Report Pflanzenschutz

Umdenken für mehr Vielfalt


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Der chemische Pflanzenschutz steht nicht nur wegen des Verdachts der Minderung der Artenvielfalt in der öffentlichen Kritik, er stößt auch von innen an seine Grenzen.

Die Erträge der wichtigen Kulturpflanzen stagnieren, viele Schaderreger sind aufgrund von Resistenzen nicht mehr mit Pflanzenschutzmitteln in Schach zu halten. Resistenzen beim Ackerfuchsschwanz oder beim Rapsglanzkäfer sind bekannte Beispiele. „Ackerbau mit Hilfe des chemischen Pflanzenschutzes funktioniert bei Weitem nicht mehr so, wie man es sich noch vor einigen Jahrzehnten vorgestellt hat“, erklärt Dr. Horst-Henning Steinmann vom Zentrum für Biodiversität und nachhaltige Landnutzung an der Universität Göttingen. Mehr Biodiversität benötige zudem einen deutlich reduzierten Einsatz von Pflanzenschutzmitteln. Ein „Weiter so“ beim chemischen Pflanzenschutz könne es daher nicht geben.

Wieder zurück zu den Wurzeln im Anbau gehen

Sein Appell: Die Landwirte müssten wieder stärker in Anbausystemen denken. Sein Vorwurf: Die Landwirte verlassen sich zu sehr auf den chemischen Pflanzenschutz. „Viele sehen in den Mitteln eine Art Versicherung für hohe Erträge“, erklärt Steinmann. Dabei sollte deren Einsatz aus seiner Sicht vielmehr „die letzte Maßnahme in einem vorher ausgeglichenen, breiten Anbausystem sein“. Das bedeutet mehr Vielfalt in den Sorten, mehr Vielfalt in den Fruchtfolgen, Sorgfalt in der Bodenbearbeitung und beim Aussaatzeitpunkt sowie mehr Pflanzen- und Artenvielfalt zulassen und bestenfalls fördern – kurzum: „Back to the roots – zurück zu den Wurzeln“.

Alfred Stender aus Bösdorf in der Holsteinischen Schweiz braucht nicht zurück zu den Wurzeln. Sein Betrieb ist heute immer noch das, was früher als klassischer Gemischtwarenladen in der Landwirtschaft galt. Auf seinem Kroghof leben rund 70 Milchkühe mit eigener Nachzucht und 25 Zuchtsauen und Mastschweine, die er im geschlossenen System hält. Er bewirtschaftet 125 ha mit Marktfrüchten und 42 ha mit Futterbau. Auf seinen Feldern wachsen Raps, Weizen, Hafer, Gerste, Roggen, Mais, Speisekartoffeln, Zuckerrüben und Bohnen.

Stender hat sich in den 1980er-Jahren bewusst gegen die Spezialisierung entschieden, um seinen kleinen Betrieb unabhängig und sicher aufzustellen. „Ich wurde damals belächelt, mein Betrieb sei zum Leben zu wenig und zum Sterben zu viel“, gibt Stender die ihm entgegengebrachte Kritik wieder. Heute leben und arbeiten laut Stender auch Sohn und Tochter mit ihren Familien auf dem Hof.

Dafür hat er den Kroghof so vielseitig aufgestellt, dass etwa auf einer Fläche nur alle zehn Jahre Raps angebaut wird. Das nehme den Krankheitsdruck aus dem Boden, sagt der Landwirt. Zudem setzt er bei Gerste und Weizen auf spätere Aussaat und robustere Sorten. Durch Fortschritte in der Züchtung habe man deutlich weniger Ertragseinbußen als früher, schildert der 59-Jährige seine Erfahrungen.

Für den Landwirt bedeutet nachhaltiges Wirtschaften auch, vor einer Dünge- oder Pflanzenschutzmaßnahme stets Kosten und Nutzen im Blick zu haben. „Ein günstiges Insektizid ohne Grund beizumischen, weil ich wegen einer anderen Behandlung ohnehin durch den Bestand fahre, kommt für mich nicht infrage.“ So wirtschaftet er mit minimalem Einsatz von Dünge- und Pflanzenschutzmitteln und holt sich dabei seit mehr als zehn Jahren Beratung vom Ingenieurdienst Umweltsteuerung Ingus aus Hannover sowie den amtlichen Pflanzenschutzdiensten. Seit 2014 ist der Kroghof zudem Demonstrationsbetrieb für integrierten Pflanzenschutz des Julius-Kühn-Instituts.

Der Wert von Biodiversität ist schwer greifbar

Hinzu kommt: Stender denkt nicht nur vielseitig, er probiert auch einfach mal aus. 2016 verzichtete er völlig auf Insektizidbehandlung im Raps und erntete nach eigenen Angaben 4,5 t/ha. „Genau solchen Mut zum Umdenken und solche Erfolgsgeschichten braucht es, damit sich mehr Landwirte für einen Beitrag zur Artenvielfalt begeistern lassen“, ist Steinmann von der Uni Göttingen überzeugt. Denn Biodiversität müsse Spaß machen. Dazu brauche es aber ein Umdenken in den Köpfen. Das Thema müsse daher auch in den Lehrplänen der Berufsschulen besser verankert werden.

Dabei könnten Landwirte schon mit einfachen Mitteln einen Beitrag leisten. Etwa mit mehr Anbau von Sommerungen. Diese benötigen weniger Pflanzenschutzmittel und bieten durch späteres Wachstum Platz für Bodenbrüter. Ausgesparte Flächen, sogenannte Lerchenfenster, im Wintergetreide und das Anlegen von Blühstreifen, die über die Agrarumweltmaßnahmen gefördert werden, seien Mittel, die Vielfalt fördern und die einfach anzulegen seien. Das Gleiche gelte für Brachflächen.

Schwierig dabei: Für den Landwirt sei kaum greifbar, welchen Wert er für eine dieser Maßnahmen zurückerhält. „Der Wert der Biodiversität ist für die Landwirte eine große Unbekannte, viele bewerten den Einsatz als gefühlten Verlust“, versucht Steinmann zu erklären.

Einen Anstoß zum Umdenken erhofft sich Steinmann von der geplanten „Ackerbaustrategie“ des Bundeslandwirtschaftsministeriums, in die seiner Meinung nach auch die Förderung der Artenvielfalt einfließen sollte. „Hier müssen wir aber glücklicherweise nicht bei null beginnen, denn seit den späten 1980er-Jahren ist eine Vielzahl von Maßnahmen erprobt worden. Das Mitwirken der Landwirte muss aber künftig stärker als bisher eingefordert werden.“ Landwirt Stender wünscht sich ein flächendeckendes Beratungsnetz für alle Betriebe – finanziert aus der 2. Säule der Agrarförderung –, damit für jeden Betrieb Bodenanalysen und individuelle Konzepte erstellt werden können.

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