Report Pflanzenschutz

Kämpfer für mehr Glaubwürdigkeit

Privat

„Wir sprechen viel zu wenig miteinander“, stellt Bernhard Freiherr von Weichs in der gesellschaftlichen Debatte um die moderne Landwirtschaft fest. Er hat sich vorgenommen, das zu ändern, und mischt sich aktiv ein. Regelmäßig erklärt er Medienvertretern auf seinem Hof im Landkreis Höxter, welchen Beitrag die Landwirtschaft zur Nachhaltigkeit leistet. Dafür kann von Weichs Fakten vorlegen. Sein Ackerbaubetrieb trägt seit sechs Jahren das Nachhaltigkeitszertifikat der Deutschen Landwirtschaftsgesellschaft (DLG). „Ich wollte selber wissen, wo ich stehe“, erklärt er seine damalige Motivation, als einer der ersten Landwirte alle Prozesse auf ihre Nachhaltigkeit zu prüfen.

Von Weichs weiß sehr wohl, dass die Debatte um eine mögliche Umweltbelastung durch die Landwirtschaft vorwiegend emotional geführt wird. Er besteht dennoch darauf, in der Argumentation die Objektivität nicht zu verlassen. „Mich interessiert alles, was sich messen, zählen oder wiegen lässt“, erklärt der Landwirt seinen Ansatz.

Er nennt als Beispiel die Stickstoffeffizienz: „Es ist noch nicht lange her, dass für einen Zuckerertrag von neun Tonnen pro Hektar 160 Kilogramm Stickstoff erforderlich waren. Im vergangenen Jahr haben wir 16 Tonnen Zucker mit 90 Kilogramm Stickstoff erzeugt“, rechnet von Weichs vor.

Er kann für seinen Betrieb auch den Vorwurf entkräften, dass die konventionelle Landwirtschaft massiv zum Rückgang der Arten beitrage. Dazu hat er auf seiner Flur Rebhühner geortet und elf Paare gefunden. Damit gibt er sich allerdings nicht zufrieden. Um dem bedrohten Niederwild weiteren Rückzugsraum zu bieten, hat von Weichs 2017 zusätzliche Blühstreifen angelegt. „Das Bessere ist des Guten Feind“, beschreibt von Weichs seine ständigen Bemühungen für mehr Nachhaltigkeit.

„Ich will nicht vom Staat alimentiert werden.“
Bernhard Freiherr von Weichs , 

Nachholbedarf in der Kommunikation

Gleichzeitig erkennt er jedoch großen Nachholbedarf in der Kommunikation. „Dass deutsche Landwirte so nachhaltig erzeugen, wissen weder Verbraucher noch Verarbeiter“, sagt von Weichs und ergänzt: „Wir müssen viel sichtbarer werden“. Frisch in Erinnerung ist ihm eine eher zufällige Unterhaltung im 15 km entfernten Bad Driburg. „Was, Sie bauen Weizen an?“, fragte der ortsansässige Bäcker den Landwirt. „Ja, der Rohstoff für Ihr Brot wächst in unmittelbarer Nähe und wird nachhaltig angebaut“, versicherte von Weichs und hofft jetzt, dass solche Gespräche auch die Basis für eine stärkere regionale Vermarktung bilden können.

Sehr schwierig ist es, dem Verbraucher zu erklären, warum chemischer Pflanzenschutz zur nachhaltigen Landwirtschaft gehört. „Wenn wir nicht spritzen, ernten wir keine Kartoffeln“, antwortet von Weichs etwa, wenn er nach dem Sinn der Spritzungen gegen Phytophthora gefragt wird. Er hat aber auch die Erfahrung gemacht, dass solche Erklärungen gar nicht richtig ankommen. „Die Kompetenz wird Landwirten meist abgesprochen. Stattdessen gilt jede Aussage von Umweltverbänden als wahr“, bedauert von Weichs. „Wir müssen dringend daran arbeiten, als Branche unsere Glaubwürdigkeit zurückzugewinnen“, lautet seine Schlussfolgerung.

Den gesellschaftlichen Trend zu einer stärkeren Ökologisierung der Landwirtschaft akzeptiert der Agrarunternehmer durchaus, wehrt sich aber gegen die Bevormundung. „Mich stört, wenn neue Auflagen mit einem nicht nachvollziehbaren Absolutheitsanspruch verkündet werden“, konkretisiert von Weichs sein Unbehagen an der Agrarpolitik. Er nennt als Beispiel das Greening: „Das war ein gewaltiger Aktionismus, ohne dass die Umweltwirkung vorher geprüft wurde.“

Kaum sympathischer sind ihm die Agrarumweltprogramme der Bundesländer, vor allem wegen der mehrjährigen Bindung. Starre Fruchtfolgevorschriften machen es dem Landwirt schwer, sich auf Wetterextreme einzustellen oder neue Vermarktungschancen zu nutzen.

Zur Blütezeit des Rapses informiert Bernhard von Weichs auf seiner Homepage, wie er bei den Pflanzenschutzbehandlungen die Bienen schützt.
freiherrvonweichs.de
Zur Blütezeit des Rapses informiert Bernhard von Weichs auf seiner Homepage, wie er bei den Pflanzenschutzbehandlungen die Bienen schützt.

Landwirte brauchen bessere Position am Markt

Überfällig ist seiner Ansicht nach, dass Landwirte ihre Position am Markt stärken. „Ein Brötchen kostet 50 Cent oder mehr. Davon bekommen die Bauern aber zu wenig ab. Den Gewinn erzielen andere“, stellt von Weichs fest und ergänzt: „Mit Preisen von 16 Euro pro Dezitonne Weizen erziele ich keine Wertschöpfung.“ Deswegen sucht der Landwirt beständig nach Kulturen, mit denen sich mehr verdienen lässt. Dazu gehören auf seinem Betrieb Qualitätsweizen im Vertragsanbau oder Spezialitäten wie Dinkel oder Emmer.

„Ich schaue immer nach Entwicklungspotenzial“, erklärt von Weichs seine Strategie. Flächenwachstum scheidet bei ihm angesichts der hohen Pachtpreise aus oder verlangt nach höherer Wertschöpfung. Bioenergie wiederum ist wegen der Abhängigkeit von der Politik kein Thema: „Ich will nicht vom Staat alimentiert werden“, sagt der Landwirt klipp und klar.

Neue Möglichkeiten zur Wertschöpfung sucht er deswegen auch weniger auf den einschlägigen Agrarveranstaltungen, sondern eher auf Messen wie der Fruit Logistica. „Die Zeit ist reif, um Weichen neu zu stellen“, glaubt von Weichs. Hilfreich sei aktuell die gute wirtschaftliche Lage in Deutschland, in der kaum noch jemand beim Lebensmitteleinkauf auf den Cent achten müsse. Ein Selbstläufer ist die Vermarktung am Standort in Ostwestfalen allerdings nicht. „Manchmal telefoniere ich mir auch die Finger wund, bis eine Partie zum akzeptablen Preis verkauft ist“, gesteht von Weichs ein.

Nächste Generation im Blick

Die Freude, Neues zu entwickeln und wachsen zu sehen, treibt den 58-Jährigen an. „Wir müssen unsere Betriebe fit für die Zukunft machen“, nennt er als generelle Aufgabe für den Berufsstand, um die nächste Generation für die Landwirtschaft zu gewinnen. Bei von Weichs steht die Hofübergabe erst in einigen Jahren an. Der Sohn und die beiden Töchter, die alle drei studiert haben, können noch eigene Netzwerke knüpfen und Berufserfahrung sammeln.

Ein gemeinsames Projekt von Vater von Weichs und der mittleren Tochter Friederike zeigt eines der Themen, das beide Generationen verbindet. Für einen Wettbewerb der CDU/CSU-Mittelstandsvereinigung reichte der Landwirtschaftsbetrieb im Sommer 2016 sein Konzept für die digitale Transformation ein. Bei der Präsentation setzte sich auf der Bühne das sympathische Vater-Tochter-Duo gegen Konkurrenten wie die Deutsche Bahn oder die Direktbank ING-DiBa durch. Die Jury attestierte dem Agrarunternehmer, den „Bauernhof 4.0 verwirklicht“ zu haben. Überzeugt haben die bodenständigen Ostwestfalen aber nicht als Digital-Freaks, sondern mit ihrer Begründung für Smart Farming: „Wenn wir die Daten richtig auswerten, verstehen wir die Zusammenhänge auf dem Acker immer besser und können noch mehr für die Nachhaltigkeit tun.“

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