Pflanzenbau

Saatgut der Zukunft

Michael Kock
Foto: privat
Michael Kock

Zehn Jahre lang hat Michael Kock die Patentabteilung bei Syngenta geleitet, bis er im November 2017 dem Saatgut-Riesen den Rücken gekehrt hat. Nicht aber, um auf dem nächsten Mega-Tanker anzuheuern. Heute ist er Teil eines wendigen Schnellboots: als „Innovation Catalyst“ bei Inari Agriculture, kurz Inari.

Das Ziel ist so einfach wie komplex: „Wir versuchen, die Züchtung auf das nächste Level zu heben“, sagt Kock gegenüber der agrarzeitung (az). Wie das geht? Mit computerunterstützter Züchtung – im Fachjargon Computer Assisted Breeding.

„Anstatt Sorten immer wieder miteinander zu kreuzen und so 95 Prozent Ausschuss zu produzieren, errechnen wir am Computer genaue Modelle, welche Gene an einer Pflanze wir verbessern müssen, um gewünschte Ergebnisse zu erhalten“, erklärt Kock. Die Entwicklungskosten lägen so im Promille-Bereich eines gentechnisch veränderten Saatguts und deutlich unter dem eines konventionellen Saatguts. Auch die Entwicklungszeiten würden sich drastisch verkürzen. „Das versetzt uns in die Lage, individuelle Lösungen für teils sehr individuelle Probleme zu entwickeln.“

Individuelle Probleme ergeben sich zum Beispiel aus klimatischen Bedingungen und Bodenbeschaffenheiten, aber auch aus regionalen Pflanzenkrankheiten. „Während der Saatgut-Markt bisher ein extrem globaler Markt ist, der nach großen Lösungen sucht, können wir auf kleinere Märkte eingehen. Zunächst stehen ganz oben auf unserer Forschungsliste Soja in Lateinamerika und Weizen in Europa.“

Mächtige Investoren

Neben der computerunterstützten Züchtung ist die Genomeditierung (CRISPR-Cas9) wichtig für Inari. „Wir untersuchen die Pflanzen bis auf das einzelne Gen, um mit der Modifikation der Genome die gewünschten Effekte zu erzielen“, sagt Kock.

Das Saatgut will Inari nicht selbst vertreiben. „Wir sehen uns als Partner von Saatgut-Herstellern und lokal agierenden Unternehmen.“ Inari könnte Saatgut zur Vermehrung anbieten oder im Auftrag mit speziellen Anforderungen entwickeln.

Nach bereits zwei Jahren hat Inari mit Stammsitz in Cambridge, Massachusetts, noch kein Saatgut auf den Markt gebracht. „Unser Umsatz ist derzeit bei null“, sagt Kock. Da bleibe er aber ganz gelassen. „Inari gehört zu Flagship Pioneering, einer Firma, die sich auf die Gründung von Unternehmen im Life-Sciences- Bereich spezialisiert hat und Inari finanziell und strategisch unterstützt.“

Ein Blick auf die Website von Flagship Pioneering verrät, woher deren Geld stammt und wer an den wirtschaftlichen Erfolg von Inari glaubt oder zumindest auf lange Sicht einen Fuß in der Labortür haben will: Das sind doch wieder die ganz großen Tanker wie AstraZeneca, Bayer, Merck und Nestlé Health Science. Investiert wird kräftig: rund 90 Mitarbeiter, Tendenz steigend, modernste Forschungsstandorte in Cambridge, in Gent (Belgien) und im Mittleren Westen der USA.

Kluge Köpfe

Das größte Pfund von Inari ist jedoch nicht das finanzielle Kapital, sondern das Humankapital. „Eine intensive Suche in der gesamten Branche hat bei Inari das weltweit wohl schlagkräftigste Team in diesem Bereich zusammengebracht“, schwärmt Kock. Masterminds in Biotechnologie, Genetik, künstlicher Intelligenz und vielen anderen Disziplinen wie der Molekularbiologe Professor Steven E. Jacobsen oder Professor Jennifer Doudna arbeiten am zukünftigen Erfolg. „Wir haben einen wissenschaftlichen Beirat, der uns bei der Suche nach den besten Lösungsansätzen und Mitarbeitern unterstützt und sehr zielgenau rekrutiert.“

Auch in Sachen Publicity ist Inari bestens aufgestellt. Mit im Boot sind unter anderem Howard W. Buffett, selbst Professor für Public Policy und International Affairs an der Columbia University. Und ja, er ist der Enkel des Business-Magnaten Warren W. Buffett, der ein geschätztes Vermögen von 84 Milliarden US-Dollar sein Eigen nennen darf.

Inari Agriculture
Der Name der Firma leitet sich von „Inari“, dem japanischen Wort für Fuchs, ab. Der Fuchs steht im Shinto-Glauben für Fruchtbarkeit und eine gute Reisernte.

Obwohl Reis nicht im Fokus der Forschung bei Inari steht, fanden die Firmengründer den Namen passend. Schließlich ist Reis für die Hälfte der Weltbevölkerung die wichtigste Ackerfrucht und stellt für Millionen von Menschen das Hauptnahrungsmittel dar. alö
Wo wir gerade bei berühmten Enkeln sind: Mitverantwortlich für Kommunikation ist Julie Borlaug, Enkelin von Dr. Norman Borlaug, der als der Vater der Grünen Revolution gilt. Auf Panels in den USA ist Borlaug ein Popstar der Branche und das Sprachrohr der konventionellen Landwirtschaft.

„Wir rechnen fest damit, dass wir im Jahr 2019 oder 2020 erste Produkte auf dem Feld haben werden“, erklärt Kock. Vermutlich sei es Saatgut für Mais und Soja mit Blick auf die Anbau-Herausforderungen in Lateinamerika und den USA. Mit welchen Firmen Inari bereits in Verhandlungen ist, will Kock nicht verraten.

Hemmschuh für die Weiterentwicklung von Inari in Europa könnte das jüngste Urteil des Europäischen Gerichtshofes zu CRISPR-Cas sein, das die Technik dem europäischen Gentechnik-Gesetz unterstellt. „Wir hätten uns aber eine innovationsfreundlichere Entscheidung gewünscht“, sagt Kock.

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