Rund 500 Trecker fahren durch die bayerische Landeshauptstadt.
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Rund 500 Trecker fahren durch die bayerische Landeshauptstadt.

Es erinnert mehr an ein Bild aus Frankreich als aus einer deutschen Großstadt: Rund 500 Schlepper sorgen für gesperrte Straßen in der bayerischen Landeshauptstadt, über 3.000 Bauern protestieren nach Schätzungen des Veranstalters Bundesverband Deutscher Milchviehhalter (BDM) auf dem Odeonsplatz und vor der bayerischen Staatskanzlei. „Das sind tausend mehr, als wir erwartet hatten“, sagte eine Pressesprecherin des Verbands.

Dröhnendes Kuhglockenkonzert auf Odeonsplatz

Zum Auftakt der großen Kundgebung schwenken die wütenden Landwirte tausende Kuhglocken. Eine große weiße Puderwolke schießt über die Menge: Die Veranstalter blasen abgelaufenes Milchpulver in die Luft, als Zeichen, „dass die Folgen eines Zuviel an Milch allein die Milchbauern tragen müssen", erklärt der BDM die Aktion. Auf Plakaten sind Sprüche wie „Milchmarkt gestalten statt Krisen verwalten“, „Millionenverluste durch Milchpreisverfall“ zu lesen. „Wie fühlt man sich, wenn man die bäuerlichen Familienbetriebe zerstört?“ fragt eine Bäuerin auf einem großen Schild.

Die Milchbauern sind auf einer Staffelfahrt quer durch die Republik aus allen Himmelsrichtungen zur bayerischen Landeshauptstadt gefahren, um dort und auf dem Weg dorthin über die in ihren Augen katastrophale Situation der Milchviehhalter aufmerksam zu machen.

BDM spricht von  Verweigerungshaltung der Politik

Der Politik, insbesondere Agrarminister Christian Schmidt (CSU), wirft der BDM „Untätigkeit beziehungsweise Verweigerungshaltung“ vor, durch die den Milchbauern und dem Ländlichen Raum Verluste entstehen würden. „Minister Schmidt lehnt jeden Eingriff in einen vermeintlich freien Markt ab und fordert gleichzeitig von den Milchviehhalten eine Art Duldungsstarre“, sagte der Vorsitzende des BDM, Romuald Schaber. „Das können wir nicht akzeptieren.“

Milchbauern legen Münchens Straßen lahm.
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Milchbauern legen Münchens Straßen lahm.
Der Milchpreisverfall macht den Bauern zu schaffen. Seit 2014 fiel der Auszahlungspreis der Molkereien um mehr als 10 Cent pro Liter Rohmilch. Derzeit zahlt zum Beispiel die Molkereigenossenschaft FrieslandCampina 28,50 €/100 kg Milch.

Dabei habe der BDM bereits ein Konzept mit einem ganzen Bündel an ineinandergreifenden Krisenmaßnahmen entwickelt, das auf europäischer Ebene angegangen werden müsse, sagte Schaber. „Dafür müssen sich Minister Schmidt und Parteichef Horst Seehofer stark machen“, nur so könne eine Marktumkehr erreicht werden. Der Mindestpreis müsse bei 40 Cent liegen, zudem solle die EU die Überproduktion vorübergehend deckeln können, fordert der Verband. „Es geht nur um Mengen, die ohnehin nicht nachgefragt werden – die Furcht, dadurch Marktanteile zu verlieren, ist also unbegründet.“

"Steuerung der Milchmenge ist notwendig“

Auch Oppositionspolitiker nutzen die Gelegenheit, um die Milchpolitik der Regierung zu kritisieren. „Eine auf den EU-Bedarf orientierte Milchproduktion wird gebraucht. Das geht nicht ohne eine Steuerung der Milchmenge, auch wenn Agrarminister Schmidt das vehement ablehnt“, sagte die agrarpolitische Sprecherin der Linken-Fraktion im Bundestag, Kirsten Tackmann.

Die Europa-Abgeordnete der Grünen, Maria Heubuch, forderte Agrarminister Schmidt auf, sich in Brüssel beim Sondertreffen der EU-Agrarminister am 7. September für wirksame Maßnahmen zur Begrenzung der Produktion einzusetzen. „Die Lage ist sehr ernst. Viele Landwirte haben den Versprechungen von Milchindustrie und Bauernverband geglaubt und auf rosige Exportchancen gesetzt. Angesichts des niedrigen Milchpreises sehen sie sich gezwungen, auf Teufel komm raus zu produzieren, um liquide zu bleiben. Wirklich helfen würde nur, weniger Milch zu erzeugen.“

Den Vorschlag des Bauernverbands, Agrarsubventionen vorzeitig auszuzahlen, lehnt die Abgeordnete als reine Symptombekämpfung ab. Schmidt solle sich dafür einsetzen, dass das Geld aus der Superabgabe an jene Bauern gezahlt werde, die jetzt freiwillig ihre Milchproduktion drosseln.

MEG Milch Board: Milchviehhalter zahlen drauf

Gelder nach dem Gießkannenprinzip über die Milcherzeuger auszuschütten, lehnt auch das MEG Milch Board ab. Der Verein hat das Ziel, die Marktposition der Milcherzeuger zu stärken. „Die EU-Kommission kann mit Geld nur die Symptome der Krise abmildern, an die strukturellen Probleme wagt sie sich nicht heran“, sagte Peter Guhl, Vorstandsvorsitzender der Erzeugerorganisation. Die Aussage von EU-Kommissar Phil Hogan, nur osteuropäische Mitgliedsstaaten seien von der aktuellen Krise betroffen, stößt bei dem MEG Milch Board auf Unverständnis. Die Milcherzeugungskosten in Deutschland lägen durchschnittlich bei 45,44 Cent/kg Milch. Der aktuelle Milchauszahlungspreis liegt deutlich darunter. (mas)

Bildergalerie: Wütende Milchbauern in München

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