George Eustice

Steuermann in stürmischen Zeiten


George Eustice auf einer Konferenz des britischen Bauernverbandes NFU im Februar.
Foto: NFU
George Eustice auf einer Konferenz des britischen Bauernverbandes NFU im Februar.

Der neue Agrar- und Umweltminister soll nach dem Brexit für eine britische Agrarpolitik sorgen. Stallgeruch stützt Vertrauen der Landwirte in George Eustice.

Ein Neuling ist George Eustice nicht – auch wenn er den Posten des britischen Agrar- und Umweltministers erst Mitte Februar übernommen hat. Jahrelang saß der 49-jährige Politiker aus Cornwall mit am Tisch der EU-Agrarminister in Brüssel. Denn er hatte unter anderem Posten inne, die im deutschen System einem Staatssekretär entsprechen würden. Doch nach dem Brexit will er endlich selbst alles besser machen.

Auf jeden Fall ging es schon mal stürmisch los für Eustice. Gleich zwei Winterstürme wehten im Februar über Wales und England hinweg. Der frischgebackene Minister informierte sich direkt vor Ort über die Schutzmaßnahmen gegen die Fluten und bewies mit getwitterten Fotos sein Engagement für die Flutopfer. Darunter sind auch zahlreiche Landwirte, deren Wintersaaten zusammen mit den Bodenoberflächen von den Wassermassen fortgetragen wurden.

Die aktuellen Fluten und der Klimawandel geben dem Minister gleich das Thema auch für seine zukünftige britische Agrarpolitik vor. Sieben Jahre will sich Eustice Zeit nehmen, um die Umgestaltung nach dem Brexit ruhig und besonnen über die Bühne zu bringen. Das Subventionssystem will der Minister umbauen – weg von Einkommensbeihilfen, hin zu leistungsbezogener Förderung. Diesen durchaus anspruchsvollen Weg ist zuvor schon der kleine Bruder im Commonwealth, Neuseeland, gegangen. Doch nach Eustices Einschätzung haben die Neuseeländer die Umgestaltung der Agrarpolitik zu sehr übereilt, weshalb er sich und den Landwirten mehr Zeit geben möchte. Die meisten britischen Erzeuger setzen großes Vertrauen in den Minister, der für sie das geforderte Maß an Bodenständigkeit und Stallgeruch mitbringt. Eustice kommt von einem landwirtschaftlichen Betrieb in Cornwall, der seit mehr als 400 Jahren von seiner Familie bewirtschaftet wird. Heute können die Kunden dort Erdbeeren pflücken und im Hofladen einkaufen. Zudem wird die Zucht einer seltenen Schweinerasse als weitere Attraktion auf dem Traditionsbetrieb geboten.

„Direktzahlungen führen nur zu einer Infaltion der Bodenpreise. “
George Eustice, 

Doch George Eustice überließ den Hof seinen Geschwistern und stürzte sich in die Politik. Im Jahr 2000 beteiligte er sich zum Auftakt seiner politischen Laufbahn an einer Kampagne gegen die Einführung des „Euro“ im Vereinigten Königreich. Seit 2010 sitzt er für die konservativen Torys im Parlament in London. Im Jahr 2015 wurde er britischer Landwirtschaftsminister. Im Februar 2019 trat der entschiedene Brexit-Befürworter aus Protest zurück, nachdem es beim Austritt immer wieder zu Verzögerungen gekommen war. Mitte Februar dieses Jahres dann profitierte Eustice von einer raschen ersten Kabinettsumbildung durch Premierminister Boris Johnson und bekam die Leitung des britischen Umwelt- und Landwirtschaftsministeriums (Defra) angetragen.

Fest steht, dass der neue Agrarminister den Sektor aus den Zwängen der EU-Agrarpolitik (GAP) befreien möchte. Die Kritik daran staute sich über Jahre bei ihm auf. „Direktzahlungen führen nur zu einer Inflation bei den Landpreisen“, kritisierte Eustice bei seiner Antrittsrede auf der Konferenz des britischen Bauernverbandes (NFU) Ende Februar in Birmingham. Den Landwirten empfahl er, sich nicht an das untergehende Schiff der GAP zu heften. Doch wohin die agrarpolitische Reise auf der Insel gehen wird, ist noch nicht klar. Eustice will ab 2021 die Direktzahlungen abbauen, wobei die Kürzungen in Großbetrieben größer ausfallen als in Kleinbetrieben. Ab 2024 soll es „Environmental Land Management Schemes “ (ELM) geben. Prämien kündigt der Minister etwa für den Erhalt von Hecken, die Aufforstung oder die Renaturierung von Mooren an. Da die neuen Umweltprämien kaum mehr als die Kosten abdecken werden, befürchten viele britische Landwirte Einkommensverluste zum Ende der GAP. Zudem fürchten Erzeuger Billigimporte nach dem Abschluss von Freihandelsabkommen mit den USA oder Australien.

Die Debatte um die Aufrechterhaltung bestehender EU-Standards für Lebensmittel ist extrem aufgeheizt in Großbritannien. Als Eustice bei der NFU von einem möglichen Verhandlungsspielraum in puncto Standards sprach, riskierte er gleich seinen guten Ruf bei den Landwirten. Selbst wenn er wollte, wird der neue britische Agrarminister die Anliegen der Landwirtschaft kaum gegen die Handelsinteressen von Premierminister Johnson durchsetzen können. Stürmische Zeiten stehen Eustice deshalb ins Haus, nicht nur beim Wetter, sondern auch in der Politik.

 

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