Prof. Erik Gawel lehrt Volkswirtschaft in Leipzig und leitet das Department Ökologie am Umweltforschungszentrum.
Foto: UFZ
Prof. Erik Gawel lehrt Volkswirtschaft in Leipzig und leitet das Department Ökologie am Umweltforschungszentrum.

Eine Steuer auf Pflanzenschutzmittel wird immer wieder diskutiert. Die agrarzeitung (az) stellt in einem Pro&Kontra die Argumente gegenüber. Hier die Pro-Stimme:

+ Der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln (PSM) birgt Risiken für Umwelt und menschliche Gesundheit. PSM beeinträchtigen die Artenvielfalt an Land und in Gewässern, sie reichern sich im Boden an, lassen sich zum Teil in Lebensmitteln und im Trinkwasser nachweisen und wirken beim Menschen hormonell oder zellschädigend. In Europa sind rund 30 Prozent der Gewässer in einem ökologisch schlechten Zustand – auch aufgrund eines zu hohen PSM-Einsatzes. Die Minderungsziele aus der Biodiversitätsstrategie 2007 wurden glatt verfehlt. Es besteht Handlungsbedarf.

Dass trotzdem in Deutschland weiterhin ein PSM-Einsatz auf hohem Niveau erfolgt, offenbart die Schwächen des bisherigen Instrumenteneinsatzes aus Ordnungsrecht und Fördermaßnahmen. Deutschland sollte daher dem Beispiel anderer EU-Länder wie Dänemark, Schweden und Frankreich folgen und eine ergänzende Abgabe auf Pflanzenschutzmittel einführen. Außerhalb der EU besteuert Norwegen seit 1998 Pflanzenschutzmittel.

Die Folgekosten für Mensch und Umwelt des PSM-Einsatzes sind bislang in den Marktpreisen nur unzureichend abgebildet – Kosten, die bislang kein Pflanzenschutzmittel-Anwender übernehmen muss. Die Verantwortung für derartige Folgelasten vom Verursacher tragen zu lassen, ist nicht nur ein Gebot der Gerechtigkeit, sondern auch der Effizienz. Denn PSM erhalten so ihren „wahren“ Preis, und auch Agrarprodukte unterscheiden sich preislich danach, ob sie unter PSM-Einsatz zustande gekommen sind oder nicht. Eine risikobezogene Abgabe wird dazu beitragen, auf weniger schädliche Wirkstoffe umzusteigen oder in Informationen zu investieren, was beim Einsatz wirklich erforderlich ist. Zahlreiche Studien belegen, dass der PSM-Einsatz zum Teil auch ertragsstabil reduziert werden kann.

„Eine Abgabe mutet verantwortliche Anpassungsentscheidungen zu, keine Betriebsaufgaben. “
Prof. Erik Gawel, 


Die Abgabe beteiligt die Verursacher an den durch sie veranlassten sozialen Kosten und unterstützt über Lenkungsimpulse die Erreichung der europäischen und nationalen Ziele. Zusätzlich bringt sie Finanzmittel auf, die für weitere Maßnahmen eingesetzt werden können. Und im Gegensatz zu harten Zulassungsentscheidungen (Stichwort Glyphosat) bleibt eine Abgabe das mildere Mittel der Vorsorge, denn sie schreibt niemandem vor, was zu tun oder zu lassen ist – nur die Folgen des eigenen Handelns erhalten jenen Preis, der ökonomisch und ökologisch die Wahrheit sagt. Das ist nicht zu viel verlangt.

Die demgegenüber beklagte Überforderung der Landwirtschaft ist nicht zu erkennen: PSM-Ausgaben machen weniger als 10 Prozent der Produktionsaufwendungen aus. Optimieren Nutzer den PSM-Einsatz, lässt sich die Abgabe sogar teilweise ertragsneutral umgehen. Und sollte bei bestimmten Kulturen tatsächlich eine spürbare Belastung eintreten, lässt sich aus dem Aufkommen eine anreizneutrale Kompensation organisieren. Eine PSM-Abgabe mutet verantwortliche Anpassungsentscheidungen zu, keine Betriebsaufgaben.

Die Pflanzenschutzmittelpolitik braucht dringend neue Impulse, um endlich ihre selbstgesteckten Ziele zu erreichen. Eine Pflanzenschutzmittel-Abgabe für Deutschland ist dafür das richtige Instrument.

Die Kommentare für diesen Artikel sind geschlossen.

stats