In Gerste ist die Resistenzentwicklung gegenüber der Netzfleckenkrankheit am weitesten fortgeschritten.
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In Gerste ist die Resistenzentwicklung gegenüber der Netzfleckenkrankheit am weitesten fortgeschritten.

Die Anpassung von Schadpilzerreger-Populationen gegenüber der Stoffklasse der SDHI – auch Carboxamide genannt – ist sehr unterschiedlich ausgeprägt. Für Schadpilzerreger in Sonderkulturen sind schon länger Resistenzen bekannt und teilweise weit fortgeschritten. Die Anwender begegnen dem mit einer umfassenden Resistenzstrategie – über die Kombination oder das Wechseln in der Abfolge von unterschiedlichen, nicht kreuzresistenten Wirkstoffklassen.

Auch Ramularia-Erreger passen sich zunehmend an

Im Getreide ist diese Situation etwas anders. Erstens ist hier die Anzahl der Anwendungen pro Jahr geringer als im Vergleich zu vielen Sonderkulturen. Zweitens sind hier bis jetzt nur wenige Anpassungen von Schadpilzerreger-Populationen bekannt. Für die Netzfleckenkrankheit der Gerste ist diese Resistenzentwicklung am weitesten fortgeschritten.

Hier wurden erste angepasste Isolate im Jahr 2012 gefunden und eine Veränderung (Mutation) am Wirkort der SDHIs, dem „Zielprotein“, beschrieben. In den folgenden Jahren wurden weitere Anpassungen beobachtet und es konnte auch eine räumliche Ausbreitung verschiedener Mutationen über ganz Deutschland nachgewiesen werden. Etliche Mutationen in den verschiedenen Untereinheiten des „Zielproteins“ sind heute definiert und treten mit unterschiedlicher Häufigkeit in Deutschland auf.

Allerdings unterscheiden sich diese SDHI-Resistenzen grundlegend von den Mutationen, die wir zum Beispiel aus dem Wirkstoffbereich der Strobilurine kennen. Zwar ist eine Strobilurin-Resistenz auch in der Veränderung des „Zielproteins“ der Fungizide begründet, jedoch hat hier die explosionsartige Verbreitung von nur einer Mutation – dem G143A – mit durchschlagendem Einfluss auf die Wirksamkeit zu einem rapiden Wirksamkeitsverlust der Strobilurine gegenüber Septoria tritici und Mehltau geführt.

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Kein massiver Abfall der Wirkung festgestellt

Dies ist bei den SDHIs anders. Erstens haben sich hier einzelne Mutationen nicht komplett in der Population durchgesetzt, stattdessen besteht eine gewisse Dynamik zwischen den verschiedenen Mutationen. Zweitens ist die Wirkung der SDHI-Fungizide nur zum Teil beeinträchtigt. Je nach Mutation ergeben sich geringere oder stärkere Wirkungseinbußen – keinesfalls aber eine so deutliche Wirkungslosigkeit wie bei den Strobilurinen. Als Ergebnis dieser Entwicklung bei Netzflecken wurden viele Empfehlungen für den Fungizideinsatz in der Gerste angepasst. Am meisten verbreitet ist die Kombination der SDHI-Lösungen mit Strobilurinen mit guter Wirksamkeit gegen die Netzfleckenkrankheit wie zum Beispiel mit Pyraclostrobin.

Auch die Ramularia-Population hat in den vergangenen Jahren Anpassungen gegen verschiedene Stoffklassen entwickelt, unter anderem auch gegenüber den SDHIs. In den Regionen, wo Ramularia das Befallsgeschehen dominiert, werden Kombinationen mit dem Wirkstoff Chlorothalonil empfohlen, um weiterhin die Wirksamkeit zu garantieren.

Für die wichtigste Weizenkrankheit Septoria tritici wurden bereits 2012 erste SDHI-angepasste Isolate im Feld gefunden, seit 2014 auch in Deutschland.

Mutationen bei Septoria tritici breiten sich kaum aus

Im Gegensatz zu der Situation bei Netzflecken ist jedoch die räumliche Ausbreitung von solchen Septoria-Mutationen deutlich eingeschränkt. Der Hauptteil der gefundenen Varianten sind sogenannte „milde“ Mutationen, welche die Feldleistung bei richtigem Anwendungstermin nicht oder kaum beeinflussen. Andere Mutationen mit deutlichem Einfluss auf die SDHI-Wirkung – wie beispielsweise C-H152R – scheinen Wettbewerbsnachteile für den Schadpilzerreger zu haben, da diese über die Wintermonate aus der Septoria-Population verschwinden und bisher im Frühjahr nicht mehr nachweisbar waren.

Trotzdem steht hier ein verantwortungsvoller Umgang und der wohlüberlegte Einsatz der SDHI-Fungizide im Fokus des Resistenzmanagements. Die Anzahl der Anwendungen pro Jahr sollte möglichst auf eine Spritzung beschränkt bleiben. Für die Krankheitsbekämpfung im frühen Bereich des Bestockens und Beginn des Schossens sowie im späten Bereich der Kornfüllung stehen leistungsstarke, SDHI-freie Lösungen zur Verfügung.

Wirkungseinbußen gelten für alle SDHIs

Für einen wirksamen Resistenzschutz im Getreide ist der Kombinationspartner besonders wichtig. Er sollte in Aufwandmenge und Wirkung einen guten Schutz bieten. Ein nachhaltiger Resistenzschutz über die Kombination von unterschiedlichen SDHI-Wirkstoffen ist nicht gegeben. Die Mutationen, die am häufigsten in angepassten Feldisolaten gefunden werden, sind nahezu vollständig kreuzresistent, das heißt, die möglichen Wirkungseinbußen gelten für alle SDHIs.

Eine Erhöhung des SDHI-Anteiles in der Mischung oder gar die Kombination von zwei SDHI-Wirkstoffen in einem Produkt wirkt sich negativ auf das Resistenzgeschehen aus. Dies haben Selektionsversuche bestätigt. Der Selektionsdruck, das heißt der Druck auf eine Population, Mutationen zu entwickeln, um erfolgreich zu überleben, wird dadurch deutlich erhöht. Dies fördert die Zunahme von mutierten Isolaten, was wiederum die Wahrscheinlichkeit von Feldresistenzen für die behandelten Flächen erhöht. Dadurch sind längerfristig Wirkungseinbußen schon vorprogrammiert.

Dr. Jochen Prochnow,
Leiter Produktentwicklung Pflanzenschutz Deutschland, Österreich, Schweiz, BASF SE

 

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