Report Anbaustrategien Kartoffeln

„Nematoden werden zum Problem“

Martin Sloksnat, Katja Muders und Bernd Truberg (v. l. n. r.)
Fotos: Norika
Martin Sloksnat, Katja Muders und Bernd Truberg (v. l. n. r.)

Dr. Katja Muders, Dr. Bernd Truberg und Martin Sloksnat erläutern den Züchtungsfokus der Norika

Züchter bieten derzeit nur bedingt Sorten an, die Erregern die Stirn bieten. Aus der Konzentration des Anbaus auf wenige Stärkefabriken resultiert umso mehr ein starkes Augenmerk auf Resistenzen.

az: In niedersächsischen Regionen mit einer hohen Anbaudichte haben die Kartoffelbauern große Probleme mit dem weißen Kartoffelzystennematoden. Der Fokus in der Züchtung liegt jedoch stets auf Ertrag. Gibt es keine Nachfrage nach resistenten Sorten?

Sloksnat: Doch, Landwirte im Nordwesten, das heißt im Emsland oder der Grafschaft Bentheim, deren Bestände bedroht sind durch den bodenbürtigen Erreger, zeigen großes Interesse an resistenten Stärkekartoffeln. Seit vergangenem Jahr bieten wir die Sorte Triton an. Sie hat eine sehr gelungene Resistenzkombination gegen die ‚Globodera pallida‘ und den Erreger des Kartoffelkrebses. In diesem Jahr wurden die Sorten ‚Moritz‘ und ‚Lenz‘ zugelassen, die eine umfangreiche Nematodenresistenz aufweisen.

Und doch gibt es bereits neue virulente Formen des weißen Kartoffelzystennematoden. Welche Antwort liefert die Züchtung?

Muders: Es ist kein Geheimnis, dass Züchter noch keine Sorten anbieten, die gegen alle schädlichen Populationen des weißen Kartoffelzystennematoden resistent sind. Um natürliche Resistenzen zu finden, die wir anschließend mit bestehenden Sorten kreuzen können, suchen wir derzeit in Wildpflanzen. Haben wir eine Resistenz entdeckt, dauert es rund 20 Jahre, bis wir eine neue Sorte auf den Markt bringen.

Haben sich die virulenten Erreger bis dahin nicht weiter- entwickelt?

Muders: Selbst wenn, es gilt: Je mehr Resistenzgene eine Kartoffelpflanze aufweist, desto schwieriger wird es für virulente Populationen, die Resistenz zu brechen.

Truberg: Enge Fruchtfolgen begünstigen das Entstehen resistenzbrechender Erregerpopulationen und gefährden somit langfristig die Rentabilität des Kartoffelbaus. Dieses Problem kann jedoch nur bedingt züchterisch gelöst werden. Vielmehr ist hier der Pflanzenbau bei der Gestaltung einer nachhaltig gangbaren Fruchtfolge gefragt.

Könnte das biotechnologische Verfahren Crispr/Cas aus der Patsche helfen, weil es Resistenzgene schnell an Ort und Stelle bringt?

Muders: Wenn wir das richtige Resistenzgen kennen würden, würde es schneller gehen. Doch das ist bisher nicht der Fall.

Forschen Sie mit der Gen-Schere?

Muders: Nein. Für uns als mittelständisches Unternehmen macht dies noch keinen Sinn, weil wir nicht wissen, ob das Verfahren unter das Gentechnikrecht fällt und damit in der europäischen Lebensmittelproduktion ohnehin keine Zukunft hätte. Bisher gibt es für die Kartoffel nur ein prominentes Beispiel: Dänische Forscher haben mithilfe der Genschere die Stärkezusammensetzung verändert. Der Forschungsschwerpunkt zu Crispr/Cas liegt europaweit derzeit eher auf den Hauptkulturen wie Weizen und Raps.

Zu den Personen

Katja Muders und Bernd Truberg leiten den Bereich Forschung und Entwicklung bei Norika. Martin Sloksnat ist seit rund zwei Jahren für Sortenneuzüchtungen zuständig. Die Norika-Nordring-Kartoffelzucht- und Vermehrungs-GmbH hat ihren Sitz in Groß Lüsewitz/Mecklenburg-Vorpommern. Neben Europlant und Solana gehört Norika zu den drei großen Züchterhäusern in Deutschland. Das Unternehmen baut auf 3000 ha Pflanzkartoffeln an und schlägt 60000 t im Jahr um.


Züchtung ist sehr langwierig. Geben Sie die Anbautrends vor? Oder woher wissen Sie, was der Landwirt in zehn Jahren braucht?

Sloksnat: Selbstverständlich können wir nicht in die Glaskugel schauen. Doch der Trend zeigt, dass die verarbeitende Kartoffelindustrie in Deutschland wächst. Der Anbau wird sich um wenige Stärkefabriken konzentrieren, weil sich der Kartoffelanbau bei weiten Transportstrecken nicht mehr lohnt. Um den Bedarf zu decken, werden die Fruchtfolgen enger. In solchen Regionen werden bodenbürtige Erreger zum Problem. Auf diese ökonomischen Zwänge antworten wir mit einem Züchtungsfokus auf Resistenzen.

Inwieweit ziehen Sie Verbraucherwünsche in Ihre Planung mit ein?

Sloksnat: Mitteleuropäer bevorzugen gelbfleischige oder sogar tief gelbfleischige Sorten. Osteuropäer wählen traditionell helle Sorten. Grundsätzlich achten wir auf optisch ansprechende Ware, sie muss eine glatte Schale haben. Darüber hinaus ist es schwierig, Verbraucherwünsche zu berücksichtigen, weil die unendliche Vielfalt der Kartoffelsorten im Lebensmitteleinzelhandel nicht zur Geltung kommt. Lediglich Kochtypen stehen im Vordergrund und nicht die Sorte. Selbst der Kochtyp ist nicht immer richtig deklariert.

Im Öko-Fachmarkt wird die einzelne Sorte mehr wertgeschätzt. Wie ist hier Ihr Angebot?

Sloksnat: Wir bieten die Sorte ‚Goldmarie‘ an. Sie ist schön gelbfleischig und absolut festkochend. Außerdem ist ihr Blattapparat gut in der Lage, Unkraut zu unterdrücken.

Haben Sie einen Geheimtipp, in den es sich lohnt, zu investieren?

Sloksnat: Ja, es gibt ein Zuchtprogramm in den USA, das eine diabetikerfreundliche Speisekartoffel gezüchtet hat. Diese Sorte namens ‚Huckleberry Gold‘ haben wir übernommen. Sie ist seit diesem Jahr zugelassen. Wir glauben, dass die Kartoffel mit der pinkfarbenen Schale interessant für den europäischen Markt sein kann.

Interview: Henrike Schirmacher

Die Kommentare für diesen Artikel sind geschlossen.

stats