Report Pflanzenschutz

Zukunft von Glyphosat bleibt offen


Wenn der Herbizidwirkstoff verboten wird, muss häufiger der Pflug zum Einsatz kommen.
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Wenn der Herbizidwirkstoff verboten wird, muss häufiger der Pflug zum Einsatz kommen.

Der Streit um Glyphosat hält an. Ein Ende des Wirkstoffs ist sogar Bestandteil des Koalitionsvertrages. Nach dem geltenden Pflanzenschutzrecht dürfen Landwirte aber vorerst Glyphosat verwenden.

Wie geht es nach der EU-Zulassung von Glyphosat weiter?

Die EU-Kommission hat Ende 2017 den Wirkstoff Glyphosat für fünf Jahre zugelassen. Üblich ist eigentlich eine Zulassung für 15 Jahre. Für die Verkürzung gibt es keine wissenschaftlichen Gründe. Weil die Zulassung aber politisch sehr umstritten war, will die EU-Kommission 2018 das Pflanzenschutzrecht generell überarbeiten und transparenter gestalten. Die Hersteller des Herbizidwirkstoffs wiederum werden nach Auskunft der Arbeitsgemeinschaft Glyphosat (AGG) im Jahr 2022 eine weitere EU-Zulassungsverlängerung beantragen.

Was müssen deutsche Landwirte jetzt beachten?

Wenn ein Wirkstoff in der EU eine Zulassungsverlängerung erhalten hat, müssen alle Produkte, die den Wirkstoff enthalten, ebenfalls national neu zugelassen werden. Dafür gelten Fristen. Im Fall von Glyphosat müssen die Hersteller bis Ende März 2018 den Antrag stellen und die Zulassungsbehörden bis Ende 2018 entscheiden. Bis die Anträge bearbeitet sind, gelten die bisherigen Zulassungen. Das bedeutet, dass Landwirte in diesem Jahr Glyphosat unverändert anwenden können.

Der Koalitionsvertrag gibt aber doch den Ausstieg vor?

Deutschland plant laut Koalitionsvertrag von Union und SPD für Glyphosat eine „systematische Minderungsstrategie“. Ziel sei, „die Anwendung so schnell wie möglich grundsätzlich zu beenden“. Eine Regierung, die solche Maßnahmen einleiten oder umsetzen könnte, ist aber frühestens Ostern startklar. Völlig unklar ist, welche Konsequenzen dann die geplanten politischen Eingriffe auf die nationalen Zulassungen der glyphosathaltigen Produkte haben. Nicht nur deswegen bezweifelt AGG-Sprecher Dr. Thoralf Küchler, dass die Behörden die Frist Ende 2018 einhalten können. Denn sie haben schon alle Hände voll damit zu tun, den sonstigen Zulassungsstau abzuarbeiten.

Was sagt die Industrie zum Ausstiegsszenario?

Den geplanten Glyphosat-Ausstieg hält die Industrie für rechtlich nicht haltbar. Küchler wertet die politische Willensäußerung im Koalitionsvertrag als „alarmierendes Zeichen dafür, dass sich Zulassungsfragen immer stärker auf einen rechtsfreien Raum zubewegen“. Darüber hinaus sei ein „Präzedenzfall“ zu befürchten. Sollte Glyphosat allein aufgrund des politischen Drucks aus der Anwendung verschwinden, könnte Ähnliches auch bei der Zulassung anderer Pflanzenschutzmittel bevorstehen.

Setzt nicht ohnehin der Lebensmitteleinzelhandel die relevanten Standards?

Der Lebensmitteleinzelhandel wartet erst gar nicht die Politik ab, sondern setzt jetzt schon Lieferanten unter Druck, auf Glyphosat zu verzichten oder den Einsatz zu vermindern. Aldi macht den Vorreiter. Seit Dezember 2017 drängt der Discounter bei den Lieferanten von Fleisch, Milch und Eiern darauf, die Futtergrundlage ohne Glyphosat zu erzeugen. Auch einige Molkereien verordnen ihren Lieferanten ein Glyphosatverbot. Die Agrarverbände halten sich mit offiziellen Stellungnahmen zurück – „der Kunde ist König“. Die AGG argumentiert, dass solche Standards der Umwelt nicht nutzen. Für Nicht-Fachleute ist die Diskussion allerdings kaum durchschaubar. Das war schon beim Krebsrisiko der Fall. Auch in der Frage, ob Glyphosat die Biodiversität beeinträchtigt, steht Aussage gegen Aussage.

Was hat Glyphosat mit Biodiversität zu tun?

Im fünf Jahre dauernden öffentlichen Streit um die EU-Wiederzulassung von Glyphosat war Biodiversität zunächst kein zentrales Thema. Erst als im April 2017 auch die Europäische Chemikalienagentur (Echa) bestätigte, dass mit der Anwendung kein Krebsrisiko verbunden ist, wandelte sich Glyphosat in den Kampagnen der Gegner vom „Allzweckgift“ zum „Insektenkiller“. Der Einfluss von Glyphosat auf die Biodiversität ist allerdings umstritten. Von schädlichen Wirkungen überzeugt ist Prof. Beate Jessel, Präsidentin des Bundesamtes für Naturschutz (BfN). „Der Einsatz von glyphosathaltigen Pflanzenschutzmitteln hat, das belegen die von uns ausgewerteten wissenschaftlichen Studien, erhebliche negative Auswirkungen auf die biologische Vielfalt“, ist Jessel überzeugt. Prof. Jan Petersen, Pflanzenbauprofessor an der Hochschule Bingen, hält dagegen: „Sollten wir Glyphosat verbieten, werden wir in zehn Jahren kein Plus bei der Biodiversität verzeichnen.“

Können Landwirte auf Glyphosat verzichten?

Nach einer Umfrage der Universität Göttingen verzichten 15 Prozent der deutschen Ackerbauern generell auf Glyphosat. Der ökologische Landbau kommt per Definition ganz ohne Glyphosat aus. Daraus lässt sich schließen, dass es Alternativen gibt. Die Frage ist jedoch, zu welchem Preis. Alle Untersuchungen an deutschen Agrarhochschulen, im Pflanzenschutzdienst und im Julius-Kühn-Institut (JKI) kommen zu dem Schluss, dass ein Verbot die Kosten im Ackerbau zum Teil deutlich erhöht. Da ohne Glyphosat häufiger gepflügt würde, wäre außerdem ein Anstieg der Erosion absehbar.

Wäre eine Reduktionsstrategie sinnvoll?

Pflanzenschutzberater sowie Wissenschaftler und Landwirte gestehen offen zu, dass der Wirkstoff in der Vergangenheit übermäßig genutzt wurde. „Billiges Glyphosat hat uns bequem gemacht und den Blick für Innovationen verstellt“, brachte es im Januar Dr. Horst-Henning Steinmann von der Universität Göttingen auf den Punkt. Auch Prof. Jan Petersen aus Bingen ist überzeugt: „Wenn gesellschaftlich eine Einschränkung der Glyphosatanwendung gewünscht ist, dann lässt sich das sicher realisieren.“

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