Interview

„Wir beanspruchen eine führende Rolle“


Andreas Rickmers, CEO von Agravis, strebt nicht weniger als die Spitze an.
Bild: Agravis
Andreas Rickmers, CEO von Agravis, strebt nicht weniger als die Spitze an.

Die Agravis-Gruppe gibt nationalen Expansionen Vorrang vor internationalem Wachstum. Negativ-Schlagzeilen im „Spiegel“ und belastetes Futter haben der Hauptgenossenschaft mit Sitz in Münster und Hannover keinen Imageschaden zugefügt, meint der Vorstandsvorsitzende.

az: Die Agravis hat es im Jahr 2018 zweimal in den Spiegel geschafft: einmal im Sommer mit dem Betrugsfall des Managers Falk in Russland, und dann Ende des Jahres mit ndl-PCB-Funden in Futtermitteln aus dem Mischfutterwerk Ostwestfalen-Lippe. Bedeutet so eine Negativpresse einen Imageschaden?

Rickmers: Natürlich hätten wir uns eine andere Berichterstattung gewünscht, trotzdem haben diese zwei Geschichten gar nichts miteinander zu tun. Die Russland-Thematik ist kein neues Thema. Der Vorstand hat die Gremien und Aktionäre laufend und zeitnah über die Geschehnisse informiert. Erforderliche Rückstellungen wurden gebildet und mit der Aufarbeitung der Thematik beschäftigen sich zurzeit russische und deutsche Gerichte.

Zur Person
Andreas Rickmers ist seit September 2016 bei der Agravis Raiffeisen AG, zunächst als Vorstandsmitglied und seit Januar 2017 als Vorstandsvorsitzender. Bevor der gelernte Landwirt und Agraringenieur zur Agravis wechselte, war er von 1991 bis 2016 für den US-Konzern Cargill tätig.

Dennoch: Ist es ein Imageschaden für die Agravis?

Rickmers: Unser Hauptaugenmerk war es, Vermögen der Agravis zu sichern und das operative Geschäft in Russland voranzubringen. Wir sind transparent und konsequent mit der Thematik umgegangen.

Was bedeutet der Spiegel-Bericht über die ndl-PCB-Funde für die Agravis?

Rickmers: Der ist komplett anders gelagert. Wir haben unsere Kunden nicht so bedient, wie wir es sollten und wie es unser Standard ist – wir sind unserem eigenen Anspruch an Qualität und Zuverlässigkeit nicht gerecht geworden. Dafür haben wir uns bei den betroffenen Kunden entschuldigt und individuelle Lösungen erarbeitet. Die gesamte Thematik hat aber auch gezeigt, dass die Kontrollmechanismen gegriffen haben.

Inwiefern?

Rickmers: Als wir Kenntnis von den Funden hatten, haben wir sofort alle Prozesse abgestellt, die eine mögliche Ursache für die Einträge hätten sein können. Das schafft den Vorfall nicht aus der Welt – wir haben aber sehr schnell, umfassend und transparent reagiert, haben frühzeitig Behörden und Kunden sowie Aktionäre und unsere Gremien mit Aufsichtsrat und Beirat informiert. Dass unser Krisenmanagement funktioniert hat, wurde uns auch von den Behörden bestätigt.

Haben die Funde eine Folge für Ihre Risikomanagement-Prozesse?

Rickmers: Natürlich. Wir stehen in Kontakt mit Zertifizierern, dem Futtermittel-Siegel GMP+ und mit Prüfern für das Siegel. Wir schauen gemeinsam: Wo können die Prozesse, wo die Analysen weiter verbessert werden.

Mit welchem Ergebnis?

Rickmers: In Abstimmung mit den Behörden haben wir ein erweitertes Monitoring aufgesetzt, das noch engmaschiger ist in der Häufigkeit der Probenbeziehung.

Fürchten Sie denn nun einen Imageschaden durch die ndl-PCB-Funde – zumal es 2012 ja schon einmal solche Funde in dem gleichen Werk gab?

Rickmers: Wir haben im aktuellen Fall mehr als 600 Landwirte, die wir beliefert haben, direkt angesprochen und eine gemeinsame Lösung gesucht. Insbesondere Betrieben, die vorübergehend gesperrt wurden, haben wir sehr früh und unbürokratisch eine Schadensregulierung und gegebenenfalls auch zinslose Darlehen gewährt, weil von einem gesperrten Betrieb erst einmal keine Tiere mehr vermarktet werden können und dem Landwirt so Einkünfte wegbrechen. Wir übernehmen Verantwortung und versuchen, unseren Kunden und Landwirten zu helfen – und, wie schon erwähnt, wir informieren transparent, arbeiten eng mit den Behörden zusammen und stimmen uns laufend ab.

Und die Verbindung zu 2012?

Rickmers: Die zuständige Behörde in Nordrhein-Westfalen, das Lanuv, hat mit acht Mitarbeitern zwei Tage lang unser Werk untersucht. Außerdem haben die Behörden den Fall 2012 und die Reaktionen darauf sowie die aktuellen Geschehnisse und unseren Umgang damit analysiert. Sie sind in beiden Fällen zu der vorläufigen Aussage gekommen, dass wir angemessen reagiert haben.

In beiden Fällen gilt Lack als Eintragsquelle, der inzwischen nicht mehr genutzt werden darf. Wieso hat die Agravis 2012 den Lack nicht komplett aus dem Werk entfernt?

Rickmers: Seinerzeit waren ndl-PCB-Belastungen in Verladezellen für Sackware festgestellt worden. Die Agravis hat daraufhin in Abstimmung mit den Behörden alle elf Verladezellen für Sackware sanieren lassen. Es gab seitdem – bis zur aktuellen Thematik – keinerlei Hinweise auf Belastungen in den Verladezellen für lose Ware. Alle Prüfergebnisse waren negativ. Die regelmäßigen Kontrollen der begleitenden Behörden waren ebenso stets negativ. Es hat auch nie irgendeine Anweisung gegeben, diese in den 1970er Jahren verbreitet aufgetragenen Lacke abzutragen.

Stichwort: Kunde. In Ihrer Strategie Hanse wollen Sie den Kunden in den Mittelpunkt rücken. Das wollen viele. Was macht die Agravis besser?

Rickmers: Die Verzahnung unserer Geschäftsfelder ist der springende Punkt – von der Technik über effiziente Erfassungsstandorte, über Smart-Farming-Angebote bis hin zu Betriebsmitteln wie Pflanzenschutz. Es geht ja nicht mehr nur darum, möglichst günstig möglichst viel zu produzieren, sondern dies auf eine nachhaltige Art und Weise zu tun. Unser Ziel ist es, im genossenschaftlichen Verbund Kompetenzen zu bündeln und dem Landwirt Mehrwertlösungen anzubieten, mit denen er erfolgreich wirtschaften kann.

Ist das auch ihr Pluspunkt gegenüber der Industrie, die auf die Idee kommen könnte, direkt an den landwirtschaftlichen Kunden zu verkaufen?

Rickmers: Natürlich müssen wir auch der Industrie darstellen, dass der Weg über die Genossenschaft und uns der bessere ist, als direkt an den Landwirt zu gehen. Das haben wir in den vergangenen Jahren sehr gut hinbekommen. Deshalb sehe ich diese Bedrohung auch in der näheren Zukunft nicht. Wir arbeiten gemeinsam mit der Industrie, um den Landwirt optimal zu bedienen.

„Agravis und RWZ arbeiten partnerschaftlich und eigenständig zusammen.“
Andreas Rickmers, CEO Agravis, 
Wie können die Agrarhändler beim Endverbraucher, dem Kunden im Supermarkt, punkten?

Rickmers: Der Endverbraucher will immer individueller bedient werden. Der Endverbraucher erwartet Transparenz, woher sein Essen stammt und wie es erzeugt wurde. Gleichzeitig will der Endverbraucher attraktive Preise. Durch unseren engen Kontakt mit der Landwirtschaft und der Präsenz in der Fläche können wir einen wichtigen Beitrag leisten, die Rückverfolgbarkeit zu gewährleisten und gleichzeitig Regionalität oder Bio glaubwürdig bedienen. Diese Themen können wir gut besetzen, weil die Primärgenossenschaften starke Verbindungen zu den Landwirten und den Endverbrauchern in ihrer Region haben.

Als große Hauptgenossenschaft haben wir aber auch eine Verpflichtung, dem Endverbraucher das Thema Landwirtschaft näherzubringen. Hier ergeben sich im genossenschaftlichen Verbund noch viele wichtige Themen mit Mehrwert – und Marktwert: Denken Sie nur an Smart Farming oder das große Themenfeld der Digitalisierung.

Sie kooperieren in einigen Geschäftsfeldern mit der RWZ Köln. Immer wieder wird spekuliert, ob die RWZ unter das Agravis-Dach schlüpft: Wann ist es denn so weit?

Rickmers: Die Frage stellt sich aktuell nicht. Wir arbeiten mit der RWZ auf verschiedenen Gebieten partnerschaftlich zusammen, das ist richtig. Aber beide Unternehmen sind eigenständig. Wenn wir irgendwann feststellen sollten, dass wir den Kunden gemeinsam effizienter bedienen können, wird man vielleicht über so einen Schritt nachdenken, aber im Moment ist das kein Thema. Beide Unternehmen versuchen, sich für ihre Aktionäre und Mitglieder bestens im Markt zu positionieren – und das, wie gesagt, eigenständig.

Es ist also ein schleichender Prozess über immer mehr Kooperationen…

Rickmers: Wir arbeiten weiter dort zusammen, wo beide Seiten einen Vorteil von einer Kooperation haben.

Welche Wachstumspläne verfolgt die Agravis in Zukunft?

Rickmers: Wir haben den Anspruch, eine führende Rolle im deutschen Agrarhandel zu spielen. Das haben wir in unserer Hanse-Strategie klar formuliert. Dazu gehören das Wachstum durch Marktanteilsgewinne aus dem bestehenden Geschäft, aber auch Kooperationen, Partnerschaften und Akquisitionen. Als nationaler Agrarhändler schauen wir hier auf den gesamten deutschen Markt.

Welche Wachstumspläne verfolgt die Agravis international?

Rickmers: Die Agravis-Gruppe hat sich zunächst einmal klar für den deutschen Markt entschieden. Natürlich vergessen wir dabei den Blick über den Tellerrand nicht. Wenn sich international Chancen ergeben, werden wir diese prüfen und – bei Erfolgsaussicht – umsetzen.

Das Kartellverfahren im Bereich Pflanzenschutz könnte eine weitere Strukturbereinigung im Agrarhandel verursachen. Wie stellen Sie sich dazu?

Rickmers: Kartellamtspräsident Andreas Mundt hat einmal gesagt, es sei nicht die Rolle der Kartellbehörden, Strukturwandel zu beschleunigen. Fakt ist – darüber haben wir unsere Aktionäre informiert –, es gibt ein Schreiben des Kartellamts, in dem dieses seine Sicht der Dinge nach mehrjähriger Untersuchung darstellt. Dieses Schreiben wird nun von den Juristen geprüft. Ich gehe davon aus, dass das noch einige Zeit in Anspruch nehmen wird. Es ist deshalb aus meiner Sicht absolut verfrüht, jetzt über eventuelle Konsequenzen für die Branche zu spekulieren.

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