Report Kartoffeln

Alles dreht sich um die Knolle


Hartmut Ohlrich (l.) und Michael Paskarb prüfen, wie viel Erde den Kartoffeln nach dem Trockenpolieren noch anhängt. Foto: dg
Hartmut Ohlrich (l.) und Michael Paskarb prüfen, wie viel Erde den Kartoffeln nach dem Trockenpolieren noch anhängt. Foto: dg

In Dethlingen befindet sich die einzige Versuchsstation für Kartoffeln in Deutschland. An dem Standort in Niedersachsen lassen sich Theorie und Praxis ideal kombinieren, findet der neue Leiter Andreas Meyer.

Seit fast einem halben Jahr ist Andreas Meyer Leiter der Versuchsstation Dethlingen (VSD) in der Lüneburger Heide. Vorgefunden hat er zahreiche laufende Versuchsvorhaben. In der VSD werden oft gleichzeitig mindestens 15 Fragestellungen mit mehreren Varianten bearbeitet – und das teilweise über mehrere Jahre. Im Moment beschäftigt die Kartoffelbranche in erster Linie, wie sie zukünftig ohne Reglone als dem derzeit wichtigsten Wirkstoff zur Krautabtötung zurechtkommen soll. Nur noch in dieser Saison steht ein Mittel zur Verfügung. Ab dem kommenden Jahr darf es nicht mehr eingesetzt werden. "Hier müssen dringend Lösungen erarbeitet werden", ist auch der studierte Gartenbauwissenschaftler und Master in Agrarbusiness überzeugt.

Krautabtötung mit Strom im Test

So erprobt das Dethlinger Team seit 2017 mit Hochdruck ein elektrisches Verfahren zur Krautsikkation in Kartoffeln. Das Prinzip: Ein zapfwellenbetriebener Generator hinter dem Schlepper erzeugt während der Überfahrt über die Kartoffeldämme Strom mit einer Hochspannung von 7 000 bis 10 000 Volt. Der Strom wird über einen in der Fronthydraulik angebauten Applikator durch die Pflanze an den Boden und ein zweites Mal durch die Pflanze an einen Erdungsapplikator zurückgeleitet. Die Zellstrukturen des Kartoffelkrautes werden bei dem Vorgang zerstört. Der Bestand trocknet aus.

Derzeit wird untersucht, ob dieses Verfahren für die Kartoffel überhaupt geeignet ist. Die Vergleichbarkeit mit chemischen Standardprodukten wird dabei genauso geprüft wie die Beeinträchtigung der inneren und äußeren Knollenqualität in Abhängigkeit von der elektrischen Energie. Der Einfluss von Bodenfeuchte, Sorte und Bodenarten findet Berücksichtigung. Mit der gleichen Genauigkeit wird nach den Auswirkungen von unterschiedlicher Stromstärke und Fahrgeschwindigkeit sowie dem Energieaufwand pro Hektar gefragt.

Das System stammt aus Südamerika. Erfahrungen mit Kartoffeln gibt es aber noch nicht. Die Rentenbank finanziert die Untersuchungen. Ein zweiter Standort mit anderen Bodenverhältnissen als in der Heide ist ebenfalls eingerichtet, um auch Erfahrungen auf Marschböden mit höherem Wassergehalt zu sammeln.

Erdanhang unerwünscht

Neben diesem Projekt betreut der 30-jährige Niedersachse mit seinen fünf fest angestellten Mitarbeitern und zusätzlichen Aushilfen zahlreiche weitere Versuche. Ein weiterer Schwerpunkt ist die Qualitätsverbesserung von Pflanzkartoffeln mithilfe von Trockenpolieren. Die Technik ist bereits aus dem Speisekartoffelbereich bekannt. Dort wird sie vor der optoelektronischen Verlesung zur Reinigung der Knollen eingesetzt. Mit Kameras und einem Bildverarbeitungsprogramm wird hier gearbeitet. Der Einsatz des Trockenpolierers in Pflanzkartoffeln dient dabei der Reduzierung des Erdanhangs. Ziel ist es, zu vermeiden, dass Schaderreger über den Erdanhang von einem Schlag auf den nächsten übertragen werden. Trockenpolierer arbeiten wie eine Waschmaschine mit Trommel und Walzen, an denen Bürsten befestigt sind. Um feststellen zu können, wie viel Erde nach dem Durchgang in der Maschine noch an den Knollen haftet, waschen Mitarbeiter die polierten Knollen und untersuchen den Gehalt an restlicher Erde. Die Drehzahl der Trommel und der Bürsten ist ein Beispiel für Fragestellungen bei diesen Versuchen. Dieses Projekt finanziert die VSD selber.

Weitere Projekte befassen sich mit der Optimierung der Luftverteilung bei der Loselagerung von Kartoffeln oder mit der Vergleichsuntersuchung neuer Sortiersysteme.

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Beregnung mit Tröpfchen

Außerdem hat Meyer eigene Ideen für neue Versuchsfragen. Bevor er nach Dethlingen kam, hat er sich intensiv mit der Beregnung von Kulturflächen beschäftigt. Das könnte er sich als Versuchsreihe auch vorstellen. Die nähere Betrachtung der Tröpfchenbewässerung würde ihn am meisten reizen. Träger der VSD ist die Förderungsgemeinschaft der Kartoffelwirtschaft. Der Verein besteht aus etwa 60 Unternehmen der Kartoffelbranche. Mehr als 100 Landwirte und weitere Unternehmen ebenfalls aus der Kartoffelbranche unterstützen die FG als Förderpartner.

Aufgabe der FG ist es, Anbau, Ernte, Lagerung, Aufbereitung und Verwertung von Kartoffeln mithilfe von Forschungsarbeiten und Versuchen zu fördern. Finanziert werden diese Versuche einerseits aus Mitteln der Bundesländer, die sich nach der Größe der jeweiligen Kartoffelfläche staffeln. Weitere Mittel stammen von Mitgliedsunternehmen und Förderpartnern der FG. Ein Beirat entscheidet über Anschaffungen und Versuchsanstellungen. Den Haushalt der VSD betreut die Landwirtschaftskammer Niedersachsen in Hannover. Im nächsten Jahr feiern die Dethlinger 70-jähriges Bestehen der Versuchsstation.

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