Report Pflanzenschutz

Ein Wuchsstoff lässt Ärger wachsen


An nicht-toleranten Sojabohnen führt Dicamba-Abdrift zu typischen Blattaufhellungen.
Foto: Univeryity of Arkansas
An nicht-toleranten Sojabohnen führt Dicamba-Abdrift zu typischen Blattaufhellungen.

Auf fast der Hälfte der US-Sojafläche wachsen Sorten, die tolerant gegenüber Dicamba sind. Wegen Abdrift steht der Herbizidwirkstoff dort in der Kritik. Die agrarzeitung (az) beantwortet die zentralen Fragen zum US-Anbau, den Folgen für den Bayer-Konzern und zur Relevanz für deutsche Landwirte.

Was ist Dicamba?

Der Auxin-Wirkstoff ist erstmals 1965 als Herbizid auf den Markt gebracht worden. Es handelt sich um einen Wuchsstoff, der besonders effektiv hartnäckige Zweikeimblättrige Unkräuter in Getreide und Mais sowie auf Grünland und Zierrasen bekämpft. Breitblättrige Kulturen wie Zuckerrüben, Raps, Sojabohnen oder Gemüse reagieren allerdings äußerst empfindlich auf Dicamba. Deswegen müssen Landwirte bei der Anwendung Abdrift unbedingt vermeiden.

Warum tauchen Probleme in den USA gerade jetzt auf?

Um Dicamba auch in Soja und Baumwolle einsetzen zu können, hat Monsanto zusammen mit der BASF eine zusätzliche Herbizidtoleranz entwickelt. Sie ist hilfreich bei Problemunkräutern wie Palmer Amaranth, wenn diese resistent gegenüber Glyphosat geworden sind. Sorten, die Glyphosat und Dicamba vertragen, werden als Roundup Ready2Xtend vermarktet. Das System ist seit 2017 in den USA zugelassen und hat im Handumdrehen riesige Sojaflächen erobert. Monsanto berichtet, dass 2017 etwa ein Viertel und 2018 fast die Hälfte der US-Sojafläche mit Dicamba-Sorten bestellt waren. Im kommenden Jahr stehen weitere 20 Prozent Wachstum im Plan.

Wieder steht Monsanto im Kreuzfeuer. Warum trifft es nicht auch andere Herbizidanbieter?

Das Anbausystem besteht aus Sorte und Herbizid. Monsanto steht im Fokus der Aufmerksamkeit, weil der Konzern bislang einziger Anbieter der Sorten ist und vom System am meisten profitiert. Ab 2019 könnten Pioneer-Sojasorten dazukommen, denn im Juni 2018 hat Monsanto Lizenzen mit dem Konzern DowDuPont, zu dem Pioneer gehört, vereinbart. Bei den Dicamba-Herbiziden gibt es jetzt schon mehr Auswahl. Neben XtendiMax von Monsanto sind in den USA Engenia von der BASF sowie FeXapan von DowDuPont im Angebot.

Welches Ausmaß haben die Abdrift-Fälle?

Die US-Pflanzenschutzkontrolle (AAPCO) registriert bis Mitte August 2018 fast 1200 Verdachtsfälle, in denen Dicamba-Einträge in Nachbarkulturen vermutet werden. Zum gleichen Zeitpunkt des Vorjahres lag die Zahl der Beschwerden mit rund 2700 sogar mehr als doppelt so hoch. Deswegen hat die US-Umweltbehörde (EPA) Ende 2017 Auflagen für die drei Dicamba-Herbizide erlassen. Zur Abdriftminderung sind spezielle Spritzdüsen, höhere Abstände zu Nachbarflächen sowie verringerte Fahrgeschwindigkeiten vorgeschrieben. Verboten ist die Ausbringung bei zu starkem Wind. Die Hinweise sind auf allen Etiketten angebracht, und die Anwender müssen ein Training nachweisen. Nach Angaben der drei Pflanzenschutzmittelanbieter sind 2018 etwa 95000 Anwender geschult worden. Offenbar reichen die Maßnahmen aber nicht aus.

Wie geht es weiter?

Die US-Umweltbehörde (EPA) muss ohnehin bis Jahresende entscheiden, ob sie die Zulassungen für die Dicamba-Produkte verlängert. Alle Genehmigungen waren jeweils nur befristet für zwei Jahre erteilt worden. Die EPA könnte jetzt die Anwendungsbestimmungen verschärfen. Höhere Auflagen finden auch in Teilen der US-Agrarbranche Zustimmung. In einem offenen Brief an die EPA hat sich Kevin Cavanaugh von Beck’s Hybrids, dem viertgrößten Saatgutvertreiber in den USA, zu Wort gemeldet. Er warnt davor, dass die ungelöste Abdriftproblematik den Ruf der Landwirtschaft ruinieren könnte. Als mögliche Auflage wird diskutiert, Anwendungen von Dicamba zu verbieten, sobald das Soja aufgelaufen ist. Dann braucht es aber keine Dicamba-toleranten Sojasorten mehr. Kompromissvorschläge gehen dahin, Anwendungen nur bis zum 6-Knoten-Stadium der Bohne zu erlauben. Zurzeit darf Dicamba bis zur Sojablüte gespritzt werden.

Hat die Dicamba-Diskussion für Bayer Konsequenzen?

Mit der Monsanto-Übernahme erbt der Bayer-Konzern zusätzlich zur Kontroverse um Glyhosat auch die Probleme mit Dicamba. Larry Steckel, renommierter Unkrautexperte an der Agrarfakultät der Universität Tennessee, nimmt den neuen Eigentümer in die Pflicht. „Ich hoffe, dass Bayer den Kurs ändert, bevor die Glaubwürdigkeit der Landwirtschaft völlig verspielt ist“, sagte Steckel kürzlich in einem Interview mit der Southeast-Farmpress.

Warum ist Dicamba-Abdrift in Deutschland kein Problem?

In Deutschland sind 116 Mittel zugelassen, die Dicamba entweder solo oder in Kombination mit anderen Herbizidwirkstoffen enthalten. Die meisten davon sind für Anwendungen auf öffentlichen Rasenflächen oder in Gärten vorgesehen. Lediglich 14 Produkte haben eine Zulassung für den Ackerbau, und zwar durchweg als Maisherbizide. Einige Mittel besitzen zusätzliche Indikationen für Sorghum-Hirse und Miscanthus. Hersteller berichten auf Anfrage der agrarzeitung (az), dass ihnen in Deutschland keine Abdrift-Probleme bekannt sind. Die Aufwandmengen sind hierzulande allerdings auch wesentlich niedriger als in den USA. In Maisherbiziden kommt Dicamba in Deutschland mit jährlich maximal 350 g/ha auf den Acker. In den USA sind in Sojabohnen bis zu 2,2 kg/ha erlaubt. Doch auch in Deutschland weisen die Hersteller auf das Abdriftrisiko hin.

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