Report Pflanzenschutz

Lücken auf dem Rübenacker


Blattlausplagen sind ohne Beizschutz künftig häufiger zu erwarten.
FOTO: STRUBE SAATZUCHT
Blattlausplagen sind ohne Beizschutz künftig häufiger zu erwarten.

Die Palette an Pflanzenschutzmitteln für den Zuckerrübenanbau dünnt sich aus. Was mit Saatgutbeizen begann, wird sich in absehbarer Zeit bei Fungiziden und Herbiziden fortsetzen. Die agrarzeitung nennt die neuralgischen Punkte.

Wie hoch ist die Pflanzenschutzintensität in Zuckerrüben?

Die Intensität des Pflanzenschutzmitteleinsatzes in Zuckerrüben, ausgedrückt durch den Behandlungsindex (BI), lag nach den Zahlen des Julius-Kühn-Instituts (JKI) in den vergangenen Jahren bei einem Wert um 4. Zum Vergleich: Mais kommt auf knapp 2, Winterweizen auf gut 5 und die Kartoffel meist auf mehr als 12. Bei Zuckerrüben dominiert nach den JKI-Erhebungen die Herbizidanwendung, denn als Reihenkultur mit langsamer Jugendentwicklung ist die Rübe auf eine wirksame Unkrautbekämpfung angewiesen. An zweiter Stelle kommen Fungizidspritzungen, allerdings mit großen Unterschieden zwischen verschiedenen Anbauregionen. Insektizidanwendungen haben untergeordnete Bedeutung und waren bisher nur in Jahren mit starkem Läusebefall ein Thema. Das Gleiche gilt für den Einsatz von Molluskiziden bei starkem Schneckendruck.

Der Wegfall von Wirkstoffen steht seit Jahren im Raum, ohne dass Rübenanbauer etwas gespürt haben. Wird es jetzt ernst?

Das Jahr 2019 stellt in der Tat eine Zäsur dar. Erstmals stehen keine neonicotinoiden Beizmittel mehr zur Verfügung. Damit dürfte in Zuckerrüben künftig der Befall mit Blattläusen zunehmen, die Viruserkrankungen übertragen können. Da sich die viröse Vergilbung nicht direkt bekämpfen lässt, müssen die Vektoren – also die Blattläuse – ausgeschaltet werden. Damit ist absehbar, dass die bislang unbedeutenden Insektizidanwendungen auf der Zuckerrübenfläche künftig zunehmen werden.

Gibt es denn genug Insektizidwirkstoffe?

Von den sechs zugelassenen Wirkstoffen für die Flächenapplikation endet für fünf die aktuelle Zulassung im Jahr 2019. Für die Saatgutbehandlung steht nach dem Verbot der Neonicotinoide nur noch Tefluthrin zur Verfügung. Es handelt sich um ein Pyrethroid-Produkt.

Bei Herbiziden fürchten die Landwirte ebenfalls einen Kahlschlag. Wie ist die Lage?

In diesem Jahr fällt lediglich der Herbizidwirkstoff Chloridazon weg, der aber in den vergangenen Jahren ohnehin nur noch mit hohen Auflagen zur Anwendung kam. Problematischer ist, dass auch die häufig verwendeten Wirkstoffe Phenmedipham und Desmedipham auf der Kippe stehen. Ihre EU-Zulassung läuft Ende Juli 2019 aus (siehe Übersicht). Die Verlängerung sei fraglich, heißt es in einem Bericht des Instituts für Zuckerrübenforschung (IfZ). Dann würde es schwieriger werden, die in Zuckerrüben wichtigen Unkräuter Weißer Gänsefuß und Windenknöterich zu bekämpfen, weil andere Wirkstoffe hier Lücken aufweisen. Für das ebenfalls häufig verwendete Lenacil ist eine Verlängerung beantragt. Der Wirkstoff steht allerdings als Substitutionskandidat unter besonderer Beobachtung. Dabei handelt es sich um Wirkstoffe, die zwar alle gesetzlichen Anforderungen erfüllen, aber bestimmte ungünstigere Stoffeigenschaften für die Gesundheit oder die Umwelt aufweisen. Sie werden ersetzt, sobald Alternativen mit vergleichbarer Wirkung, aber besserer Umwelt- oder Gesundheitsbewertung, zur Verfügung stehen. Schließlich müssen sich Zuckerrübenanbauer auch noch mit dem Thema Glyphosat auseinandersetzen. Der Wirkstoff ist auf EU-Ebene zwar bis 2022 zugelassen, aber in Deutschland steht ein nationaler Ausstieg auf der politischen Agenda.

Bei Fungiziden stehen Azole generell auf der Kippe. Wo sind Rübenanbauer betroffen?

Azole sind in den Rübenfungiziden die wichtigste Wirkstoffgruppe, gefolgt von den Strobilurinen, die jedoch wegen des Resistenzrisikos nicht solo angewendet werden. Damit tragen die Azole die Hauptlast bei der Bekämpfung von Pilzkrankheiten. Und hier wird es eng. Das trifft allerdings nicht nur Rübenanbauer, sondern den gesamten Ackerbau. Zahlreiche EU-Zulassungen für wichtige Wirkstoffe, allen voran das Epoxiconazol, laufen 2019 aus. Hinzu kommt, dass einige Wirkstoffe darüber hinaus als Substitutionskandidaten klassifiziert sind. Schließlich ist ab 2020 die fungizide Saatgutbehandlung mit Thiram nicht mehr möglich.

Welche Konsequenzen hat die absehbare Verringerung der Wirkstoffe?

Absehbar ist, dass der Pflanzenschutz komplizierter wird. Bei der Herbizidwahl gilt es, die Zulassungssituation genau zu beobachten, um sich keine Bestände von künftig nicht mehr zugelassenen Produkten einzuhandeln. Bei Fungiziden wird es zunehmend wichtiger, die wenigen Azole, die auf Dauer zugelassen bleiben, zu schützen. Denn auch im Rübenanbau ist lokal ein Nachlassen der Wirksamkeit von Azolen beobachtet worden. Die Strobilurine wirken vielerorts jetzt schon nicht mehr gegen Cercospora. Deswegen ist ein umfangreiches Resistenzmanagement zwingend. Das Gleiche gilt bei Insektiziden, wenn künftig auch in Zuckerrüben ohne eine insektizide Beizung Flächenspritzungen gegen Blattläuse die Regel werden. Das IfZ warnt, dass Insektizidresistenzen der Grünen Pfirsichblattlaus im Zuckerrübenanbau erhebliche Relevanz bekommen könnten.

Welche Alternativen zum chemischen Pflanzenschutz gibt es im Zuckerrübenanbau?

Systemlösungen bestehend aus resistenter Sorte und komplementären Herbiziden könnten das Spektrum der anwendbaren Herbizide erweitern. Praxisreif sind nach Einschätzung des IfZ außerdem Verfahren, um Unkräuter zwischen den Saatreihen mechanisch zu bekämpfen und die Herbizide auf die Saatreihen selbst zu begrenzen. Dadurch können die Aufwandmengen gesenkt werden. Zur Krankheitsbekämpfung hilft der Anbau von gesünderen Sorten mit geringerer Anfälligkeit und hoher Toleranz gegenüber Blattkrankheiten. Außerdem kann eine weitere Fruchtfolge sinnvoll sein. 

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