Report Landtechnik

„Die Digitalkompetenz wird auf dem Bauernhof wichtiger“

Foto: BITKOM

Landwirtschaft 4.0 ist nur möglich, wenn die technischen Voraussetzungen dafür gegeben sind. Experte Bernhard Rohleder beschreibt den Stand der Umsetzung hierzulande und skizziert, wo es noch hapert.

az: Ist die Landwirtschaft in Deutschland fit für das digitale Zeitalter?

Rohleder: Auf dem Bauernhof funktioniert heute ohne Digitalisierung fast nichts mehr. Prozesse und Abläufe werden nicht nur zunehmend digital gesteuert, sondern auch immer stärker integriert und miteinander vernetzt. Umso wichtiger wird die Digitalkompetenz. Der Landwirt muss sie Tag für Tag beweisen, in der Unternehmensführung, im Umgang mit Tier, Maschine oder auf dem Feld.

Im Durchschnitt geben sich die Landwirte in Sachen Digitalkompetenz die Schulnote drei. Allerdings gibt es deutliche Unterschiede zwischen den Altersgruppen. Je jünger der landwirtschaftliche Betriebsleiter ist, desto besser wird die eigene Digitalkompetenz eingeschätzt.

Wo bieten digitale Technologien größeres Potenzial: im Stall oder auf dem Acker?

Rohleder: Auf dem Acker arbeiten Landmaschinen GPS-gestützt und sensorgesteuert. So kann der Landwirt die Entwicklung und die Nährstoffversorgung von Pflanzen punktgenau beobachten und steuern. Im Stall misst währenddessen die Technik die Gesundheits- und Leistungsdaten jedes einzelnen Tiers und ermöglicht so eine individuelle Betreuung. Es lässt sich nicht sagen, wo das Potenzial größer sein wird. Fest steht: Die Landwirtschaft entwickelt sich rasant zu einer digitalisierten Branche. Schon heute nutzt mehr als jeder Zweite in der Branche digitale Lösungen.

Datenhoheit und -sicherheit werden in der Praxis heiß diskutiert. Was muss hier passieren, um die Bedenken zu zerstreuen?

Rohleder: Grundsätzlich gilt: Nirgendwo sind Daten unsicherer als auf Papier, gedruckt im Aktenregal. Digitalisierung kann hier ein deutliches Plus an Sicherheit bringen. Das setzt voraus: Mit der Sammlung und Verarbeitung von Sensordaten und anderer betriebswirtschaftlicher Daten der Landwirte muss auch ein verantwortungsvoller Umgang aller Akteure damit einhergehen. Wenn in der vernetzten Landwirtschaft personenbezogene Daten anfallen, müssen die gesetzlichen Anforderungen an Schutz, Auskunftspflichten und Datensicherheit beachtet werden.

„Im Durchschnitt geben sich Landwirte die Schulnote drei. “
Dr. Bernhard Rohleder , 

Fort- und Weiterbildungen werden unerlässlich. Gilt das nur für die Betriebsleiter?

Rohleder: Lebenslanges Lernen gilt für Betriebsleiter wie Mitarbeiter gleichermaßen. Weiterbildung zu Digitalthemen ist kein ‚Nice to have‘, sondern muss zum Pflichtprogramm jedes einzelnen Mitarbeiters gehören; in unterschiedlicher Intensität und Ausrichtung, versteht sich. Wem die Digitalkompetenz fehlt, wer die digitale Welt nicht versteht und durchdringt, der wird schnell zum Getriebenen. Die Agrarbetriebe müssen mit dafür sorgen, dass ihre Mitarbeiter souverän mit digitalen Geräten und Anwendungen umgehen können.

Eine erfolgreiche Digitalisierung setzt ein leistungsfähiges Internet im ländlichen Raum voraus. Wie ist der Stand?

Rohleder: Die Breitbandversorgung ist hierzulande viel besser als ihr Ruf, gerade in der Fläche. So ist beispielsweise die Verfügbarkeit von kabelgebundenen Netzen mit mehr als 30 Megabit pro Sekunde in ländlichen Gebieten Deutschlands viel höher als zum Beispiel in Schweden oder etwa im oft zitierten Estland.

Allerdings ist einem landwirtschaftlichen Unternehmen, das noch nicht versorgt ist, mit Durchschnittswerten wenig geholfen. Ein betroffener Landwirt kann sich mit DSL via Satellit oder einer Lösung per Richtfunk behelfen. Bis wir aber auch auf jedem Acker eine gute Mobilfunkversorgung haben, wird noch einige Zeit vergehen.

Diskussion in Berlin

Der Bitkom e.V. vertritt mehr als 2500 Unternehmen der digitalen Wirtschaft, davon gut 1700 Direktmitglieder. Sie erzielen allein mit IT- und Telekommunikationsleistungen jährlich Umsätze von 190 Mrd. €. Bitkom fördert und treibt die digitale Transformation der deutschen Wirtschaft. Bernhard Rohleder (Jahrgang 1965) hat den Verband Ende 1999 mit aus der Taufe gehoben und ist seitdem Hauptgeschäftsführer. Am 22. März 2018 bringt Bitkom auf seiner ersten ‚Digital Farming Conference‘ in Berlin mehr als 150 Entscheider aus Landtechnikindustrie, Agrar- und Digitalwirtschaft, Politik sowie Wissenschaft zusammen. Diskutiert werden soll über den Einsatz digitaler Technologien in der Agrarwirtschaft. Im Mittelpunkt stehen Themen wie Precision Farming, Robotik, Sensorik und die vernetzte Landwirtschaft. Die agrarzeitung (az) ist Medienpartner. 

Wann rechnen Sie mit einer flächendeckenden Umsetzung hierzulande?

Rohleder: Für eine flächendeckende Versorgung mit Glasfaser bis in jedes Haus bräuchten wir etwa eine Million Kilometer Glasfaser. Doch es gibt bei den Baufirmen aktuell nur Kapazitäten, um jährlich 50000 bis 70000 Kilometer zu legen.

Es würde also circa 20 Jahre dauern, bis auch das letzte Haus in Deutschland per Glasfaser angeschlossen ist. Wir müssen daher den Ausbau in einem Gigabit-Technologiemix in konvergenten Netzen von Mobilfunk und Festnetz vorantreiben.

Die Fragen stellte Olaf Schultz

Mehr von Daten und Digitaliserung lesen Sie im Report Landtechnik in der neuen Ausgabe der agrarzeitung (az) am Freitag, 9. März.

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