az-Interview zur Bundestagswahl

„Alles wird auf dem Rücken der Landwirte ausgetragen“

-- , Foto: Bundestag
az: Was ist Ihr großes Ziel?

Ebner: Wir wollen gemeinsame Veränderungen. Da geht es nicht gegen jemand, sondern für etwas. Wir wollen mit unserem Pakt für faire Tierhaltung raus aus der industrialisierten Intensivtierhaltung ohne Flächenbindung. Mit einer starken zweiten Säule wollen wir den Umbau gemeinsam mit den Bauern anpacken und mit einer klaren und einfachen Tierhaltungskennzeichnung auch die Verbraucher mit ins Boot nehmen. Und mit einem klaren ordnungsrechtlichen Rahmen gilt es, die Tierhaltung zu verbessern und Umwelt und Grundwasser sauberzuhalten. Dazu haben wir ein Pestizidreduktionsprogramm vorgelegt.


Wie erklären Sie sich die geringe Flexibilität der Landwirte?

Ebner: Ich führe heiße Debatten mit dem Bauernverband, der an der Systementwicklung festhält und von dem bis vor zwei Jahren keinerlei selbstkritische Töne gekommen sind. Dabei hat der wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung in Gutachten zur Nutztierhaltung und zur Nachhaltigkeit in der Landwirtschaft Änderungen angemahnt. Da kann man doch nicht sagen: ‚Wir müssen uns nicht verändern, sondern nur die Verbraucher.‘ Die DLG hat sich anders aufgestellt. Sie sagt: ‚Wir haben erkannt, dass es Fehlentwicklungen gibt, und wir sind bereit, mit der Gesellschaft und Landwirtschaft und Politik zu überlegen, was wir ändern müssen, damit es allen nützt.‘


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Ist nur Öko sinnvoll?

Ebner: Wir wollen den klassischen Öko-Landbau massiv nach vorne bringen. Dazu brauchen wir mehr Geld für die Erforschung biologischer Vorgänge und für Alternativen zum chemischen Pflanzenschutz. Davon profitieren auch konventionelle Betriebe. Umstellungslandwirte berichten mir, dass sie ein besseres Gefühl mit ihrer Arbeit und gegenüber der Gesellschaft haben. Und sie können wirtschaftlich existieren.


Grüne Agrarpolitik reglementiert viel. Stimmt das?

Ebner: Verbote und Regulierung ordnen unser gesellschaftliches Leben. Die CDU ist vorne mit dabei, wenn es gilt, Gesetze und Strafrecht zu verschärfen. Wir wollen so viel Freiheit wie möglich für die individuelle Lebens- und Betriebsgestaltung, aber auch so viel Rücksichtnahme auf Umwelt und Gesundheit wie nötig. Ständig belegen neue Studien, wie gefährlich Neonicotinoide für Bestäuber sind. Aus dieser Spirale müssen wir raus.


Wie schaffen Sie Abhilfe?

Ebner:
Uns geht es darum, das Zulassungsverfahren wieder vom Kopf auf die Füße zu stellen und das Vorsorgeprinzip ernst zu nehmen. Wir wollen die Landwirtschaft aus der Debatte herausnehmen. Denn immer, wenn man feststellt, dass ein Mittel gefährlich ist, werden die Landwirte an den Pranger stellt, aber nicht die Industrie oder die Zulassungsbehörde. Alles wird immer auf dem Rücken der Landwirte ausgetragen. Wir müssen darauf achten, dass nicht die Industrie die Risikostudien von Glyphosat und Neonicotinoiden erstellt und bewertet, sondern unabhängige Wissenschaftler.


Was ist bei Glyphosat schief gelaufen?

Ebner: Hätten alle Betriebe Glyphosat verantwortungsvoll angewendet, gäbe es heute kaum die Debatte darum. In Deutschland werden rund 5000 Tonnen reiner Wirkstoff im Jahr auf 40 Prozent der Ackerflächen ausgebracht. Es müssen alle Methoden des integrierten Pflanzenbaus zur Anwendung kommen, wie es das Julius-Kühn-Institut vorgeschlagen hat.


Zur Person
Der Bauernsohn von der Schwäbischen Alb ist seit sechs Jahren Mitglied des Deutschen Bundestages und vertritt den Wahlkreis Schwäbisch Hall/Hohenlohe. Der 53-jährige Obmann im Agrarausschuss ist in der Grünen-Fraktion zudem Sprecher für Gentechnik- und Bioökonomiepolitik. (da)
Wo sehen die Grünen Chancen mitzuregieren?

Ebner: Die Agrarfragen stehen auf Platz drei der Top-Ten-Prioritätenliste für unsere Regierungsarbeit. Ich bin überzeugt, wenn wir in diesem Punkt nichts erreichen, wird es keine Koalition mit uns geben. Wir wollen inhaltliche Dinge voranbringen. Dazu müssen wir nach der Wahl prüfen, mit wem wir das erreichen können. Eine plumpe, demokratiefeindliche Ausschließeritis à la Friedrich Bullinger von der FDP wird es mit uns nicht geben.


Das Gespräch führte Daphne Huber-Wagner
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