Brasilien

Die neue Chefin im Regenwald


Tereza Cristina gilt als kompetent im Agrobusiness und als Gefahr für Umwelt und indigene Völker.
Bild: Carlos Silva /Mapa
Tereza Cristina gilt als kompetent im Agrobusiness und als Gefahr für Umwelt und indigene Völker.

Die Agrar-Lobbyistin Tereza Cristina übernimmt Brasiliens Landwirtschaftsministerium. Während die Landwirtschaft jubiliert, erinnern sich Umweltschützer an ihren wenig schmeichelhaften Spitznamen.

Nach der Amtseinführung des Präsidenten Jair Bolsonaro werden in Brasilien die Karten neu gemischt. Der Ex-Fallschirmspringer berief 20 Minister und nur zwei Ministerinnen in seine Regierung. Eine der Frauen am Kabinettstisch ist die neue Landwirtschaftsministerin Tereza Cristina. Die Berufung der 64-Jährigen aus der Mitte-Rechts-Partei ist so umstritten wie die Wahl ihres Regierungschefs. Die erforderliche Fachkompetenz für die Leitung des Landwirtschaftsministeriums sprechen ihr auch ihre Kritiker nicht ab, sehen aber ihre Nähe zur Agrarbranche als ein Problem.

Vertreter der Landwirtschaft, die im Wahlkampf mehrheitlich Bolsonaro unterstützten, haben große Erwartungen an die neue starke Frau im Ministerium für Landwirtschaft, Viehzucht und Lebensmittelversorgung (MAPA). Politische Erfahrung sammelte Cristina als Staatssekretärin für Landwirtschaft im Agrar-Bundesstaat Mato Grosso do Sul. Zuvor war sie Geschäftsführerin verschiedener landwirtschaftlicher Organisationen, darunter dem dortigen Bauernverband.

Hilfe für Familienbetriebe

Cristinas erste Aufgabe wird es sein, ihr Haus neu zu organisieren. Die Kompetenzen wurden deutlich erweitert, unter anderem um die kleinbäuerliche Landwirtschaft, für die bisher eine eher sozialpolitisch ausgerichtete Behörde verantwortlich war. Bei ihrer Amtseinführung begrüßte Cristina, dass nun die gesamte Landwirtschaft unabhängig von der Betriebsgröße unter einem Dach vereint ist.

Den kleinen Familienbetrieben, die häufig Subsistenzwirtschaft betreiben, versprach sie besondere Unterstützung. Die ungeklärten Eigentumsverhältnisse für die bewirtschafteten Flächen sieht sie als größtes Hindernis für die Entwicklung dieser Betriebe. Hunderttausende Landwirte müssten deshalb unter prekären Bedingungen arbeiten, beklagt Cristina. Landrechte sollen den Weg zu Krediten und Investitionen ebnen. In Innovation, Forschung und Technik sieht sie den Schlüssel für eine Steigerung der Produktion. Sie zeigt sich überzeugt, dass die Familienlandwirtschaft eine entscheidende Rolle bei der Ernährungssicherung und der Erzeugung von landwirtschaftlichen Überschüssen spielt.

Der brasilianischen Agroindustrie werden diese Reformen nicht reichen. Die Großbetriebe erwarten Gegenleistungen für die Unterstützung Bolsonaros.

Ein wichtiges Thema ist der Zugang zu Pflanzenschutzmitteln. Im Sommer drohte nach einer Gerichtsentscheidung das kurzfristige Verbot von Glyphosat. Bei einer beantragten Verlängerung der bestehenden Zulassung hatte eine Regierungsbehörde die Risikobewertung nicht rechtzeitig abgeschlossen. Noch als Abgeordnete hatte Cristina ein Gesetz auf den Weg gebracht, mit dem solche Probleme in Zukunft verhindert werden sollen. Umweltschützer schmähen sie seitdem als „Muse des Giftes“.

„Umweltschützer schmähen sie als „Muse des Giftes“.“
Zu den Wünschen der Agrarbranche zählen auch der Abbau der Bürokratie sowie der Ausbau der Transportwege. Viele Projekte, wie der Bau neuer Straßen und Eisenbahnlinien, sind umstritten, weil sie durch Naturreservate oder die Schutzgebiete indigener Völker führen.

Gefahr für indigene Völker

„In einem Land mit kontinentalen Dimensionen ist eine effiziente Logistikinfrastruktur unerlässlich“, betont Tereza Cristina. Sie ist davon überzeugt, dass das Land durch eine höhere Produktivität die Nahrungsmittelproduktion weiter steigern kann, ohne dass dafür zusätzliche Agrarflächen in Anspruch genommen werden müssen.

In der öffentlichen Debatte in Brasilien dominierte bei ihrer Amtseinführung ein Thema: die Zukunft der Schutzgebiete für die indigenen Völker. Denn erst seit der Machtübernahme Bolsonaros liegt die Verantwortung für die indigenen Völker beim Agrarministerium. Den Vorwurf, die Grenzen der Reservate verschieben zu wollen, weist die Ministerin vehement zurück. Ziel der Neustrukturierung sei lediglich, dass alle Fragen der Landnutzung nun in ihrem Ministerium behandelt werden können.

Beruhigen dürfte das die Skeptiker kaum. Präsident Bolsonaro hatte im Wahlkampf immer wieder gegen die Ureinwohner polemisiert. Er meint, durch eine intensivere Nutzung könnten diese dünn besiedelten Gebiete einen größeren Beitrag zur brasilianischen Wirtschaft leisten. Die aktuelle Praxis, nach denen die Bauern in den Schutzgebieten weitgehend nach althergebrachten Methoden arbeiten sollen, ist aber auch unter den Indigenen selbst umstritten. Neben Traditionalisten gibt es auch dem westlichen Lebensstil offen gegenüber stehende Gruppen, die sich von einer Intensivierung der landwirtschaftlichen Produktion einen höheren Wohlstand für ihre Völker erhoffen.

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