Report Pflanzenschutz

„Maschinen sind besser ausgelastet“


Privat

Resistenzen nehmen spürbar zu, ebenso der gesellschaftliche Druck. Feldhygiene ist mehr denn je das A und O. Wie der Betrieb zu einem gesunden Gleichgewicht kommt, erklärt ein Pflanzenbauberater.

az: Muss sich der Landwirt künftig auf den Pflugeinsatz einstellen?

Schneider: Ein drohendes Verbot von Glyphosat und die spürbare Zunahme an Feldresistenzen diktiert dem Landwirt, wieder mehr Augenmerk auf ackerbauliche Maßnahmen zu richten. Feldhygiene ist das A und O. Der Pflug kann dazu einen Beitrag leisten. Wir sollten aber nicht die negativen Umwelteffekte der wendenden Bodenbearbeitung wie Erosion oder N-Mineralisierung im Herbst vernachlässigen.

Welches Rezept geben Sie Landwirten an die Hand, die den Ackerfuchsschwanz nicht mehr loswerden?

Schneider: Für solche Betriebe muss ein individueller Maßnahmenplan erstellt werden. Als Erstes muss die Situation analysiert werden. Es hilft, folgende Fragen zu beantworten: In welchen Bodenschichten liegt der Hauptsamenvorrat? Welche Fruchtfolge dominiert auf den betroffenen Flächen? Wie läuft die Bodenbearbeitung und Aussaat in den letzten Jahren? Wie sind die Boden- und Klimaverhältnisse? Welche herbiziden Wirkstoffgruppen sind von der Resistenz betroffen?

Aus der Analyse der Ausgangssituation lässt sich eine auf den Betrieb zugeschnittene Empfehlung erarbeiten: So können langjährig pfluglos wirtschaftende Betriebe mit hohem Ungrasdruck oder gar resistenten Ungräsern das Auflaufen der Ungräser mit einer einmaligen trocken schüttenden Pflugfurche mit gut eingestellten Vorschälern deutlich einschränken. Parallel müssen in solchen Fällen immer die Fruchtfolgen umgestellt werden: von Winterung zu Sommerung und Halmfrucht zu Blattfrucht. Nur so wird der Vermehrungszyklus der Ungräser dauerhaft gebrochen.

Sind Betriebe mit regelmäßigem Pflugeinsatz von Ungrasproblemen betroffen, muss hingegen eine andere Lösung gefunden werden. Vorausgesetzt der Standort spielt mit, wären entweder die Scheinbestellung oder der verzögerte Aussaattermin hilfreiche Maßnahmen. Grundsätzlich gilt aber auch hier: Die Fruchtfolge muss vielfältig gestaltet werden. Sonst ist dauerhaft keine Lösung möglich.

„Fruchtfolgen mit 20 Prozent Sommerungen sind interessant.“
Dr. Marco Schneider, 

Zwar wird die Erweiterung der Fruchtfolge erwartet. Doch oft scheitert dies an einer lukrativen Vermarktung. Wie können Landwirte dieses Dilemma lösen?

Schneider: Im direkten Vergleich der Deckungsbeiträge schneiden Sommerkulturen zwar schlechter ab als die klassischen Marktfrüchte Winterweizen oder Raps. Fruchtfolgewirkungen werden allerdings nicht ausreichend erfasst. Bei einer Vollkostenbewertung kompletter Anbausysteme mit Sommerungen wirken sich sowohl niedrigere Direkt- als auch Arbeitserledigungskosten durchaus positiv auf die Wirtschaftlichkeit aus. Maschinen können besser ausgelastet werden und Arbeitsspitzen werden gebrochen. Finden diese Effekte Berücksichtigung, sind Fruchtfolgen mit zwanzig Prozent Sommerkulturen durchaus interessant.

Welchen Ratschlag geben Sie Ackerbauern, die lästigen Pilzkrankheiten die Stirn bieten wollen?

Schneider: Resistenzen bei Pilzkrankheiten haben ein enormes Ausbreitungspotenzial, da sie je nach Erreger über Wind größere Distanzen überwinden können. Feldhygiene über breit aufgestellte Fruchtfolgen oder ein optimales Strohmanagement reduzieren den Ausgangsdruck. Zentraler Punkt ist dazu die Wahl resistenter Sorten. Nur so kann die Behandlungsquote gesenkt und der Selektionsdruck vermindert werden.

Zur Person
Der 41-jährige Dr. Marco Schneider ist ausgebildeter Landwirt. Nach einem Studium der Agrarwirtschaft an der Fachhochschule Südwestfalen mit den Schwerpunkten Pflanzenbau und Betriebswirtschaft promovierte er an der TU München am Lehrstuhl für Wirtschaftslehre des Landbaus. Heute arbeitet er als Berater im Bereich Acker- und Pflanzenbau für den Landesbetrieb Landwirtschaft Hessen (LLH). Er ist stellvertretender Leiter des Fachgebiets Beratung Pflanzenbau. Mit seinem Team bringt er am Bildungs- und Beratungszentrum im hessischen Alsfeld jungen Landwirten neues Fachwissen nah, um diese auf ihr Berufsleben vorzubereiten.

Die Diskussion um Biodiversität gewinnt an Bedeutung, Landwirte geraten unter Druck. Sie erwähnten in der Vergangenheit, die Diskussion sei zu einseitig. Welche Aspekte fehlen?

Schneider: In der allgemeinen Diskussion um den Artenschwund in der Kulturlandschaft wird der Blick häufig auf Bienen oder Feldvögel gelenkt. Bodenbiodiversität wird hingegen öffentlich kaum diskutiert. Gerade hier zeigen sich auch bei intensiver Bewirtschaftung erstaunliche Ergebnisse. Fruchtbare Böden sind voller Leben. Das sollte die Landwirtschaft kommunizieren.

Die Fragen stellte Henrike Schirmacher

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