Resistenzen

Gemeinsam für weniger Antibiotika

Zwar stammen maximal „nur“ 5 Prozent der MRSA aus der Tierhaltung. Dennoch halten es Mediziner für unverzichtbar, Nutztiere im Fokus zu behalten. Denn die Resistenzen aus dem Stall steigen.

Das Auftreten von Bakterien, denen Antibiotika nichts mehr anhaben können, wird zunehmend zum Problem im Gesundheitssystem. Auch der Tierhaltung wird dabei eine Schuld zugewiesen. In öffentlichen Diskussionen wird die Frage gestellt, inwieweit Tiere die Quelle für resistente Keime beim Menschen sind. Dazu gibt es konkrete Zahlen, die auf den ersten Blick beruhigend wirken: Nur 2 bis 5 Prozent aller Methicillin-resistenten Staphylococcus aureus (MRSA) stammen aus der Nutztierhaltung. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass die meisten Infektionen mit einem der problematischsten Keime immer noch klassisch aus dem Krankenhaus stammen.

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Mehr tierassoziierte MRSA

Außen harmlos

Staphylococcus aureus besiedelt normalerweise die Nase oder die Haut. befindet sich der Keim, in seinem angestammten Lebensraum, richtet er keinen Schaden an. Gelangt Staphylococcus aureus aber in Körperregionen, wo er nicht hingehört – also zum Beispiel infolge von Operationen in den Blutkreislauf –, wird er gefährlich. Hat der Arzt es dann mit einem Staphylococcus aureus zu tun, der gegen die üblichen Antibiotika resistent ist, wird es lebensgefährlich. (kbo)

Allerdings gibt es zwei Entwicklungen, die zeigen, wie wichtig es ist, die Tierhaltung im Fokus von Minimierungsstrategien zu behalten. Zum einen ist die Quote in Gebieten mit intensiver Nutztierhaltung deutlich höher. So ordnen Wissenschaftler in Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen 10 Prozent der Infektionen mit MRSA Bakterienstämmen zu, die aus der Nutztierhaltung stammen (LA-MRSA). Zum anderen hat die Verbreitung von LA-MRSA innerhalb von sechs Jahren deutlich zugenommen (siehe Karten). Der Forschungsverbund „MedVetStaph“ hat 2004/05 und erneut 2010/11 aus 33 Laboren das Verhältnis von LA-MRSA zu MRSA untersucht. Ließen sich in der ersten Untersuchung nur selten LA-MRSA als Ursache für schwere Infektionen ausmachen, so hat in der zweiten Untersuchung in einigen Regionen die Häufigkeit deutlich zugenommen. Davon sind insbesondere wieder Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen betroffen. Der Anteil von LA-MRSA an allen beim Menschen isolierten MRSA sei zwischen 2004 und 2011 in Deutschland deutlich angestiegen, heißt es in dem „MedVetStaph“-Forschungsbericht. In Regionen mit hoher Nutztierdichte machten LA-MRSA bis zu 14 Prozent der MRSA aus, die bei Menschen mit tiefen Atemwegsinfektionen gefunden wurden, und 11 Prozent bei tiefen Wundinfektionen. Dass das Verhältnis in Einzelfällen über 30 oder sogar 80 Prozent liegt, ist vermutlich als Ausreißer zu sehen.

Seltener Rezepte schreiben

Nun kann man zwei Ansätze verfolgen, um das Problem anzugehen. Entweder neue Antibiotika erfinden – wie es die WHO fordert, die sich aber nicht so leicht über Nacht herbeizaubern lassen – oder die Verwendung reduzieren, damit der Selektionsdruck sinkt und in der Folge weniger Resistenzen entstehen. Ein wichtiger Ansatz ist dabei die One-Health-Strategie, bei der Human- und Veterinärmediziner an einem Strang ziehen wollen. Gerade erst in der vergangenen Woche hatten Mediziner aus beiden Fachgebieten in Vechta darüber diskutiert, wie sich Resistenzen besser vermeiden lassen. Neben einer optimierten Zusammenarbeit zwischen Human- und Veterinärmedizin sei aber auch ein gesamtgesellschaftliches Verständnis für den verantwortungsvollen Umgang mit den für die Menschheit so wertvollen Antibiotika zu schaffen, erklärte dabei Prof. Thomas Blaha von der Stiftung Tierärztliche Hochschule in Hannover.

„Wir müssen ein gesamtgesellschaftliches Verständnis für den verantwortungsvollen Umgang mit Antibiotika schaffen. “
Prof. Dr. Thomas Blaha, Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover, 

Die Geschäftsführerin der neuen, in Vechta ansässigen Koordinierungsstelle „Transformationswissenschaften in agrarischen Intensivregionen im Nordwesten Niedersachsens“, Dr. Barbara Grabkowsky, betonte: „Wir brauchen mehr Beratung, einen verantwortungsbewussten Umgang in der Antiinfektivatherapie und weniger den schnellen Griff zum Rezeptblock.“

Sanierungsfall

Bei rund 77 Prozent der Schweinehalter sitzt ein LA-MRSA in der Nase oder auf der Haut. Sie werden nicht nur vom Tier auf den Menschen, sondern auch von Mensch zu Mensch übertragen. Wenn diese zoonotischen MRS über Wunden oder durch Schleimhäute in den Körper gelangen, kann eine Infektion ausbrechen.

Deshalb zählen Tierhalter im Krankenhaus zu den Risikopatienten. Vor einer Operation müssen sie „saniert“ werden, sprich, in einer oft mehrere Tage dauernden Behandlung von der Besiedlung mit den resistenten Keimen befreit werden.

Schon jetzt gibt es in der Tierhaltung immer mehr Ansätze, die Therapiehäufigkeit zu senken. Doch nicht alles greift sofort. Die neuesten Zahlen des Bundesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) zeigen, dass insbesondere Putenhalter in den vergangenen sechs Monaten wieder mehr Antibiotika verabreicht haben als in dem Halbjahr davor. Insgesamt ist die Kennzahl der Therapiehäufigkeit aber seit der 2014 eingeführten Aufzeichnungspflicht bei Ferkeln, Mastschweinen, Hähnchen und Puten gesunken (siehe Übersicht). Andere Zählungen zeigen, dass innerhalb von sechs Jahren der Verbrauch an Antibiotika in der Tierhaltung von 1706 t auf 742 t zurückgegangen ist.

Insbesondere Putenhalter haben in den vergangenen sechs Monaten wieder mehr Antibiotika verabreicht. Die Reduzierungs-Grenze könnte erreicht sein.
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Insbesondere Putenhalter haben in den vergangenen sechs Monaten wieder mehr Antibiotika verabreicht. Die Reduzierungs-Grenze könnte erreicht sein.

Bedeutende Schweinefleischproduzenten wie Dänemark oder die Niederlande sind teilweise in der Entwicklung schon viel weiter als Deutschland wie mit dem Ampelsystem für Nutztierbetriebe, einer Tierarzt-Klassifizierung oder Versuchen zur antibiotikafreien Ferkelaufzucht. Andere Länder erscheinen dagegen noch weit abgeschlagen. Die Weltorganisation für Tiergesundheit (OIE) hat mindestens 34 Staaten identifiziert, in denen Antibiotika noch als Leistungsförderer in der Tiermast erlauben sind. In der EU ist dies seit 2006 verboten.

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