az-Porträt: Clemens Tönnies

Schlachter mit Glamour-Effekt

Von Wurstlücke bis Fußball: Clemens Tönnies
-- , Foto: Schalke 04
Von Wurstlücke bis Fußball: Clemens Tönnies

Er mag die Heimat, er mag Fußball und er spricht Klartext. Schnörkel und Ornament sind Clemens Tönnies‘, Chef der Tönnies Unternehmensgruppe aus Rheda-Wiedenbrück, Sache nicht. „Der Veggie-Boom ist vorbei“, erklärt der 60-jährige Westfale, der allein in Deutschland jährlich 20 Millionen Schweine schlachtet. „Der Verbraucher isst nicht lange das, was ihm nicht schmeckt“, so das Argument. Auch von der derzeit vieldiskutierten Immunokastration hält er nichts, denn „sie funktioniert nicht“. Und zum Gewinn seines Unternehmens, das 2016 einen Umsatz von 6,3 Mrd. € erzielt hat, äußert er sich grundsätzlich nicht.

Familienkampf beigelegt
Es gibt eine Einigung: Firmenchef Clemens Tönnies und sein Neffe Robert haben sich gemeinsam mit Clemens' Tönnies Sohn Maximilian geeinigt, wie die Tönnies-Gruppe und die Zur Mühlen Gruppe künftig aufgestelllt sein sollen. Darüber währte ein jahrelanger Familienstreit.
Alle gerichtlichen und sonstigen Auseinandersetzungen hätten die Gesellschafter ausgeräumt.

Unter dem Dach einer "Tönnies Holding" sollen zukünftig alle bisherigen Aktivitäten der beiden Gruppen fortgeführt werden. Clemens und Robert Tönnies sind an der Holding gleichberechtigt beteiligt - als Familienholding soll sie von Clemens und Robert Tönnies gemeinsam mit einem Beirat geleitet werden.
Diese Einigung steht noch unter dem Vorbehalt der Zustimmung durch die Kartellbehörden. (az)

Das Geld war oft sehr knapp

Das sind klare Worte. Sie sorgen für Verbindlichkeit. Bei einer Begegnung mit Clemens Tönnies wird unverzüglich spürbar, dass er – im Gegensatz zu manch anderem Unternehmensmanager – genau weiß, wovon er spricht. Wer seine Biografie kennt, braucht sich das sowieso nicht zu fragen. Als Sohn eines Metzgers im westfälischen Rheda aufgewachsen, musste er früh in dem kleinen Betrieb mitarbeiten, in dem das Geld „oft sehr knapp“ war, wie er in einem Interview sagte. Gemeinsam mit seinem älteren Bruder Bernd, einem von sechs Geschwistern, baute er später den Fleischkonzern auf. „Mein Bruder Bernd und ich – wir wollten von Anfang an richtig was auf die Beine stellen. Es hat durch harte Maloche funktioniert“, sagt Tönnies.

Bernd ist vor über 20 Jahren gestorben. Clemens hat weitergemacht und seine Fühler weiter ausgestreckt: von Spanien über die Niederlande, Dänemark und Russland bis nach China läuft heute die Kette seiner Geschäftspartner. Auch Rinderschlachtungen hat er mittlerweile im Programm. Trotz Ausbau des internationalen Geschäfts hält er seiner Heimat die Treue. Ungeachtet des „schwierigen Umfeldes“ bleibe Deutschland „der wichtigste Markt, den wir haben“, erklärte er erst im März auf einer Pressekonferenz. Allerdings wird die Zentrale in Rheda-Wiedenbrück weiter automatisiert. Die schwere körperliche Arbeit am Fließband übernehmen Roboter.

"Kein einziges Schwein darf im Schlachthof leiden"

Auch das wäre ein Weg, die Vorwürfe um die Ausbeutung von osteuropäischen Arbeitern, die über Subunternehmer bei Tönnies beschäftigt sind, zu beenden. Manche unterstellen ihm Rücksichtslosigkeit gegenüber den Arbeitern. Aber vielleicht muss er auch einfach so rechnen, um die Produktion in Deutschland günstig zu halten.

Emotional wird Tönnies, wenn von Tierleid die Rede ist, was bei Pressekonferenzen in einem Schlachtbetrieb häufiger vorkommt. „Kein einziges Schwein darf in meinem Schlachthof leiden“, erklärt er. Er hat ein vierfaches Sicherheitssystem installiert, das dafür sorgt, dass jedes Tier sicher betäubt und getötet ist, bevor es ins Brühbad und in die weitere Verarbeitung geht. Und das sei schon so gewesen, bevor sich überhaupt jemand um das Wohl von Tieren im Schlachthof Sorgen gemacht habe, betont Tönnies – und zwar so energisch, dass weiteres Nachfragen nicht notwendig ist.

Die „Wurstlücke“ geschaffen

Die Situation in den Schlachthöfen, Schalke 04, dessen Aufsichtsrat er leitet, die Bekanntschaft mit Putin, der 60. Geburtstag mit enormem Promi-Aufmarsch, die Streitereien mit Neffe Robert um die Macht im Werk: Tönnies bietet den Medien ausreichend Vorlagen, die sie auch reichlich ausschlachten. Letztens hat der stets gut gekleidete und frisierte Manager auch eine Vorlage für eine Wortneuschöpfung geliefert: Seit Oktober 2016, als das Bundeskartellamt Tönnies zur Zahlung einer 128-Mio.-€-Strafe verdonnerte, gibt es die „Wurstlücke“. Nach Bekanntgabe der Strafe ließ Tönnies seine betroffenen Firmen auf andere Gesellschaften übertragen. Damit erloschen sie. Für die Bußgeldbescheide gibt es keinen Adressaten mehr. Dort klafft nun die (legale) Wurstlücke. Kann man ihm das übel nehmen? Irgendwie nicht. (kbo)


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