Report Tier & Technik

Falsches Licht kann Kannibalismus auslösen


Beim Umstallen der Tiere kann das Licht zu einem Problem werden.
Foto: SB
Beim Umstallen der Tiere kann das Licht zu einem Problem werden.

Seit Jahren suchen Wissenschaftler nach der optimalen Beleuchtung für Geflügelställe. Doch überzeugende technische Lösungen fehlen noch.

Für Legehennen geht es im Stall zu wie in einer Disko. Das Licht flackert in verschiedenen Frequenzen und die Lampen leuchten in unterschiedlichen Farben. Der humanoide Stallbesucher spürt von alldem nichts, für ihn ist der Stall in flackerfreies weißes Licht getaucht. Das unterschiedliche Bild resultiert aus einem unterschiedlichen Aufbau der Sehorgane bei Menschen und Hühnern.

Hühner besitzen fünf Zapfentypen

„Hühner haben eine andere visuelle Wahrnehmung als Menschen“, erläutert Prof. Robby Andersson. Um sich den Unterschied besser vorstellen zu können, zieht der Wissenschaftler der Hochschule Osnabrück den Vergleich zu einer Wärmebildkamera, die einen Gegenstand völlig anders darstellt, als wir es gewohnt sind. Um entscheiden zu können, welche Art von künstlichem Licht für Legehennen, Puten und Masthühner am besten geeignet ist, muss man zunächst verstehen, wie Sehorgane der Tiere aufgebaut sind. Das menschliche Auge enthält drei Zapfentypen der Farben Rot, Grün und Blau. Bei Hühnern seien es dagegen fünf verschiedene Zapfentypen, darunter einer für UV-Strahlen. Dies sorge dafür, dass zwei Gegenstände, die für das menschliche Auge die gleiche Farbe haben, von den Tieren möglicherweise unterschiedlich wahrgenommen werden.

Praktische Auswirkungen kann dieses Phänomen beim Futterwechsel haben. Eine andere Zusammensetzung oder Struktur des Futters kann dazu führen, dass es die Tiere in anderen Farben sehen, auch wenn der Mensch keinen Unterschied bemerkt. „Wenn mir plötzlich eine blaue Kartoffel serviert wird, verwirrt mich das auch, selbst wenn sie genauso schmeckt wie die bekannte gelbe Kartoffel“, beschreibt Andersson das Problem. Auch beim Umstallen der Tiere kann das Licht zu einem Problem werden, wenn in den Gebäuden unterschiedliche Leuchtmittel und somit Farben eingesetzt werden.

Prof. Robby Andersson
Foto: Hochschule Osnabrück
Prof. Robby Andersson


Das Sehvermögen zwischen Menschen und Hühnern unterscheidet sich auch bei der sogenannten ‚Flimmerfusionsfrequenz‘. Damit ist gemeint, wie viele unterschiedliche Bilder das Auge in einer Sekunde wahrnehmen kann. Beim Menschen sind es 20 bis 60, beim Huhn etwa 160. Dies führt dazu, dass eine mit Wechselstrom betriebene Glühbirne für Menschen gleichmäßig leuchtet, während Hühner das Er- und Verglühen des Drahts wahrnehmen. Noch stärker tritt der Effekt bei Leuchtdioden auf. Sie leuchten, wenn der Strom in eine Richtung fließt, das heißt sie blinken in jeder Sekunde 50-mal. Die Vermutung liegt nahe, dass dieser „Diskoeffekt“ für die Tiere unangenehm ist und „negative Emotionen“ weckt, die zu unerwünschtem Verhalten wie Kannibalismus führen können, so Andersson.

Derzeit gebe es auf dem Markt keine optimalen Leuchtmittel für Legehennen-, Masthuhn- und Putenställe, bedauert der Wissenschaftler. Dennoch würden staatliche Kontrolleure immer wieder die Beleuchtung der Ställe beanstanden und Änderungen einfordern. Für diesen Fall gibt er einen Rat: Die Tierhalter sollen konkrete Vorschläge einfordern, mit welchen Leuchtmitteln der Stall ausgerüstet werden soll. Meist stelle sich dann heraus, dass auch die Beamten keine besseren Lösungen präsentieren können – weil es keine gebe.

„Derzeit gibt es auf dem Markt keine optimalen Leuchtmittel für Ställe.“
Prof. Robby Andersson, Hochschule Osnabrück, 

Von den auf der letztjährigen Eurotier vorgestellten neuen Produkten erhofft er sich noch keinen Durchbruch. Weltweit werde aber von Wissenschaftlern und Unternehmen an der Lösung des Problems gearbeitet. Vielversprechende Ansätze sieht der Osnabrücker in den USA, wo die Wirtschaft große Beträge in die Forschung investiere. „So eine große Dynamik wie im letzten Jahr hatten wir noch nie“, beobachtet der Wissenschaftler. In zwei Jahren, so seine Einschätzung, könnten Produkte auf den Markt kommen, die den Bedürfnissen der Tiere besser entsprächen. Den Geflügelhaltern rät er deshalb, mit Investitionen in die Beleuchtungstechnik zu warten.

Die Flimmerproblematik könne technisch gelöst werden, indem die Dioden mit Gleichstrom betrieben werden. Nachteil seien dabei die Wärmeentwicklung und der größere Stromverbrauch. Noch anspruchsvoller ist die Suche nach dem perfekten Farbspektrum für die Tiere. Und schließlich muss die Frage beantwortet werden, wie intensiv das Licht im Stall leuchten sollte. 

Strand von Mallorca kein Vorbild

So hell wie am Strand von Mallorca müsse der Stall nicht ausgeleuchtet werden, meint Andersson, denn die Tiere seien an ein Leben am Waldboden angepasst. Dort sei es allerdings deutlich heller als derzeit in den meisten Ställen. Wie hell und wie gleichmäßig die Ställe beleuchtet werden sollten, darüber kann der Wissenschaftler noch keine abschließende Auskunft geben. Eine Frage sei dabei auch, mit welchen Verfahren und Messeinheiten gearbeitet werden soll. Ziel müsse aber bleiben, dem natürlichen Habitat der Tiere möglichst nahe zu kommen.

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