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Ferkelerzeuger wollen den Vierten Weg


Neugeborne Ferkel werden in anderen EU-Ländern bereits unter lokaler Neugeborene Ferkel werden in anderen EU-Ländern bereits unter lokaler Betäubung kastriert.
-- , Foto: Archiv
Neugeborne Ferkel werden in anderen EU-Ländern bereits unter lokaler Neugeborene Ferkel werden in anderen EU-Ländern bereits unter lokaler Betäubung kastriert.

Ab 1. Januar 2019 dürfen junge männliche Ferkel in Deutschland nicht mehr ohne Betäubung kastriert werden. Die Praxis verlangt eine gesetzliche Grundlage für die örtliche Anästhesie durch den Landwirt.

„Wir brauchen Lösungen, die den Strukturwandel in der Sauenhaltung nicht noch zusätzlich beschleunigen. Deshalb müssen wir schauen, wie wir mit dem Vierten Weg umgehen“, sagte Bundesagrarministerin Julia Klöckner und kündigte an, sich auf der Agrarministerkonferenz Ende April 2018 für eine rasche Genehmigung des Verfahrens der örtlichen Betäubung der Ferkel vor der Kastration einzusetzen. Doch offenbar gibt es nach wie vor erhebliche Differenzen zwischen Bund und Ländern in dieser Frage, sodass das Thema kurzfristig von der Tagesordnung genommen wurde. Stattdessen soll erneut eine Arbeitsgruppe mit Experten und politischen Vertretern aus Bund und Ländern eingerichtet werden, um das als „Vierten Weg“ bezeichnete Verfahren umgehend zu diskutieren (siehe Kasten).

Weitere Verzögerung unnötig

Doch die Ferkelerzeuger brauchen schnell eine Lösung. So zeigt der Vorsitzende des Bayerischen Bauernverbandes, Walter Heidl, nur wenig Verständnis für diesen Schritt. Im Gespräch mit der agrarzeitung (az) verweist er darauf, dass alle relevanten Erkenntnisse ausführlich diskutiert worden seien, auch mit Humanmedizinern. Die jeweiligen Vor- und Nachteile der einzelnen Alternativen seien bekannt. Der „Vierte Weg“ sei für die überwiegende Zahl der Betriebe tatsächlich praxistauglich und erfülle die Ansprüche an den Tierschutz. Lediglich eine politische Entscheidung sei jetzt nötig, sagt Heidl. Er sieht hier besonders das Bundeslandwirtschaftsministerium gefordert. Die für eine lokale Betäubung in Betracht kommenden Wirkstoffe Procain oder Lidocain würden ohnehin in der tierärztlichen Praxis für die Lokalanästhesie verwendet. Daher gibt es aus seiner Sicht keine Begründung, sie nicht auch für die betäubungslose Ferkelkastration einzusetzen.

Nachbarländer handeln bereits

In Schweden dürfen Erzeuger bereits seit 2016 die Ferkel unter lokaler Betäubung mit dem Wirkstoff Lidocain kastrieren. Dänemark als sehr bedeutender Exporteur von Ferkeln und Schweinefleisch erlaubt dieses Verfahren bereits seit 1. Januar 2018. Auf diese Weise können sich die exportorientierten Ferkelerzeuger im Lauf des Jahres 2019 auf die Anforderungen des deutschen Marktes einstellen. Die in den Niederlanden favorisierte Lösung einer CO2-Betäubung wird in Deutschland grundsätzlich abgelehnt. Doch beide Verfahren erfüllen die von der Qualität und Sicherheit (QS) GmbH gestellten Anforderungen.

Walter Heidl jedenfalls zeigt sich überzeugt, dass eine praktikable Lösung für die Einführung des „Vierten Weges“ bis zum Jahresende vorliegen wird. Anderenfalls würde ein großer Teil der ohnehin nur noch etwa 4000 Ferkelerzeuger in Deutschland, insbesondere die kleinen und mittleren Betriebe, wohl endgültig seine Pforten schließen. Einen derartigen Strukturbruch könne und dürfe die Agrarministerin nicht zulassen, so Heidl.

Alternativen zur betäubungslosen Kastration

Ebermast: Auf die Kastration wird vollständig verzichtet. Die männlichen Tiere wachsen als Jungeber heran. Nur vergleichsweise wenige Tierhalter können eine problemlose Aufzucht von Jungebern gewährleisten. Von den Fleischverarbeitern verlangt die Qualität und Sicherheit (QS) GmbH allerdings zielführende Verfahren der Geruchsdetektion am Schlachtband und die Garantie für den Ausschluss geruchsauffälliger Ware. Denn das sind die Marktanforderungen seitens der Verbraucher.

Impfung gegen Ebergeruch: Auf den ersten Blick erscheint die sogenannte „Immunokastration“ als attraktive Lösung. Der Mäster führt dabei zwei, eventuell sogar drei Impfungen mit dem zugelassenen Präparat Improvac zu bestimmten Zeitpunkten durch, letztmalig vier bis sechs Wochen vor der Schlachtung. Bis zur zweiten Impfung gibt es keine Unterschiede zur Ebermast. Zahlreiche Untersuchungen belegen die Wirksamkeit des Verfahrens. Neben dem Kostenaspekt besteht unter Schweinehaltern die Unsicherheit, wie Verbraucher das Verfahren bewerten. Denn in deren Augen könnte eine Impfung auch als Hormonbehandlung verstanden werden.

Unter Vollnarkose: Eine weitere Möglichkeit ist die Kastration unter Narkose mit dem Inhalationsmittel Isofluran. Für dieses Verfahren, welches heute in Biobetrieben oder anderen alternativen Haltungen zum Einsatz kommt, besteht keine flächendeckende Zulassung für die Anwendung bei der Nutztierart Schwein. Stattdessen kann es nur über eine Ausnahmegenehmigung per Umwidmung durch einen Tierarzt eingesetzt werden. Dem gasförmigen Isofluran wird eine klimaschädliche Wirkung nachgesagt, auch stehen Schweinehalter dem Gebrauch aus Tierschutzgründen skeptisch gegenüber und halten es für nicht praktikabel.

Der „Vierte Weg“: Die Ferkel werden unter lokaler Betäubung kastriert. Nach Meinung von Fachleuten bietet die örtliche Betäubung mit Schmerzausschaltung verschiedene Vorteile. So sind die Ferkel nach dem Eintritt der Wirkung im Bereich der Hoden schmerzfrei, aber dennoch im Gegensatz zur Vollnarkose bei vollem Bewusstsein. Damit ist die Methode erheblich risikoärmer. Für die lokale Betäubung sind in der Tiermedizin zwei Wirkstoffe zugelassen. Für lebensmittelliefernde Tiere steht der Wirkstoff Procain zur Verfügung und wird für viele Operationen täglich verwendet. Nach Aussage von Experten noch wirksamer ist der Wirkstoff Lidocain, der derzeit jedoch nur für die Anwendung bei Klein- und Haustieren sowie Pferden zugelassen ist.

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