Ursula von der Leyen

Alleskönnerin auf neuem Posten


Ursula von der Leyen und Jean-Claude Juncker bei der offiziellen Amtsübergabe.
Foto: imago images / Xinhua
Ursula von der Leyen und Jean-Claude Juncker bei der offiziellen Amtsübergabe.

Ursula von der Leyen's Weg ist lang: Die Ärztin und siebenfache Mutter ist als erste Frau Verteidigungsministeriun und krönt ihre Karriere nun als Präsidentin der EU-Kommission.

Die Agrarpolitik kam in ihrer Ansammlung von Ministerposten bisher nicht vor, daran änderte auch ihr Wohnsitz in der Ackerbauregion im Umland von Hannover nichts. Die Tochter des langjährigen Ministerpräsidenten von Niedersachsen, Ernst Albrecht, hat breit gefächerte Interessen: Sie nahm zunächst ein Studium der Archäologie auf, wechselte zur Volkswirtschaft und schloss dann ein Medizinstudium ab. Ihre Verbindung zur Landwirtschaft beschränkt sich auf die Haltung eines Ponys für die Kinder und ihre Passion fürs Reiten.

In ihrer Antrittsrede zur EU-Kommissionspräsidentin im Juli vor dem Europaparlament präsentierte sie sich mit einem bunten Strauß von Bekenntnissen als gute Europäerin. Die Gemeinsame Agrarpolitik (GAP) erwähnte von der Leyen dagegen mit keinem Wort, was nicht nur den Abgeordneten aus dem EP-Agrarausschuss unangenehm auffiel.

"Röschen" und die Debattenkultur

Die neue Kommissionspräsidentin wurde 1958 in Brüssel geboren und kehrt jetzt geografisch und politisch an ihre Ursprünge zurück. Ihr Vater Ernst Albrecht arbeitete in den 50er und 60er Jahren in der Montanunion und in der Kommission und gab seiner Familie und seinem "Röschen", wie Tochter Ursula genannt wurde, gleich europäisches Flair mit.

Politik habe am Familientisch immer eine Rolle gespielt, berichtete von der Leyen. So wie Bauernkinder das Treckerfahren in die Wiege gelegt bekommen, wusste jeder in der Familie um die Ränkespiele in der Politik, das erfolgreiche Sich-in-Szene-Setzen, was bei von der Leyen wahrscheinlich ein anhaltendes Lächeln vor der Kamera hinterlassen hat. Auf den Spuren ihres Vaters folgte von der Leyen in die Politik und erntete zunächst die familiären Vorschusslorbeeren. Als Albrecht 1990 als Ministerpräsident von Niedersachsen abgewählt worden war, trat die Tochter zum Ausgleich erst mal in die CDU ein.

2001 startete von der Leyen dann in Hannover und seinem Umland, der Hausmacht der Familie, ihre politische Karriere und stieg bald darauf im Jahr 2005 als Familienministerin und Mitglied des CDU-Vorstands in die Bundespolitik ein.

Von der Familie zum Militär

Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf für Frauen ist ihr erstes großes Thema. Sie sorgte als Familienministerin für den Ausbau von Krippenplätzen, gewährte Elterngeld nur für Väter, die für ein paar Monate die Kinderbetreuung übernehmen, und sägte damit am traditionellen Familienbild der CDU. Frischen Wind wollte sie als Verteidigungsministerin auch in die Bundeswehr bringen, doch mit zunehmender Amtszeit geriet sie dort mehr und mehr unter Druck. Bedingt einsatzfähige Waffen der Bundeswehr und die ausufernden Reparaturkosten für das Segelschulschiff "Gorch Fock" bringen von der Leyen schlechte Schlagzeilen. Gleichzeitig gerät die Ministerin wegen Schludereien in ihrer Doktorarbeit unter Druck, was sie zu einem vorsichtigeren Gang in der Politik zwingt.

Da kommt ihr die überraschende Berufung nach Brüssel im Sommer 2019 sehr zupass. Nur werden auf dem EU-Spitzenposten die Aufgaben, das Ausmaß der zu lösenden Konflikte und die Möglichkeit von Ablehnung in der Presse sicherlich nicht weniger. Von der Leyen will und muss auf europäischer Ebene den Klimawandel vollziehen. Sie traut sich, wie gesagt, einiges zu. Und sollte es einmal nicht weitergehen, müssen Berater ran, mit denen sie schon als Bundesverteidigungsministerin von sich reden machte.

Auch das Improvisieren bei halbfertigen Lösungen ist die neue EU-Kommissionspräsidentin gewohnt, die aus praktischen Gründen erst mal in oder neben ihrem Büro im Dienstsitz am Rond-Point Schuman auch übernachten möchte. Wer Beratern und Zwischenlösungen allerdings weniger vertraut als von der Leyen, wünscht sich von ihr dennoch eine Annäherung an den Agrarsektor, um auch die Landwirtschaft kompetent durch die Klimawende bringen zu können.

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