Dr. Alisa-Naomi Sieber
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Dr. Alisa-Naomi Sieber

Hemdsärmelig und munter – diesen ersten Eindruck macht die frisch gebackene 31-jährige Dr. Alisa-Naomi Sieber. Seit Februar ist die jugendlich wirkende Frau Programmmanagerin der „Wheat Initiative“, die vor sieben Jahren von den Agrarministern der G20-Staaten gegründet wurde.

Sieber beschreibt sich selbst als „proaktiv“, als Organisationstalent. Das Selbstlob spielt sie lässig und sympathisch mit einer streichelnden Geste über das eigene Haupt herunter. Dennoch, es habe ihr definitiv zu dieser Position verholfen. „Ich ergreife schnell die Initiative und kann deshalb in kurzer Zeit viel schaffen.“

Wer sich Siebers gewöhnlichen Arbeitsalltag beschreiben lässt, ahnt: Sie ist goldrichtig an Ort und Stelle. Sie koordiniert, strukturiert, organisiert vom Schreibtisch aus oder hält Vorträge in Rom, Madrid und Bologna. Mehrmals in der Woche telefoniert sie mit Wissenschaftlern auf der ganzen Welt, die Mitglieder der Initiative sind, oder führt gemeinsam mit Kollege Peter Langridge, dem internationalen Wissenschaftskoordinator, Telefonkonferenzen.

Auf der Suche nach etwas Neuem

Zurzeit steckt Sieber mitten in der Planung für ein großes Meeting im Juli. Alle Vorsitzenden der wissenschaftlichen Expertengruppen der „Wheat Initiative“, die bisher ihren Sitz am Pariser Forschungsinstitut Inra unter der Leitung von Dr. Hélène Lucas hatte, reisen dafür erstmals in den beschaulichen Stadtteil Berlin-Dahlem. In dieser wohlhabenden Gegend nahe Grunewald befindet sich der Gründungssitz des Julius-Kühn-Instituts, der in den kommenden fünf Jahren Hauptsitz für die globale Weizenforschung sein wird. Dass ihr Job quasi befristet ist, stört Siebers überhaupt nicht. Schon der Wechsel zur Weizeninitiative, vorher war sie im Bereich Pre-Breeding und Fusariumresistenz für Hybridroggen beim Züchter KWS tätig, fiel ihr leicht. „Ich hatte das Gefühl, noch nicht angekommen zu sein.“

„Roggen kann im ersten Moment wie Unkraut aussehen, wenn man davor mit Weizen gearbeitet hat. “


Neben all dem Organisationsaufwand, der ihr durchaus leichtfällt, sagt sie, fehlt ihr jetzt trotzdem ein bisschen die blanke Wissenschaft. Ob sie nun in ihrer Freizeit wissenschaftliche Publikationen lese? Sie lacht: Nein, da habe sie Besseres zu tun, beispielsweise für weite Klimmzüge zu trainieren. Sieber macht gerne Kraftsport im Fitness-Studio. „Aber wenn ich im Büro eine ruhige Minute habe, was bisher leider viel zu selten ist, dann lese ich schon.“

Als Züchterin, die an der Universität Hohenheim und der dort ansässigen Landessaatzuchtanstalt „laufen gelernt“ und Weizen lieben gelernt hat, glaubt sie fest an „gesunde Pflanzen“: „Je stärker die Pflanze, desto weniger muss ich mir um das Verbot von chemischen Pflanzenschutzmitteln Sorgen machen.“ Obwohl der Ertrag auch ihrer Meinung nach Priorität hat, spürt sie, dass sich der Fokus in der Züchtungsforschung weitet. Zwar sei das Feld der Resistenzforschung und Klimatoleranz für Züchter nicht neu, aber die Gewichtung ändere sich gegenwärtig. In Hohenheim hat sie sowieso gelernt – selbst wenn etwas so unmöglich erscheint, wie etwa Hartweizen mit sehr guter Kornqualität in Kombination mit einer Frosttoleranz zu schaffen, kann es trotzdem irgendwann gelingen.

Wenig Berufserfahrung ist kein Hindernis

Sieber, die einen stringenten Lebenslauf vorzeigen kann, aber mit knapp zweijähriger Berufserfahrung wohl kaum als die Managerin schlechthin gilt, hat sich ein Ziel gesteckt: Sie will Forschungsschwerpunkte an die Geldgeber, das sind sowohl Länder als auch Firmen, herantragen. „Wissenschaftler haben ohnehin einen immensen bürokratischen Aufwand, wenn sie neue Projekte auf die Beine stellen; dies auf globaler Ebene zu schaffen, dabei helfen wir.“ „Ich glaube, die Weizenzüchtung ist längst nicht ausgereizt.“ Sie betont die unglaubliche Vielzahl an genetischen Ressourcen in beispielsweise afrikanischen Landrassen, die den Flaschenhals entzerren könnten. Schließlich geht es der Initiative mitunter darum, Voraussetzungen für das hehre Ziel der Welternährung zu schaffen. Das ginge mit globaler Kooperation. Man hinkt allerdings etwas hinterher. Um der globalen Nachfrage nach Weizen gerecht zu werden, müssten die Erträge bis ins Jahr 2050 um mehr als 50 Prozent steigen, gab die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) längst bekannt. Bei einem derzeitigen Zuchtfortschritt von 1,1 Prozent pro Jahr, den zumindest Deutschland angeben kann, dürfte es schwierig werden.

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