Report Saatgut

„Wir erhöhen den Wert jedes Korns“


Andreas Prelwitz
Foto: CERAVIS
Andreas Prelwitz

Große Hoffnungen verbindet Andreas Prelwitz, Regionalleiter Mecklenburg-Vorpommern der Ceravis AG, mit neuen Technologien der Saatgutbehandlung. Sorgen bereiten ihm dagegen Wetterextreme und fehlende Antworten aus der Politik.

az: Sie haben die Kapazitäten für die Elektronenbehandlung ausgebaut. Mit welcher Nachfrage rechnen Sie?

Prelwitz: Die Elektronenbehandlung findet bei Landwirten eine sehr hohe Akzeptanz. Zur Ernte 2018 kam auf rund 20 Prozent der Getreidefläche in Mecklenburg-Vorpommern elektronenbehandeltes Saatgut zur Aussaat. In einer Umfrage, die wir im Mai und Juni 2018 durchgeführt haben, sagten 99 Prozent der Landwirte, dass sie wieder E-Vita-Saatgut einsetzen werden. Und wir konnten schon in den vergangenen beiden Jahren die Nachfrage nicht abdecken. Künftig sind wir in der Lage, etwa die Hälfte unserer Produktionsmenge mit Elektronen zu behandeln. Und wir wollen noch mehr Landwirte überzeugen. Der Einsatz von elektronenbehandeltem Saatgut ist ein wichtiger Beitrag zum umweltgerechten Pflanzenbau und dient damit auch der Imageförderung der Landwirtschaft.

Welche Kulturen profitieren besonders?

Prelwitz: Die Elektronenbehandlung von Getreide wurde bisher in mehr als 500 Versuchen von der damaligen Biologischen Bundesanstalt getestet. Wegen der guten Ergebnisse gleich zu Anfang begann im Getreide auch die Anwendung. Mittlerweile haben umfangreiche Untersuchungen gezeigt, dass ein Einsatz des Verfahrens bei Körnerleguminosen, Raps und Mais ebenfalls wirkungsvoll möglich ist.

Foto: CERAVIS

Wie hoch ist die Nachfrage im Ökosektor?

Prelwitz: Die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung BLE hat erklärt, dass es gegen die Anwendung im biologischen Anbau keine Einwände gibt. Wir müssen aber feststellen, dass nicht alle Anbauverbände einen Einsatz im ökologischen Anbau befürworten. Dabei stellt das Verfahren besonders bei der häufig im Öko-Landbau auftretenden Belastung mit Steinbrand im Weizen eine umweltschonende und chemiefreie Alternative dar.

Welches Potenzial hat die Behandlung mit Bakterien und mit Mikronährstoffen?

Prelwitz: Wir müssen Möglichkeiten finden, die Wertigkeit des einzelnen Samenkorns noch weiter zu erhöhen. Eine Möglichkeit ist die gezielte Ernährung der jungen Keimpflanze durch Mikronährstoffe, die dem Saatgut durch die Beize mitgegeben werden. Landwirte können im Herbst direkt beobachten, dass sich die Jungpflanzen besser entwickeln. Die Nachfrage nach mikronährstoffgebeiztem Saatgut nimmt bei uns kontinuierlich zu. Noch viel größere Chancen bietet aber die Mikrobiologie. Wir testen zurzeit eine Bakterienart, die weltweit in jedem Boden vorkommt und über symbiotische Prozesse der Keimpflanze hilft, widerstandsfähiger gegen Umwelt- und Krankheitseinflüsse zu werden. Hierfür ist die Elektronenbehandlung ein wichtiger Baustein. Sie schaltet störende Mikroorganismen aus, dem Saatgut haftet aber keine Chemie an. Wenn wir anschließend die nützliche Bakterienart auf das Korn geben, kann die Symbiose viel stärker wirken – zum Nutzen der Keimpflanze.

Nordkorn stärkt E-Vita-Angebot

Die Nordkorn Saaten GmbH in Güstrow, die zur Ceravis AG gehört, hat im Juli die zweite Anlage zur Behandlung von Saatgut mit niederenergetischen Elektronen in Betrieb genommen. Die neue E-Vita-Anlage erreicht mit 25 Tonnen bei Getreide die gleiche Stundenleistung wie die erste Anlage. Das Arbeitsgebiet der Ceravis AG umfasst vor allem die Bundesländer Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern und das nördliche Brandenburg. Hier erfolgt hauptsächlich auch der Absatz von E-Vita-Saatgut. Hinzu kommen alle Dienstleistungen von Vermehrungsverträgen über die Erfassung, Aufbereitung und Lagerung bis zum Vertrieb von Saatgut.

Mit welchen Anbautendenzen rechnen Sie künftig?

Prelwitz: Das Thema Trockentoleranz wird sicher eine Rolle spielen. Hinzu kommt die sehr aufgeregte Diskussion über die Zukunft des Pflanzenbaus in Deutschland. Es ist zu befürchten, dass sich Landwirte auf Veränderungen einstellen müssen, bevor die Wissenschaft Anregungen oder Empfehlungen liefern kann. In vielen Gesprächen stelle ich hier eine große Ratlosigkeit fest. Denn sowohl in der Politik als auch in der Gesellschaft fehlt eine ehrliche Antwort auf die Frage, wie wichtig die regionale Erzeugung nachhaltiger und gesunder Lebensmittel ist, wenn die Voraussetzungen dafür in naher Zukunft vielleicht nicht mehr gegeben sind.

Mit Elektronen an das Saatgut

Die Saatgutbehandlung mit Elektronen befindet sich in Deutschland seit 2002 im praktischen Einsatz. Die Technologie stammt vom Fraunhofer-Institut FEP in Dresden. Das Prinzip beruht auf der Wirkung niederenergetischer Elektronen. Damit bleiben weder Rückstände am Saatgut noch im Boden. Das Verfahren lässt sich sowohl für konventionelles als auch ökologisch erzeugtes Saatgut einsetzen. Die Wirkung gegen Mikropilze, Bakterien und auch einige Viren ist in umfangreichen offiziellen Pflanzenbauversuchen nachgewiesen. Das Verfahren ist bei Ceravis als E-Vita im Einsatz. Das Prinzip ist identisch mit der E-Pura-Technologie der Baywa.

Sehen Sie wirtschaftlich interessante Alternativen in der Fruchtfolge?

Prelwitz: Wenn man ehrlich ist, muss die Antwort lauten: Nein! Alles andere ist nach meiner Auffassung Schönmalerei. Das Jahr 2018 zeigt auf grausame Art und Weise, wie instabil der Anbau von Sommergetreide und Leguminosen sein kann. Die Winterungen sind nach wie vor leistungsstärker und stabiler.

Interview: Dagmar Behme

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