Portrait

Enkelin der Revolution


Julie Borlaug spricht vor dem USDA. Die Texanerin gilt als strikte Verfechterin der industriellen Landwirtschaft.
bild: Lance Cheung/USDA
Julie Borlaug spricht vor dem USDA. Die Texanerin gilt als strikte Verfechterin der industriellen Landwirtschaft.

Die Texanerin Julie Borlaug mischt die US-Agrarwirtschaft auf, denn sie tritt in die Fußstapfen ihres berühmten Großvaters. Unterstützung kommt vor allem aus der Industrie.

Denn Borlaug steht wie kaum eine andere Frau für die Verschmelzung von Landwirtschaft und Wissenschaft. Damit tritt sie in die Fußstapfen ihres berühmten Großvaters, Norman E. Borlaug, der als der Vater der "Grünen Revolution" in Entwicklungsländern bekannt ist. Keimzelle dieser Revolution ist Borlaugs Arbeit an mehreren Weizenhochleistungssorten. Besonders bekannt wurde der ertragsstarke Mexiko-Weizen, dem ein Gen zum "Zwergwuchs" einer japanischen Sorte eingezüchtet wurde. Dieser Weizen kann aufgrund seines kurzen und kompakten Halms die schwere Ähre tragen, ohne abzuknicken.

Seit 1962 wird dieser Weizen vor allem in Indien angebaut, wo sich seitdem die Erträge in zehn Jahren um das Dreifache erhöhten. Auch in China wirkte Borlaug als erfolgreicher Pflanzen-Ingenieur, dort allerdings mit Reis. Aufgrund dieser Erfolge wird Borlaug zugeschrieben, Millionen Menschen vor dem Hungertod bewahrt zu haben. 1970 erhielt er dafür den Friedensnobelpreis.

Trotz dieser weltweiten Erfolge soll Borlaug zeitlebens im Herzen der Farmer gewesen sein, der er von Kindesbeinen an war. Von 1964 bis 1979 leitete er zum Beispiel die Weizenabteilung des Internationalen Mais- und Weizenveredelungszentrums in Mexiko. Hier habe er für Aufsehen gesorgt, weil er nicht – wie in Mexiko üblich – mit einem "saco limpio" (sauberen Jackett) im Bürostuhl saß und seine Angestellten herumkommandierte. Es wird berichtet, dass er stattdessen zu den Bauern aufs Feld ging und sie persönlich beriet.

Obwohl Norman Borlaug unter Fachleuten als einer der bedeutendsten Agrarwissenschaftler aller Zeiten gilt, geriet sein Lebenswerk in der breiten Öffentlichkeit fast in Vergessenheit. Seine Kritiker sehen bis heute in Borlaug einen der Wegbereiter der industriellen Landwirtschaft.

Seit etwa 15 Jahren erlebt die Borlaug-Dynastie in den USA ein Agrar-Revival. Inspiriert vom Lebenswerk ihres Großvaters, engagiert sich seine Enkelin Julie dafür, mit hochmoderner Landwirtschaft die Hungerprobleme der Welt zu lösen. Hierfür arbeitet sie im Leitungsgremium des 1984 gegründeten "Norman Borlaug Institute For International Agriculture". Das an US-Universitäten geknüpfte und in Texas beheimatete Institut forciert landwirtschaftliche Partnerschaften zwischen privaten, öffentlichen und gemeinnützigen Gruppen – mit dem Ziel, hungernden Menschen weltweit Nahrung zur Verfügung zu stellen.

Seit zwei Jahren ist Borlaug auch Vorstandsmitglied bei Inari, einer ebenfalls an die universitäre Forschung geknüpften Firma, die sich mit dem Einsatz der Gen-Schere Crispr-Cas beschäftigt. Hauptaugenmerk bei Inari liegt auf der Entwicklung von Saatgut, das sehr individuellen Ansprüchen von Kleinbauern genügt; zum Beispiel Weizen für trockene Böden in Kasachstan.

In der US-Agrar-Szene kommt Julie Borlaug der Ruf einer Visionärin zu, sicherlich auch getragen von Ruhm und Ehre ihres Großvaters. Man lässt sich in der Branche gerne mit ihr sehen, sie ist Keynote-Speaker auf diversen Kongressen. Auch Liam Condon, der Bayer-Vorstand für Crop Science, schmückt sich in einer Image-Broschüre des Konzerns mit Borlaug.

Dokumentiert ist hier ein fachlich-philosophischer Austausch zwischen Borlaug und Condon, in dem Borlaug die großen Herausforderungen des Agrarsektors zusammenfasst: "Das sind zunächst der Klimawandel und das unstete Wetter. Eine weitere wichtige Herausforderung ist der gesellschaftliche Widerstand gegen neue Technologien und Innovationen. Die dritte Herausforderung ist die Frage: Wie können wir die nächste Generation dazu motivieren, in der Landwirtschaft zu arbeiten?"

Wie ihr Großvater steht auch Julie Borlaug in der Kritik, bei ihrer Agrar-Philosophie zu sehr durch die Industrie-Brille zu schauen. Doch hier zeigt sie sich hartleibig – und sehr von der Sache überzeugt: "Die Agrarindustrie muss besser erklären, warum die moderne Landwirtschaft für unsere Zukunft so eine große Rolle spielt – und dass deren Gegner nicht geduldet werden dürfen." Hierfür müsse die Branche ihre Botschaften verständlich formulieren, die wissenschaftliche Fachsprache und den landwirtschaftlichen Jargon verlassen.

Dass sie für ihre drastischen Aussagen angefeindet wird, kann Borlaug gut wegstecken. "Nur wenn Du nichts tust, hast Du niemals Kritiker", zitiert sie gern ihren Großvater. "Das war seine Lektion darin, nicht vor dem Blick über den Tellerrand zurückzuschrecken und den Status quo nicht zu akzeptieren. Auch wenn man Gegenwind bekommt."

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