Report Pflanzenschutz

„China hat großes Interesse an nachhaltiger Produktion“


Foto: Bayer

Mehr Verständnis und ein besseres Image der Landwirtschaft will Bayer Crop Science mit den Forward-Farming-Betrieben erreichen. Nachhaltigkeit ist dabei ein ganz wichtiger Aspekt. Inzwischen gibt es weltweit schon einige solcher Farmen und viele Interessierte.

Argentinien: Agricola Testa baut auf 1 130 ha Soja, Mais und Weizen an.
Foto: Bayer
Argentinien: Agricola Testa baut auf 1 130 ha Soja, Mais und Weizen an.

az: Bayer Forward-Farming ist vor zwei Jahren an den Start gegangen. Wie ist Ihr Fazit?

Naaf: Ich bin persönlich absolut überzeugt von unserer Initiative. Das Feedback, das wir erhalten, ist wirklich enorm positiv. In der Öffentlichkeit wird die landwirtschaftliche Praxis kontrovers diskutiert, aber viele kennen sie eigentlich gar nicht richtig. Für viele ist dies praktisch der erste Besuch auf einem landwirtschaftlichen Betrieb.

Wir versuchen diese Forward-Farms, wo es möglich ist, in der Nähe der Hauptstädte der jeweiligen Länder zu platzieren. Dadurch haben wir eine gute Anbindung und ermöglichen den Zugang für viele Menschen, Landwirte und Verbraucher. Und wir können auch Vertreter in Entscheidungsgremien und Politiker dorthin führen. Die Einblicke und Diskussionen sind für alle Seiten immer wieder erfrischend.

Chile: Der Fokus bei La Hornilla liegt auf 158 ha bei Sonnenblumen und Früchten.
Foto: Bayer
Chile: Der Fokus bei La Hornilla liegt auf 158 ha bei Sonnenblumen und Früchten.

Ist es überall auf der Welt so wie in Deutschland und Europa?

Naaf: Nein. Ich glaube, die Bedenken, Fragen und die teilweise sehr emotional geäußerte Kritik gegenüber der Landwirtschaft sind sicherlich am stärksten hier in Europa ausgeprägt. Für uns ist Nachhaltigkeit aber ein globales Thema. Wir möchten daher in anderen Regionen, wo vielleicht diese Kritiken und das Unverständnis gegenüber der Landwirtschaft nicht so ausgeprägt sind, das Thema proaktiv aufnehmen.

So haben wir jetzt beispielsweise in den USA eine Forward-Farm in der Nähe von Washington eröffnet, um neben der allgemeinen Öffentlichkeit auch Senats- und Kongressmitglieder dorthin einzuladen. Sehr bald wird ein zweiter Betrieb in Kalifornien dazukommen.

War es in den USA schwierig, solche Farmen zu finden?

Naaf: Etwas Überzeugungsarbeit mussten wir schon leisten, auch in unserer eigenen Organisation. Am Anfang wurde die Notwendigkeit dafür nicht so groß gesehen, es hieß: Ihr habt in Europa riesige Probleme, aber bei uns ist die Landwirtschaft doch akzeptiert. Aber auch in den USA gibt es Bewegungen, die die Landwirtschaft deutlich kritischer sehen. Und auch hier wird von uns zu Recht ein größeres Engagement erwartet, uns in die Debatte einzubringen.

Brasilien: Die Nossa-Senhora-Farm bewirtschaftet 2 700 ha mit Soja, Getreide und Ackerbohnen.
Foto: Bayer
Brasilien: Die Nossa-Senhora-Farm bewirtschaftet 2 700 ha mit Soja, Getreide und Ackerbohnen.

Sind die US-Farmer offen für so etwas?

Naaf: Die US-Farmer sind wirklich enorm offen dafür, aber auch sehr unterschiedlich. Das Bewusstsein dafür muss beispielsweise im Mittleren Westen, wo Mais und Soja angebaut wird, so weit das Auge reicht, weiter stimuliert werden.

In wie vielen Ländern gibt es bereits Forward-Farming-Betriebe?

Naaf: Forward-Farming-Betriebe gibt es in Europa bislang in Belgien, Deutschland, Frankreich, Holland und Italien, in Südamerika in Argentinien, Brasilien und Chile, sowie jetzt ein Betrieb in den USA.

Darüber hinaus gibt es großes Interesse aus China. Insbesondere die Politik will Nachhaltigkeit viel stärker in der eigenen Landwirtschaft verankern. Die Ackerbauflächen sind limitiert und die Urbanisierung erfolgt gerade dort, wo die besten Ackerböden sind. Für China ist es absolut essenziell, nachhaltige Landwirtschaft zu praktizieren. Anwendersicherheit und Stewardship-Maßnahmen stehen hier auf den Betrieben im Fokus.

USA: Die Harbor View Farm baut Mais, Weizen und Soja an und sät aus der Luft.
Foto: Bayer
USA: Die Harbor View Farm baut Mais, Weizen und Soja an und sät aus der Luft.

Wie schaut es in Indien aus?

Naaf: Auch in Indien besteht ein deutliches Interesse, Forward-Farmen zu etablieren. Indien ist aber extremst komplex. Die Landwirtschaft in Indien ist zudem sehr stark fragmentiert, sowohl hinsichtlich der Bevölkerungsstruktur in den verschiedenen Bundesstaaten als auch der Landwirtschaft. In einigen Regionen ist sie sehr kleinteilig, aber es gibt auch größere Familienbetriebe mit 300 Hektar Getreideanbau. Insoweit erfordert das Etablieren einer Forward-Farm in Indien viele Gespräche, besonders auf der Ebene der Bundesstaaten.

Was sind konkret Ihre Kriterien für Teilnehmer am Forward-Farming-Konzept?

Naaf: Unsere Partner für die ForwardFarms, eigenständige Landwirte, müssen die grundsätzliche Einstellung haben, dass Landwirtschaft eine große Verantwortung gegenüber der Umwelt, Menschen und Tieren hat und sich schon intensiv mit Nachhaltigkeit auseinandergesetzt haben. Dann sollten sie die Bereitschaft mitbringen, innovative Themen umzusetzen, diese auch bei ‚Tagen des offenen Hofes‘ zu vermitteln sowie sich selbst und seinen Betrieb darzustellen. Kontaktfreudigkeit und das Verständnis im Gespräch für andere Meinungen, Kritiken und Sorgen und zusätzlich die Bereitschaft, wertvolle Zeit zur Verfügung zu stellen, sind ebenfalls wichtige Voraussetzungen.

Frankreich: Auf Chatêau Lamothe in der Nähe von Bordeaux wachsen auf 80 ha Weintrauben.
Foto: Bayer
Frankreich: Auf Chatêau Lamothe in der Nähe von Bordeaux wachsen auf 80 ha Weintrauben.

Was hat der Landwirt von diesem Programm?

Naaf: Einen direkten Nutzen hat er nicht, da er kein Eintrittsgeld oder Ähnliches erhält. Aber er hilft der Landwirtschaft, dass sich ein anderes Image entwickeln kann, und bringt seinen Beitrag auch in die lokale Community mit ein. Darüber hinaus kann er sich in diesem Netzwerk von Forward-Farmern austauschen, um voneinander zu lernen.

Wir unterstützen die Landwirte aber auch mit unserem Know-how, beispielsweise zum integrierten Pflanzenbau und -schutz, bei Fragen zum Resistenzmanagement oder bei der Implementierung unseres Phytobac-Systems zur Reinigung von Spritzwasserbehältern.

Kann man sich bei Ihnen bewerben oder suchen Sie?

Naaf: Wir hoffen, dass in Zukunft Bewerbungen an uns herangebracht werden, im Moment suchen wir nicht. Allerdings bekommen wir mittlerweile auch Anfragen von anderen Industriezweigen innerhalb der Agrarbranche, die ebenfalls gerne an diesem Thema mitarbeiten möchten, zum Beispiel aus der Düngemittelindustrie. Auch im Maschinenbereich sehe ich Kooperationsmöglichkeiten oder im Rahmen der Entwicklung digitaler Tools für die Landwirtschaft. Wir prüfen, inwieweit wir tatsächlich zusammenarbeiten können.

Italien: Neben Wein produziert die Agricola Moranda Kirschen und Oliven.
Foto: Bayer
Italien: Neben Wein produziert die Agricola Moranda Kirschen und Oliven.

Wie geht es in Zukunft weiter?

Naaf: Unser Ziel ist es, sukzessive das Forward-Farming-Konzept weltweit auszuweiten. Die Ukraine zum Beispiel ist uns sehr wichtig und Polen auch. In Zentralamerika schauen wir uns um und in Nordamerika wird Kanada folgen.

Wir hoffen, dass wir bis Ende 2018 insgesamt rund 20 Betriebe etablieren können. Einige Länder haben aufgrund der hohen Akzeptanz schon den zweiten und dritten Betrieb eingerichtet, Frankreich zum Beispiel. In Deutschland gibt es mittlerweile auch zwei Betriebe. Das zeugt von hoher Anerkennung.

Darüber hinaus wollen wir auch Vertreter von Supermarktketten und Nahrungsmittelverarbeitern auf diese Betriebe führen, um zu zeigen, wie nachhaltige Landwirtschaft in der Praxis aussieht. Wir müssen und wollen viel enger mit der Food-Chain zusammenarbeiten, um noch mehr in puncto Nahrungsmittelsicherheit und -qualität zu erreichen.

Das Gespräch führte Dr. Angela Werner

Die Kommentare für diesen Artikel sind geschlossen.

stats