Bild: jst

Viele Fachbesucher der diesjährigen Grünen Woche in Berlin dürften sich über ein unverhofftes Wiedersehen mit Dr. Clemens Dirscherl gefreut haben. Er versteht sich als Botschafter für Tierwohl im LEH.

Nicht nur in der Agrarbranche ist der heute 60-Jährige in den vergangenen mehr als 25 Jahren weit über seine Heimatregion in Baden-Württemberg bekannt geworden. Auf der IGW trifft ihn der Besucher am Stand des Lebensmitteleinzelhandelsunternehmens Kaufland auf dem Erlebnisbauernhof. Es geht um Fleisch, es geht um Tiere und um das große Thema „Tierwohl“. Erst kurz zuvor war Kaufland gemeinsam mit anderen Unternehmen der Branche an die Öffentlichkeit getreten, um über die Einführung eines eigenen Tierwohllabels des Handels zu informieren.

An der Frontseite des Stands werden vor Publikum kleine Snacks aus Rindfleisch für den anschließenden Verzehr zubereitet: Es gibt Mett- und Kochwürstchen – und viele Gespräche rund um das Kaufland-Programm „Wert-Schätze“. Und mittendrin steht der „Fachexperte Landwirtschaftliche Prozesse/Nachhaltigkeit“ Clemens Dirscherl. Engagiert erläutert er Schüler- und anderen Besuchergruppen die Besonderheiten der Fleischerzeugung für das Programm, geht ein auf ethische Fragen der Tierhaltung sowie konkrete Aspekte des Begriffs Nachhaltigkeit. Er tritt Verklärungen entgegen und räumt mit Missverständnissen auf – sachlich korrekt und immer freundlich.

Als „irgendwas mit Kirche“ – so kennen viele in der Agrarbranche die Aktivitäten von Clemens Dirscherl, aber auch darüber hinaus. Dies ist zwar richtig, jedoch unvollständig. Dirscherl ist kein „Kirchenmann“ im engeren Sinn. Als Grund für sein Studium der Sozialökonomie nennt er „ausgeprägte gesellschaftspolitische Interessen“. Zusätzlich vermittelten ihm vier Semester der evangelischen Theologie Einblicke in die Denkweise und Arbeit der Kirche. Nach Abschluss des Studiums und anschließender Promotion an der Universität Freiburg stand eine Karriere zum Professor in Aussicht. Jedoch eröffnete ein Kontakt zum Evangelischen Bauernwerk in Württemberg e.V. in Hohebuch 1991 Dirscherl eine neue Perspektive, seine Interessen und Kenntnisse in der praktischen Arbeit mit verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen unter Aspekten der ländlichen Entwicklung konkret zu gestalten. Als Geschäftsführer des Evangelischen Bauernwerks und leitender Agrarreferent der Württembergischen Landeskirche stieß er mit seiner Arbeit zu ethischen Fragen der Agrarwirtschaft auf zunehmendes Interesse. Auch die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) wurde darauf aufmerksam. Im Jahr 2000 wurde Dirscherl zum Bundesvorsitzenden der Evangelischen Landdienste (EDL) ernannt, 2004 berief ihn der Ratsvorsitzende der EKD zum Ratsbeauftragten für Agrarfragen. Dieses Ehrenamt führte Dirscherl bis zum August 2018.

„Tiere darf man auch nutzen.“
Dr. Clemens Dirscherl, Kaufland, 
Doch zuvor, im Laufe des Jahres 2017, ergaben sich innerhalb des Evangelischen Bauernwerks Unstimmigkeiten über Strukturreformen der Organisation. Im Ergebnis trennten sich Ende 2017 Geschäftsführer und Bauernwerk aufgrund unterschiedlicher Vorstellungen über die Arbeitsweise innerhalb der Organisation. Als nunmehr Selbstständiger gründete Dirscherl die Agentur „Agrarwerte“. „Unser Angebot für Bildung, Beratung und Begleitung lief gut“, sagt Dirscherl. Es umfasste Kommunikationskurse, Gutachten sowie auch die Entwicklung von Leitbildern, beispielsweise die „Werteorientierte Unternehmensführung in der Agrar- und Ernährungswirtschaft“.

Auch das Unternehmen Kaufland beschäftigte sich mit diesen Themen und war dabei, ein Qualitätsfleischprogramm zu entwickeln, in welches eine „ethische Wertekompetenz“ einfließen sollte. Vom ersten Kontakt bis zum konkreten Angebot für eine Position im Unternehmen war es dann nicht mehr weit. Seit Anfang 2018 sitzt Dirscherl in der Kaufland-Unternehmenszentrale in Heilbronn. Er ist zuständig für die strategische Weiterentwicklung des Unternehmensprogramms, Schulungsmaßnahmen und den Dialog mit der Öffentlichkeit. Dazu gehört auch die Lieferantenakquise, betont er.

Er versteht sich als Gesprächspartner und Partner der Landwirtschaft. Die Resonanz anlässlich des ersten Auftritts von Kaufland auf dem bekannten Landwirtschaftlichen Hauptfest in Bad Cannstatt Anfang Oktober 2018 war positiv, sodass die Entscheidung für einen weiteren auf dem Erlebnisbauernhof der IGW rasch fiel. Auch hier war das Interesse der Besucher groß. Und Dirscherl sagt: „Es ist schön, nicht nur zu reden, sondern operativ tätig zu sein.“

Die Kommentare für diesen Artikel sind geschlossen.

stats