximal verunsicherte Verbraucher Rapsöl ins Regal zurückstellt und - bis auf Widerruf – beschließt, sich nur noch von Gartenkräutern (natürlich nicht gespritzt mit Glyphosat!) oder am besten gleich von Luft und Liebe zu ernähren, sollte er innehalten. Denn Wissenschaftler üben scharfe Kritik an der Studie.

Die US-Forscher von der Temple-Universität in Chicago haben sechs Monate alte Labormäusen, die gentechnisch so verändert wurden, dass sie an Alzheimer erkranken, zusätzlich zu ihrem normalen Futter Rapsöl verabreicht. Eine Kontrollgruppe an Labormäusen bekam nur das konventionelle Futter. Nach sechs Monaten hatten die mit Raps gefütterten Mäuse mehr an Gewicht zugenommen als die anderen und zeigten Alzheimer-Symptome wie Gedächtnisverlust.

Doch der Vergleich hinkt, lautet der Aufschrei aus Teilen der wissenschaftlichen Community in Deutschland und Übersee. Man könne Versuchsergebnisse an gentechnisch veränderten und kranken Labormäusen nicht ohne weiteres auf „gesunde Organismen“ wie den Menschen übertragen. Auch habe die Vergleichsgruppe kein anderes Öl bekommen – es wurde somit kein Ausgleich für die größere Gewichtszunahme der Mäusegruppe geschaffen, die auch Rapsöl verabreicht bekam. Und Übergewicht gilt nun mal als Risikofaktor für Alzheimer.

Das führt uns zurück zum Kaffee. Kaffee galt auch deshalb lange als ungesund, weil wissenschaftliche Studien zu seiner Wirkung Faktoren des Lebensstils der Probanden lange ausklammerten. Kaffee wird gerne auch von Rauchern getrunken – ein kleines, aber wesentliches Detail am Rande, das in früheren Studien schlicht nicht betrachtet wurde. Viele gesundheitsschädigende Wirkungen, die in Wahrheit auf das Rauchen zurückgingen, wurden irrtümlicher Weise dem trendigen Heißgetränk zugeschrieben.

Nun ist Rapsöl nicht gleich Kaffee. Kaffee, oder genauer das in ihm enthaltene Koffein, gilt in hohen Mengen als gesundheitsschädlich (bis auf Widerruf!). Für Rapsöl gibt es derartige Einschränkungen bislang nicht – mal abgesehen davon, dass zu viel Fett generell zur Gewichtszunahme führt.

Wissenschaftler in Kanada halten die Studie folglich für „nicht relevant“ für den Verbraucher. Ob das zutrifft, wird die Wissenschaft klären – und vielleicht neue Studien produzieren. Ob die dazu dann angetan sind, den Nebel zu lichten, bleibt abzuwarten.  

stats